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WM-Testspiel gegen Saudi-Arabien - Zu viel Ballast an Bord

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Die Nationalelf nimmt nach dem 2:1-Zittersieg gegen Saudi-Arabien nicht nur sportliche Sorgen mit zur WM. Auch neue Kritik an Gündogan stört bei der Mission Titelverteidigung.

Startelf gegen Saudi-Arabien
Startelf gegen Saudi-Arabien
Quelle: Federico Gambarini, dpa

Aufbruchsstimmung geht anders. Und Begeisterung sieht auch anders aus. Zunächst standen die deutschen Nationalspieler am Freitagabend nach dem 2:1 (2:0)-Zittersieg gegen Saudi-Arabien noch etwas ratlos am Mittelkreis herum, dann machte sich die Mannschaft auf eine halbherzige Ehrenrunde. Ein bisschen in die Hände geklatscht, ein wenig Winke.

Jeder konnte den Protagonisten in Leverkusen ansehen: Aus der Generalprobe hatten die deutschen Kicker für die WM in Russland (14. Juni bis 15. Juli) nach einer ganz und gar nicht weltmeisterlichen Darbietung noch weniger Honig gesogen als ein Bienenschwarm aus einer abgemähten Blumenwiese. "Es war ähnlich wie gegen Österreich: Wir haben in der zweiten Halbzeit wieder alles vermissen lassen. So ist es schwer. Mir ist es unerklärlich, wieso wir nach der Halbzeit aufhören", erklärte Sami Khedira.

Rückwärtsbewegung ein Ärgernis

Bundestrainer Joachim Löw brachte es auf den Punkt: "Wir haben zu viele Chancen ausgelassen und zu viele Chancen des Gegners zugelassen. Wir müssen defensiv besser arbeiten. So viel Raum darf es nicht geben." Im Resultat nach einer 2:0-Führung durch Timo Werner (8.) und einem Eigentor von Omar Othman (43.) bei einem Gegentreffer durch einen von Taiseer Al-Jassam im Nachschuss verwandelten Elfmetergeschenk (85.) spiegelten sich Licht und Schatten wider.

Wie schon in Klagenfurt gegen Österreich (1:2) war der Spannungsabfall beim Weltmeister ebenso erschreckend wie die Lücken in der Rückwärtsbewegung. Einmal hob der absprachegemäß nur eine Halbzeit lang eingesetzte Kapitän Manuel Neuer vorwurfsvoll die Hände, weil seine Vorderleute noch an der Mittellinie herumtrabten. Deutschland bot Lücken an, die jeder stärkere Gegner – beispielweise Mexiko zum WM-Auftakt am 17. Juni – gewiss bestrafen würde. Dass Juan Antonio Pizzi, der Nationaltrainer von Saudi-Arabien, das deutsche Team trotzdem tapfer in den Status eines Titelfavoriten hob, war nur der Höflichkeit des Argentiniers geschuldet. Die Mission Titelverteidigung ist in dieser Form in ernster Gefahr.

Die Pfiffe gegen Gündogan kommen zur Unzeit

Insofern kommen Störgeräusche abseits des Platzes absolut zur Unzeit. Schon vor Anpfiff hatte sich Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff äußerst gereizt über Nachfragen zur Causa Ilkay Gündogan und Mesut Özil beklagt. Die Folgen ihres umstrittenen Besuchs beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der das Fotoshooting mit den deutschen Nationalspielern für den Wahlkampf nutzte, sollten aus Bierhoffs Sicht nicht mehr thematisiert werden.  

Welchem Trugschluss der DFB-Direktor mit der Annahme aufsaß, zeigte sich bei der Einwechslung von Gündogan nach 57 Minuten. Löw konnte noch so sehr das Publikum zu Applaus animieren: Die lauten Pfiffe drangen aus der werkseigenen Arena bis übers nahe gelegene Flüsschen Dhünn in den Leverkusener Stadtpark. Löw wirkte im Nachgang maßlos enttäuscht über die Unmutsäußerungen unter dem Bayer-Kreuz.

Es scheint einiges in die Brüche gegangen

"Das hat mich schon geschmerzt. Wenn ein Nationalspieler ausgepfiffen wird von der Einwechslung über alle Aktionen bis zum Ende, dann gefällt mir das natürlich nicht." Er könne das auch nur schwer nachvollziehen. "Ilkay hat sich jetzt mehrfach der Öffentlichkeit gestellt und gesprochen. Er hat gesagt, dass er sich absolut mit den Werten von Deutschland und den Werten, wie wir hier leben, identifiziert, dass er keine politische Botschaft senden wollte." Irgendwann, so Löw, müsse auch mal Schluss sein.

Gleichwohl müssen sich Spieler und der Verband hinterfragen, ob ihre Aufarbeitung wirklich glaubhaft war, nachdem Özil den Medientag schwänzte. Fans haben oft ein feines Gespür für Aufrichtigkeit. Der Schluss liegt nahe, dass im Bezug zwischen Nationalmannschaft und seiner Basis viel mehr kaputt gegangen ist als viele denken. Löw berichtete im nachdenklichen Tonfall von einem "geknickten" Gündogan in der Kabine: "Man sieht, dass ihn das beschäftigt. Da muss er jetzt einfach durch. Ich hoffe, dass er das kann. Wir werden ihn unterstützen."

Der Kopf der Spieler ist nicht frei

Die Mitspieler richteten eindringliche Appelle, die beiden Mittelfeldspieler mit türkischen Wurzeln nicht auszugrenzen, sondern einzugliedern. "Ab jetzt bitte ich die Leute einfach darum, daran zu denken, dass wir Weltmeister werden wollen", sagte Stürmer Mario Gomez. Abwehrchef Mats Hummels empfahl weitere Aktionen, um wieder zur Einheit zu werden. Gündogan und Özil wollten im Nachgang gar nichts sagen. Ungewiss, ob die beiden aus Gelsenkirchen stammenden Profis übers Wochenende den Kopf freibekommen.

Auch Löw dämmerte, dass die Thematik Dimensionen angenommen hat, die über das Turnier in Russland reichen - und die Diskussionen vermutlich weitergehen, wenn am 6. September mit dem Heimspiel in München gegen Frankreich die Nations League beginnt. Die Sorgenfalten auf der Stirn des 58-Jährigen während der Pressekonferenz in Leverkusen verrieten: Wenn die deutsche Delegation sich am Dienstag um elf Uhr am Frankfurter Flughafen zum Abflug nach Moskau versammelt, befindet sich an Bord von Flug LH2018 auf einmal viel mehr Ballast als ursprünglich gedacht.

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