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Bildung und Kommerz - Die "Bildungsrepublik Deutschland" bröckelt

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Auch wenn die meisten Schüler auf staatliche Schulen gehen, sieht Sozialwissenschaftler Tim Engartner eine zunehmende Kommerzialisierung - und warnt vor Unterstützung durch Firmen.

Digitales Klassenzimmer
Technik im Klassenzimmer - wenn die von Global Playern gesponsert wird, sieht Tim Engartner das kritisch.
Quelle: dpa

makro: Ist in Deutschland gute Bildung eine Frage des Geldes?

Tim Engartner: Das ist eine Frage der Perspektive. Einerseits gibt es kein Bundesland mehr, in dem staatliche Hochschulen Studiengebühren erheben. Auch der Schulbesuch ist kostenfrei, wenn man von Ausgaben für Schreibmaterial, Schulbücher und Klassenfahrten absieht. Andererseits hat die soziale Herkunft in keinem vergleichbaren Land derart entscheidenden Einfluss auf den Schulerfolg wie bei uns.

Und wenn dem Elternhaus die Mittel fehlen, um Bücher zu kaufen, Kommunen ihre Büchereien schließen müssen und Schulen mangels Personal keine Nachmittagsbetreuung anbieten können, öffnet sich die Schere zwischen armen Kindern und reichen Kindern immer weiter. Längst löst die "Bildungsrepublik Deutschland" ihren Anspruch nicht mehr ein, jungen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft Aufstiegs- und Verwirklichungschancen zu eröffnen.

makro: Sie warnen vor einer Kommerzialisierung von Bildung. Noch aber geht der überwiegende Teil der Schüler in Deutschland auf eine staatliche Schule. Worin besteht das Problem?

Engartner: Ich kritisiere den Zeitgeist, dem wir in Schulen, Hochschulen und außerschulischen Bildungseinrichtungen erliegen. Mehr und mehr Schulen zielen unter dem Slogan "Öffnung von Schule" auf die Kooperationen mit privaten Wirtschaftsunternehmen. Und immer mehr Hochschulen sind auf die Einwerbung privater Mittel angewiesen, um die stetig wachsenden Studierendenzahlen bei einer seit zehn Jahren nahezu identischen Zahl von Professuren zu bewältigen.

Der Soziologe Oskar Negt hat vollkommen zu Recht vor der "Verbetriebswirtschaftlichung" gewarnt, die sich nunmehr auch im Bildungssektor Bahn bricht. Damit ist gemeint, dass Lernen einem Effizienz- und Wissen einem Verwertbarkeitsdenken unterworfen werden. Und wenn immer mehr private Unternehmen in Schulen und Hochschulen mitreden, beschleunigt dies die Entwicklung.

makro: Können Sie Beispiele dafür nennen, welche Rolle Unternehmen heute schon im Unterricht spielen?

Engartner: Immer mehr Unternehmen sponsern Sportfeste, statten Schulen mit IT-Infrastruktur aus, entwickeln Unterrichtsmaterialien mit Firmenlogos oder - und das ist der neueste Trend - entsenden Mitarbeiter in die Klassen. Das schadet der Reputation des Lehrerberufs, unterminiert den staatlichen Bildungsauftrag und privilegiert finanzstarke Interessengruppen. Deshalb ist es besorgniserregend, wenn inzwischen nahezu alle namhaften Unternehmen in der einen oder anderen Form an Schulen aktiv sind, um für ihre Produkte zu werben, Mitarbeiter zu rekrutieren oder Kindern und Jugendlichen ihr Weltbild zu vermitteln.

makro: Aber was ist denn so kritikwürdig daran, dass Firmen Laptops sponsern oder Anschauungsmaterial für den Unterricht stellen? Schule soll doch lebensnah sein.

Engartner: Wenn Apple iPads und Samsung Tablets sponsert, sollte uns das beunruhigen, denn Schule ist ein "Schonraum", in dem sich Kinder und Jugendliche frei von unternehmerischen Interessen entwickeln können sollten. Und mit Blick auf die Unterrichtsmaterialien privater Content-Anbieter lässt sich feststellen, dass diese oftmals tendenziös, manipulativ oder selektiv sind.

Themen wie die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich, die Prekarisierung der Beschäftigungsverhältnisse durch Kurz-, Zeit- und Leiharbeit oder aber auch die steuerliche Privilegierung von Global Playern wie Amazon, Apple, Facebook und Ikea kommen schlicht nicht vor. Letzteres aber ist doch zum Beispiel entscheidend, wenn ich wissen will, wie ich verantwortlich konsumiere. Und die Frage ethischen Konsums ist zweifelsfrei hochgradig lebensnah.

makro: Wie machen wir denn Schule wieder zu einer neutralen, gemeinwohlorientierten Bildungsinstanz?

Engartner: Wir müssen die chronische Unterfinanzierung der öffentlichen Haushalte stoppen, zum Beispiel durch eine Reform der Unternehmens- und der Erbschaftssteuer. Die klammen kommunalen Kassen sind der Grund für die miserable Ausstattung vieler Schulen. Nicht selten bröckelt dort der Putz von den Wänden, fallen Deckenelemente in den Klassenzimmern herab, sind Turnhallendächer undicht.

Aber nach wie vor gibt der Bund mehr Geld für die Bundeswehr als für Bildung aus. Zudem brauchen wir für tendenziöse Unterrichtsmaterialien sensibilisierte Lehrkräfte. Diese Sensibilität können aber nur Lehrkräfte entwickeln, die ihre Unterrichtsfächer grundständig studiert haben.

Viel zu viele unterrichten fachfremd. Und schließlich müssen wir dem vermeintlich modernen Bildungsverständnis entgegenwirken. Es geht um eine Rückkehr zu theoriegeleitetem Wissen, das sich insofern von funktionalem Wissen unterscheidet, als es den Anspruch der Allgemeinbildung einlöst. Ausbilden können uns andere. Bilden müssen wir uns selbst.

Deshalb muss schulisches Lernen die eigenständige, das heißt kritisch-reflexive Urteilsbildung fördern. Wie soll das gehen, wenn Wissen nur noch von Funktionalität bestimmt wird? Da Wissen aufgrund seiner sinkenden Halbwertzeit immer schneller veraltet, muss Bildung Kinder und Jugendliche auch dazu anleiten, sich rasch in neue Sachverhalte einarbeiten zu können. Lebenslanges Lernen ist schließlich eine Losung unserer Zeit.

Das Interview führte Eva Schmidt.

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