Sie sind hier:

Betriebsrats-Gehälter - Spagat zwischen Lohn und Leistung

Datum:

Berufswunsch Betriebsrat: angesichts immer wieder kursierender Spitzengehälter ein verständlicher Wunsch. Aber was ist dran an den üppigen Gehältern, die publik wurden?

Archiv: Bernd Osterloh, aufgenommen am 25.09.2015 in Wolfsburg
VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh
Quelle: dpa

Bis zu 750.000 Euro Gehalt plus Boni - das hat VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh nach eigenen Angaben bislang in der Spitze bezogen. Damit ist jetzt erst einmal Schluss, denn der Konzern hat die Bezüge von Osterloh und 13 weiteren Betriebsräten im Zuge von Ermittlungen gegen das Unternehmen gestrichen - auf nun, wie zu hören ist, 96.000 Euro jährlich für den Betriebsratschef. Immer noch eine Menge Holz für einen gelernten Industriekaufmann, könnte man jetzt natürlich nachrechnen. Wer möchte da nicht gerne Betriebsrat sein?

Extrembeispiele bleiben in den Köpfen

"Solche Beispiele werden immer gerne in den Medien genannt, aber tatsächlich haben wir es hier mit Extremen zu tun, wie man sie in den Universen von nur wenigen Großunternehmen antrifft", sagt Erhard Tietel. "Betriebsräte" ist das Fachgebiet des Psychologen, der eine Professur am Zentrum für Arbeit und Politik der Universität Bremen inne hat. "Solche Beispiele aus der Großindustrie bleiben natürlich in den Köpfen, aber sie sind meilenweit entfernt von der Realität der kleinen und mittleren Betriebe in Deutschland."

Extreme Beispiele, bei denen man sich zurecht empört? "Natürlich sind das Zahlen, die eine Neiddiskussion entfachen können, und offenbar haben es ja einige Arbeitsrechtler genau darauf abgesehen", sagt Erhard Tietel. Schaue man jedoch genauer hin, so könne man selbst die absoluten Spitzengehälter irgendwie nachvollziehen: "Als Betriebsratschef in einem Weltkonzern verkehre ich ständig mit Verhandlungsgegenübern, die immer noch ein Vielfaches verdienen. Da geht es auch um die berühmte Augenhöhe - nicht nur von der Macht und vom Status her, sondern auch wegen der Verantwortung. Es vergleicht doch auch niemand einen Vorstand mit einem Bandarbeiter."

IG-Metall-Chef Hofmann: "Betriebsräte sind keine Vorstände"

Das vielleicht nicht gerade, aber immerhin hat IG-Metall-Chef Jörg Hofmann Mitte 2017 in einem Interview klargestellt: "Betriebsräte sind keine Vorstände, das gilt auch für ihr Entgelt." Gleichzeitig verweisen Gewerkschaften seit Jahren auf Mängel im Betriebsverfassungsgesetz. Dort ist geregelt, wie hoch die Bezüge von freigestellten Betriebsräten sein dürfen - nämlich entsprechend ihrer eigentlichen Tätigkeit im Unternehmen. Was wiederum schon länger für Unstimmigkeiten sorgt.

"An der Spitze eines Betriebsrats zu stehen, ist mindestens so nervenaufreibend wie an der Spitze eines Unternehmens", weiß Tietel nach 15 Jahren Betriebsrats-Coaching. "Diese Leute haben mit genau den gleichen Themen zu tun wie eine Unternehmensleitung. Da geht es um Themen wie Zukunft, Marktfähigkeit oder auch Mitarbeitergesundheit." Und wenn man genau hinschaue, seien gerade bei Mittelständlern die Betriebsräte oft innovativer als Unternehmenschefs. "Das hat mit den Betriebsräten aus den 1970er Jahren nur noch wenig zu tun. Betriebsratsarbeit ist heute gestaltungsorientiert."

Teils große Schere zwischen Vergütung und Verantwortung

Allerdings spiegele sich dies häufig gerade bei kleinen und mittleren Unternehmen nicht in der Vergütung wider. "Ich hatte beispielsweise lange mit einem Betriebsratsvorsitzenden zu tun, der die Umgestaltung einer Krankenhausgruppe maßgeblich mit entwickelt hat. Der hatte vorher an der Pforte gesessen. Also erhielt er weiterhin das Pförtnergehalt. Aber schon bald hatte er aus gutem Grund das Gefühl, dass da eine große Kluft war zwischen seiner Bezahlung und dem, was er als fähiger Organisationsentwickler geleistet hat", sagt Betriebsrats-Experte Tietel.

Ein Punkt, den die Gewerkschaften ebenfalls auf der Agenda haben. "Wenn ein Maschinenschlosser Betriebsrat in einem normalen Unternehmen wird, dann bleibt er gewöhnlich bei seinem Entgelt, das er ursprünglich mal hatte", so IG-Metall-Sprecherin Silke Ernst. Viele Qualifikationen, unter anderem erworben durch gewerkschaftliche Fortbildungen, würden nicht honoriert. Bereits 2013 hätten die Gewerkschaften, so Ernst, entsprechende Initiativen angestoßen - doch dies sei bei der Bundesregierung versickert. "Nach wie vor fehlen klare transparente Regelungen, die nach innen und außen argumentierbar und nicht angreifbar sind."

Viele wollen nur noch für eine Periode ins Amt

Diejenigen, die sich als Betriebsräte engagieren, stehen nach Erfahrung von Erhard Tietel heute vor grundlegenden Entscheidungen: "Viele übernehmen das Amt für eine Wahlperiode und wollen dann zurück in den eigentlichen Job, um nicht den Anschluss an Entwicklungen zu verlieren." Andere hingegen engagieren sich über einen längeren Zeitraum - verbunden mit späteren Chancen, das gewonnene Know-how in Unternehmens- und Mitarbeiterführung in Form einer anderen Karriere fortzuführen als im ursprünglich ausgeübten Job. "Die Unsicherheit über die Zukunft ist aber deutlich größer als noch vor 20 Jahren", so Tietel.

Was verdienen Betriebsräte?

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.