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Bestsellerautor Ian McEwan - "Wir stehen am Beginn eines neuen Zeitalters"

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Kann ein Roboter lieben? In seinem neuen Roman "Menschen wie ich" stellt sich Ian McEwan diese Frage - und baut eine plausible Zukunftsvision voller moralischer Zwickmühlen.

Was passiert, wenn ein Roboter aussieht wie ein Mensch und Gefühle zeigt? Ian McEwan baut in seinem neuen Buch eine plausible Zukunftsvision voller moralischer Zwickmühlen. Damit legt er den Finger an den Puls einer Zukunft, die bereits begonnen hat.

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Die "schöne neue Welt" aus Science-Fiction-Romanen hat bereits begonnen: Weltweit arbeiten Wissenschaftler daran, immer lebensechtere Roboter zu bauen, Alexa und Siri nehmen uns Erledigungen ab und intelligente Waffensysteme finden ihr Ziel auch allein. Mit der Künstlichen Intelligenz beginnt ein neues Zeitalter, im Guten wie im Bösen. Deshalb hat der britische Bestseller-Autor Ian McEwan sie zum Thema seines neuen Romans gemacht.

Darin spielt er mit den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz - und mit den moralischen Fragen, die sich daraus ergeben. Diese Woche stellte McEwan seinen neuen Roman "Maschinen wie ich" vor.

Der neue Roman von Ian McEwan

"Maschinen wie ich" - das sind humanoide Roboter. Einen der ersten davon kauft der junge Londoner Charlie und konfiguriert zusammen mit seiner Nachbarin Miranda die Charaktereigenschaften der menschenartigen Maschine, steckt das Ladekabel an - und Roboter Adam erwacht zum Leben.

Bald ist Adam etwas zu lebendig für den Geschmack seines Besitzers: Denn der Roboter geht mit Miranda ins Bett und verliebt sich in sie - obwohl Miranda und Charlie inzwischen ein Paar sind. Fühlt Charlie sich zu Recht betrogen? Oder ist Adam nur eine Art Vibrator, wie Miranda sagt?

heute.de: In Ihrem neuen Roman "Maschinen wie ich" entwickelt ein Roboter Gefühle - ist das realistisch?

Ian McEwan: Wenn wir eine Maschine bauen, die so hochentwickelt ist, dass sie mit uns sprechen kann und sagt, "ich habe Hunger" oder "ich habe Schmerzen" oder auch "ich bin verliebt", dann fragen wir uns als erstes: Können wir das glauben?

Wir können ja unser eigenes, menschliches Bewusstsein nicht beweisen - auch wenn wir annehmen dürfen, eines zu besitzen. Mit dem Bewusstsein von Maschinen ist es also sehr schwierig. Mein Roman will dieses Problem ausleben.

Charlie, der Ich-Erzähler, kauft diesen humanoiden Roboter, bringt ihn nach Hause, lädt ihn auf. Als der Roboter schließlich aufsteht, sagt er: "Es tut weh, wo das Kabel in meinen Bauch geht". Charlie kann es nicht glauben. Und trotzdem kann er nicht anders, als den menschengleichen Roboter auch wie einen Menschen zu behandeln. Er lebt also in dieser merkwürdigen Welt, in die ich meine Leser entführen möchte - und in der ich während des Schreibens selbst gelebt habe. Das Problem des Bewusstseins von Robotern wird uns immer begleiten.

heute.de: Warum haben Sie für den Roman das Thema künstliche Intelligenz gewählt?

McEwan: Wir stehen am Rande dessen, was ich für ein neues Zeitalter halte. Wir fangen an, über selbstfahrende Autos zu reden. Es sind bereits Flugzeuge abgestürzt, weil der Bordcomputer gegen den Piloten handelte. Unsere Kinder sprechen mit Alexa und Siri und wir fragen uns, ob sie "bitte" oder "danke" sagen sollten.

Und Regierungen sind in einem scharfen Wettbewerb, künstliche Intelligenz für ihr Militär, für ihre Landwirtschaft, für ihre Industrie zu entwickeln. Es ist, als stünden wir am Ufer, schauten auf diesen Ozean und hätten unsere Zehen gerade mal im Wasser. Wir werden keinen menschengleichen Roboter wie Adam mehr erleben - also, ich zumindest nicht - aber wir bewegen uns auf diese Maschinen zu.

heute.de: Sie befassen sich seit 40 Jahren mit dem Thema KI. Wie weit, glauben Sie, sind wir von humanoiden Robotern entfernt?

McEwan: Das menschliche Gehirn ist sehr schwer zu imitieren. Wir sind weit davon entfernt. Aber bereits jetzt nehmen Maschinen uns moralische Entscheidungen ab. In selbstfahrenden Autos beispielsweise, inwieweit man den Fahrer schützen soll. Im Zweifel für den Fußgänger oder für den Fahrer? Diese Entscheidung könnte eine Maschine im Ernstfall viel besser als wir treffen, im Bruchteil einer halben Sekunde. Trotzdem ist es besorgiserregend, dass wir diese Verantwortung abgeben.

Seine Bücher sind Bestseller und wurden bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. In seinem neuesten Roman beschäftigt sich Ian McEwan mit Fragen zur künstlichen Intelligenz.

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heute.de: Sie beschreiben diverse moralische Zwickmühlen, in die eine Interaktion mit superintelligenten Robotern uns bringt. Was hat Sie inspiriert?

McEwan: Die Zeitschrift "Nature" hat eine weltweite Umfrage gemacht - in den USA und Europa, in Südamerika und in China. Die Frage war: Wer sind die wertvollsten Menschen? Denn diese Frage muss man sich stellen, wenn man ein selbstfahrendes Auto programmiert.

Europäer und Amerikaner sagten: Kinder sind am wertvollsten. Die Chinesen sagten, es sind nicht Kinder, sondern alte Menschen. Sie respektieren die ältere Generation viel mehr als wir. Also vielleicht werde ich eines Tages nach China umziehen.

Aber Spaß beiseite, wir stellen uns diese Fragen bereits in Vorbereitung auf den BMW oder den Mercedes, der einem Hindernis ausweicht und entweder den Fahrer oder einen Fußgänger töten wird.

heute.de: Wenn Menschen und Roboter emotionale Beziehungen haben, ist das doch Science Fiction oder?

McEwan: Jeder, der seinem Auto wenn es stehen bleibt einen ordentlichen Tritt gibt, ist schon in einer emotionalen Beziehung mit einer Maschine. Also sogar bevor wir völlig glaubwürdige Kreaturen haben. In Japan rennen bereits kleine Plastik-Hunde herum, die alte Menschen daran erinnern, ihre Medizin zu nehmen, ihnen die Nachrichten und Gute-Nacht-Geschichten erzählen - und die alten Menschen hängen sehr an ihren Plastik-Hunden. Wir neigen dazu, unsere neuen Cousins in unserer Welt willkommen zu heißen - auch wenn uns das Sorgen macht.

heute.de: Wie sehr verändert künstliche Intelligenz aus Ihrer Sicht die Welt?

McEwan: Ich glaube, das wird gravierender als die Erfindung des Rades, größer als die Agrar-Revolution - wahrscheinlich so groß wie die industrielle Revolution. Das heißt, so lange wir unsere anderen Probleme im Griff behalten, wie den Klimawandel. Oder den atomaren Wettlauf.

Wenn wir uns selbst Zeit und Raum geben, werden wir der Versuchung nicht widerstehen können, intelligente Maschinen zu bauen. Das Rennen läuft bereits, weltweit bauen viele Firmen humanoide Kreaturen. Nur die Batterien sind noch nicht stark genug. Wir müssen also einen Weg finden, Elektrizität gut und günstig zu speichern. Was übrigens auch den Klimawandel lösen würde.

Das Interview führte Patricia Schäfer, Korrespondentin im ZDF-Landesstudio in München.

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