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"Die Versorgung wird schwieriger"

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Bevölkerungsprognose bis 2035 - "Die Versorgung wird schwieriger"

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Während die Städte boomen, sterben ländliche Regionen aus - so eine neue Studie. Einer ihrer Autoren, Reiner Klingholz, leitet daraus auch Forderungen an die Politik ab.

Dorf Atterwasch in Brandenburg
Für Ostdeutschland könnte es besonders schmerzhaft werden: Hier schrumpft die Bevölkerung der Prognose zufolge um bis zu 16 Prozent.
Quelle: dpa

heute.de: Die Kluft zwischen großen Städten und ländlichen Regionen wird bis 2035 weiter wachsen, so die Prognose. Wie kommt das?

Reiner Klingholz: Erfolgreiche, prosperierende Städte sind und bleiben attraktiv. Denn dort gibt es eine kritische Masse aus innovativen Unternehmen, Forschungseinrichtungen und klugen Köpfen. Daraus entstehen Ideen für neue Dienstleistungen und neue Produkte und daraus entstehen Jobs. Deshalb ziehen diese Zentren und ihre Speckgürtel weiterhin junge, qualifizierte Menschen an, die dann in entlegenen, strukturschwachen Regionen fehlen.

heute.de: Welche Folgen hat diese Entwicklung?

Klingholz: Das hat Folgen für beide Seiten. Die eine Folge erleben wir heute schon in Städten wie München, Frankfurt, Hamburg, Berlin, Leipzig. Dort wächst die Bevölkerung relativ stark – und die Mieten gehen hoch. Außerdem gibt’s Probleme mit der Infrastruktur, mit den Verkehrssystemen, und so weiter. Aber auch die hohen Mieten halten die Menschen bislang nicht davon ab, in diese attraktiven Zentren zu ziehen.

heute.de: Bis 2035 prognostizieren Sie alleine für Berlin ein Wachstum von 11 Prozent, für Leipzig sogar 16. Wie lange geht das gut?

Klingholz: Die Städte tun alles dafür, dass das klappt. Sie bauen neue Wohnungen, nutzen alte Flächen, etwa Industriegebiete, wo sie neuen Wohnraum schaffen können. Die sind dabei, das zu regeln. Und damit ziehen sie natürlich erst recht neue Leute an.

Junge Menschen in Berlin
Während ländliche Regionen aussterben, ziehen Großstädte wie Berlin immer mehr Leute an.
Quelle: dpa

heute.de: Und die andere Seite: Welche Folgen hat das für die Regionen, wo die Menschen tendenziell wegziehen?

Wenn die Bevölkerung schrumpft, wird die Infrastruktur aus Kostengründen zurück gefahren.
Reiner Klingholz, Bevölkerungsforscher

Klingholz: Die Bevölkerung schrumpft und altert. Die Versorgung wird schwieriger. Wenn die Bevölkerung schrumpft, wird die Infrastruktur aus Kostengründen zurückgefahren. Dann macht das Postamt dicht, die Bank, die Geschäfte, es gibt nicht mehr genug Ärzte. Das heißt, die Versorgung der Bevölkerung, insbesondere der älteren, wird schwieriger. In unserem Prognosezeitraum bis 2035 schrumpfen die stark gealterten Regionen auch wegen zunehmender Sterbefälle – nicht mehr nur, weil die jungen Menschen abwandern.

heute.de: Der Prognose zufolge wird die Bevölkerung vor allem in den ostdeutschen Bundesländern zurückgehen. Wieso trifft es Ostdeutschland besonders hart?

Klingholz: Das hat mit zwei Entwicklungen in den 1990er Jahren zu tun. Damals sind 1,8 Millionen Menschen aus Ostdeutschland abgewandert, vor allem junge Menschen, darunter mehr Frauen als Männer. Wenn junge Frauen fehlen, dann fehlen natürlich auch die Familiengründerinnen der Zukunft.

Hinzu kam, dass die Geburten in Ostdeutschland damals extrem eingebrochen sind. Die Menschen haben nur noch halb so viele Kinder bekommen wie zuvor, weil sie erst einmal abgewartet haben, was passiert: wirtschaftliche Verunsicherung, neue Möglichkeiten. Und diese halbierte Generation ist mittlerweile zu potentiellen Familiengründern herangewachsen. Aber selbst, wenn die wieder mehr Kinder bekommt, haben wir ein demographisches Echo. Das wird wieder dafür sorgen, dass die Bevölkerung sich weniger stark entwickelt als im Westen. Diese Lücke ist im Nachhinein nicht mehr zu schließen.

heute.de: Wenn bestimmte Gebiete aussterben und die Bevölkerung sich in Großstädten konzentriert – sehen Sie da überhaupt ein Problem?

Man sollte in der Politik pragmatischer und ehrlicher sein.
Reiner Klingholz, Bevölkerungsforscher

Klingholz: Neutral betrachtet, wäre das positiv. Denn es ist nachhaltiger, auf engerem Raum zu leben, dort sind die Wege kürzer. In mehrstöckigen Häusern sind etwa die Heizkosten geringer. Das ist ökologischer, als wenn Menschen verstreut auf dem Land leben. Auch eine alternde Gesellschaft ist in Städten besser aufgehoben, weil die Wege zum Arzt oder zum Apotheker kürzer und die Versorgung besser ist.

Aber es ist natürlich Aufgabe der Politik, sich um die Menschen zu kümmern, die noch in den strukturschwachen Regionen leben. Die müssen versorgt werden. Mit Schulen für die Kleinen, mit Gesundheitsdiensten für die Älteren. Da braucht man neue Konzepte. Eine Grundschule zu schließen, nur weil eine Mindestzahl von, sagen wir, 120 Kindern nicht mehr da ist, wäre falsch, denn das macht die Region noch unattraktiver. Eine Grundschule lässt sich auch mit 30 oder 40 Kindern betreiben.

heute.de: Was muss also konkret passieren?

Klingholz: Man sollte in der Politik pragmatischer und ehrlicher sein. Förderung für diese Regionen ist nur sinnvoll, wenn sie eine Verbesserung der Lage verspricht. Das ist nicht überall der Fall. Wenn man mit der Gießkanne fördert, was in der Vergangenheit häufig passiert ist, dann fehlt einem das Geld an anderen Stellen. Deswegen ist es wichtig, die Versorgung der dort lebenden Menschen zu garantieren. Aber ich kann nicht erwarten, dass sich überall in den Schwundgebieten neue Unternehmen ansiedeln und es wieder bergauf geht. Die Politik muss lernen, den Bevölkerungsrückgang zu akzeptieren und zu gestalten.

Das Interview führte Nina Niebergall.

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