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Berühmtes Tagebuch - "Anne Frank sah die Zukunft in dunklen Farben"

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Lange Zeit war nur eine geglättete Version des Tagebuchs der Anne Frank auf dem Markt: Sie sollte Versöhnung statt Bitternis verbreiten. Doch ungekürzt zeigt sich ein anderes Bild.

Anne Franks Tagebuch
"Ein Trost für die Nachkriegsgesellschaft": Anne Franks Tagebuch
Quelle: ap

Anne Frank hatte viel Zeit, um zu schreiben - gezwungenermaßen. Was hätte sie in ihrem Versteck in Amsterdam sonst auch tun sollen? Von ihrem Tagebuch sind mehrere Fassungen erhalten. "Sie hat 1944 begonnen, ihr Tagebuch selbst für eine spätere Veröffentlichung vorzubereiten", sagt Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums Hohenems. Anne Frank wurde im Februar 1945 im KZ Bergen-Belsen ermordet. Ihr Vater überlebte und veröffentlichte 1947 eine gekürzte Version des Tagebuchs. "Als Vater, Holocaust-Überlebender und Mann seiner Zeit hat er intime oder andere Passagen weggelassen", sagt Yves Kugelmann. Er ist Stiftungsrat im Anne-Frank-Fonds in Basel, der den Nachlass verwaltet. 1983 wurde der gesamte Text publiziert und die gekürzte Version des Vaters vom Markt genommen.

Auch Hanno Loewy fallen Unterschiede zwischen den Fassungen auf. "Anne Frank hat sich in ihrem Tagebuch sehr kritisch mit ihrer Mutter, aber auch mit anderen Familienmitgliedern und Versteckten im Hinterhaus auseinandergesetzt. Manches davon war sehr privat und oft auch schmerzlich für Otto Frank", berichtet Loewy. Anne Frank habe "sehr offen über ihre sexuelle Entwicklung gesprochen. Das war zu dieser Zeit für ein Buch, dass sich ja nicht zuletzt an Jugendliche richten sollte, alles andere als üblich."

Versöhnliches Ende "hochproblematisch"

Sven Kramer von der Universität Lüneburg beobachtet in der Rezeption von Anne Frank immer wieder Verfremdungen. Das Tagebuch kam in den 1950er-Jahren als Bühnen-Adaption auf den Broadway und war dort "so erfolgreich, dass George Stevens es 1959 verfilmte", berichtet der Literatur-Professor. "Besonders hier treten krasse Bearbeitungen des Textes auf. Anne Frank sagt im Film: 'Trotz allem glaube ich noch an das Gute im Menschen.'"

Laut Kramer wird hier ein versöhnliches Ende konstruiert, was es bei Anne Frank tatsächlich so nicht gab: "Angesichts ihres schrecklichen Endes im KZ Bergen-Belsen, das weder im Stück noch im Film erwähnt wird, ist dieses aus dem Zusammenhang gerissene Statement hochproblematisch."

"Ein Trost für die Nachkriegsgesellschaft"

Das kritisiert auch Loewy. "Das Tagebuch zeigt in Wirklichkeit eine ausgesprochen fatalistische und desillusionierte Anne Frank. Ihre Liebesgeschichte mit Peter war im Grunde schon wieder vorbei. Anne Frank sah die Zukunft in dunklen Farben", so Loewy. "Ein Zyklus von Wiederaufbau und Gewalt und Wiederaufbau und wieder Gewalt." Statt dies zu zeigen, war nach den Schrecken des Holocausts das Prinzip Hoffnung dominierend. Aus dem Tagebuch wurde so "ein Trost für die Nachkriegsgesellschaft und eine Belehrung", sagt Loewy.

Es gab auch weitere Formen von Geschichtsklitterung. In deutschen Übersetzungen der 1950er-Jahre seien alle Passagen getilgt worden, "die die Deutschen mit den Nazis identifizierten und die Annes Widerwillen gegen diese Deutschen zum Ausdruck brachten", berichtet Kramer. "Das deutsche Nachkriegspublikum konnte sich vermutlich gerade wegen der fehlenden Vorwürfe gut mit der Geschichte des armen Mädchens identifizieren."

Differenziertes Bild von Anne Frank

Laut Loewy wurden auch "Anne Franks Reflexionen über ihr Judentum" in der deutschen Fassung korrigiert. Anne Frank sollte als junges Mädchen besonders massenkompatibel sein - und nicht als jüdisches Mädchen exponiert werden. Dabei war es ja der antisemitische Rassenwahn der Nazis, der Anne Frank erst in den Untergrund zwang und dann umbrachte.

Musste aber die Geschichte der Anne Frank durch die unterschiedlichen Fassungen umgeschrieben werden? "Nein", sagt Loewy. Aber: "Das Bild wird einfach differenzierter. Sie war keineswegs die alles vergebende Figur einer Versöhnung, die man in den 1950er-Jahren aus ihr machte", so Loewy. "Wobei auch die erste Fassung viel Widerborstiges enthielt."

"Anne Frank könnte heute noch leben"

Kramer ist sich sicher: Auch künftig wird Anne Frank immer wieder neu interpretiert werden. "Die Geschichte von Anne wird dauernd umgeschrieben, weil jede Generation ihr Tagebuch in einem veränderten Kontext liest", sagt Kramer. Anne Frank sei in den 1950er-Jahren "schlicht als ein Mädchen wahrgenommen" worden. Nach der Ausstrahlung der amerikanischen TV-Serie "Holocaust” habe sie Konturen als jüdisches Mädchen bekommen. "Heute kann ihr Tagebuch vielleicht vor neonazistischen Tendenzen warnen", sagt Kramer.

Yves Kugelmann warnt vor einer Anne-Frank-Nostalgie: "Sie könnte heute ihren 90. Geburtstag feiern", betont Kugelmann: "Sie starb mit Margot einen erbärmlichen Tod in Bergen-Belsen. Sie könnte heute noch mit ihrer Schwester leben."

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