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Starkregenvorsorge - "Städte sollen Wasser wie ein Schwamm aufnehmen"

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Land unter in der City? Das dürfte uns in Zukunft häufiger drohen. "Vorsorge vor Starkregen können auch Bürger in die Hand nehmen", sagt Stadthydrologe Andreas Kuchenbecker.

Mit dem Klimawandel haben Ereignisse wie Starkregen zugenommen. Damit ist die Kanalisation vieler Orte meist überfordert. Über Lösungen beraten Experten auf dem Starkregen-Kongress.

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heute.de: Schutzkonzepte vor Schäden durch Starkregen: Hätten wir darüber auch schon vor 20 Jahren geredet?

Andreas Kuchenbecker: Hier in Hamburg war der Hochwasserschutz und die Starkregenvorsorge schon immer sehr wichtig, aber auch andere Großstädte machen sich darüber seit vielen Jahren Gedanken. Allerdings kann die Herangehensweise von Kommune zu Kommune durchaus unterschiedlich sein. Hamburg Wasser möchte zusammen mit Behörden und Bürgern die Stadt für die Zukunft wappnen. Dabei helfen uns Computermodelle, die Oberflächen-, Kanal- und Regendaten miteinander kombinieren und mögliche Überflutungsbereiche realistisch berechnen können.

heute.de: Ein solches, noch sehr junges Konzept ist nun der Hamburger Starkregenindex. Was bringt die Online-Plattform den Bürgern?

Kuchenbecker: Der Starkregenindex bringt mehr Transparenz und eröffnet jedem die Möglichkeit, Starkregen zu verstehen. Wir erhoffen uns dadurch unter anderem, einen einheitlichen Sprachgebrauch in der Stadt zu finden und die Bürger für das Thema zu sensibilisieren.

"Man muss in der Stadtplanung vorweg Raum schaffen für das Wasser", so Karsten Specht, Vizepräsident des Verbandes Kommunaler Unternehmen (VKU), über Starkregen.

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heute.de: Die Bezeichnung Starkregen ist doch eigentlich ziemlich klar ...

Kuchenbecker: Eben nicht. Jeder nimmt Regen unterschiedlich wahr. Wenn man nun aber vielleicht unter einem aufgespannten Regenschirm steht, kann man anhand der Echtzeitkarte schnell nachvollziehen, in welcher Stärke es aktuell tatsächlich regnet. Da merkt man, dass der Niederschlag mit Index 3 wirklich deutlich anders ist als mit Index 7 oder 8.

heute.de: Und der Nutzen?

Kuchenbecker: Wir müssen uns langfristig auf ein geändertes Niederschlagsgeschehen vorbereiten. Dazu gehört auch, dass Bürger durch mehr Verständnis und Beobachtung immer besser in der Lage sein können, eigene Entscheidungen darüber zu treffen, wie sie sich gegen Überflutungen schützen können.

heute.de: Also bei drohendem Unwetter noch schnell die Gartenmöbel in Sicherheit bringen?

Kuchenbecker: Auch das, wenn es einem wichtig ist. Tatsächlich geht es jedoch eher um den Objektschutz: Halten meine Kellerfenster mögliche Wassermassen ab? Sind die Rückstausicherungen im Haus ordentlich gewartet? Sind die Dachrinnen sauber? Der Starkregenindex soll ein Türöffner für mehr Aufmerksamkeit in Sachen Regen sein.

heute.de: Nun sieht die Vorsorge von Privatleuten ja anders aus als bei Kommunen. Vor welchen Herausforderungen stehen Städte - wo liegen die drängendsten Probleme?

Kuchenbecker: Eines der drängendsten Probleme ist die zunehmende Flächenversiegelung. Ballungsräume wachsen enorm. Jedes Wohnungsbauprogramm versiegelt Flächen. Da Regen auf diesen Flächen nicht versickern kann, müssen die städtischen Entwässerungssysteme immer mehr Regen aufnehmen. Diese Entwicklung müssen wir in allen wachsenden Regionen managen.

heute.de: Einfach dickere Abwasserrohre reichen da nicht aus?

Kuchenbecker: Dies kann in gewissen Maßen helfen, und genau das wird ja auch gemacht. In Hamburg haben wir außerdem schon seit den 1980er Jahren erhebliche Speicherräume gebaut, die große Wassermassen aufnehmen können. Aber irgendwann ist auch der Punkt erreicht, an dem solche Maßnahmen nicht mehr wirtschaftlich sind. 90 Prozent an Niederschlägen inklusive Starkregen bis Index 2 werden durch die Abwassersysteme gewöhnlich abgeleitet. Die restlichen zehn Prozent ab Stärke 3 sind es, die die wirtschaftlichen Schäden verursachen. Auf solche Ausnahmesituationen müssen wir vorbereitet sein.

heute.de: Wie geht das am besten?

Kuchenbecker: Wir müssen Wasser gezielt dort behandeln, wo es auftrifft - ihm Raum geben und die Möglichkeit zur Zwischenspeicherung mit langsamer Ableitung. Gründächer, lockere Böden und große Bäume können dabei sehr hilfreich sein. Aber auch versickerungsfreundliche Materialien wie Rasengittersteine oder Kiesflächen. Unterm Strich strebt man dabei einen möglichst naturnahen Wasserhaushalt an. Große Bäume können übrigens durch Verdunstung während Hitzeperioden dazu beitragen, das Stadtklima angenehmer zu machen. Wenn man sich dies verdeutlicht, dann wird auch klar, was mit dem Stichwort Schwammstadt gemeint ist. Städte sollen die Wassermassen wie ein Schwamm aufnehmen und dann verzögert in die Entwässerungssysteme abgeben.

Archiv: Ein Mann ruht sich am 14.10.2005 in einem Park in Hamburg unter einem Baum
Grünflächen und große Bäume helfen in Großstädten, große Wassermassen wie etwa nach Starkregen, besser abzuleiten.
Quelle: dpa

heute.de: Was macht man in bestehenden Stadtvierteln, in denen es nicht so einfach ist, beispielsweise neue Gründächer anzulegen?

Kuchenbecker: In gewachsenen Vierteln können schon Kleinigkeiten viel bewirken. Man kann zum Beispiel Rohrsysteme in den eigenen Garten einarbeiten, die erstaunlich viel Wasser aufnehmen können. Oder einen stark lehmhaltigen Boden gegen anderen austauschen. Das ist natürlich eine Menge Arbeit - aber das Ergebnis hat einen weitreichenden Effekt für den Überflutungsschutz.

heute.de: Ernsthaft? Ich soll Rohre als Zwischenspeicher in meinen Garten einbauen?

Kuchenbecker: Jeder kann ein wenig dazu beitragen, dass unsere Städte besser auf kommende Starkregenereignisse vorbereitet sind. Wir reden hier von einer kommunalen Gemeinschaftsaufgabe. Dazu zählt auch Eigenvorsorge. Wer in einer Senke wohnt und ein Problem mit Regenwasser hat, kann auch dazu beitragen, dieses Problem in den Griff zu bekommen. Manchmal gibt es die Möglichkeit Notwasserwege einzurichten - manchmal bleibt nur der Objektschutz.

Das Interview führte Christian Thomann-Busse.

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