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Biometrisches Boarding - Wenn die Iris zur Bordkarte wird

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Bordkarten könnten bald überflüssig sein: An manchen Flughäfen gibt es schon jetzt ein biometrisches Boarding. Dann wird die Iris zur Bordkarte. Ethiker warnen vor Datenmissbrauch.

Lufthansa-check-in am Frankfurter Flughafen
Besser biometrisch? Lufthansa-Check-in am Flughafen Frankfurt
Quelle: ap

Die Lufthansa fertigt bereits an ausgewählten Flughäfen in den USA ihre Passagiere mit biometrischem Boarding ab: etwa in Los Angeles, Orlando oder Miami. "Der Einsteigevorgang für einen Airbus A380 dauert mit biometrischem Boarding nur noch gut 20 Minuten", sagt Lufthansa-Sprecher Jörg Waber.

Testverfahren in Frankfurt und München

Das biometrische Boarding werde die Lufthansa bald auch an den Flughäfen New York (JFK) und Houston einführen. Die biometrischen Daten würden mit jenen der US-Einreisebehörde abgeglichen. "Lufthansa ist hier nicht involviert, die Boardingsoftware speichert keinerlei Daten, sondern gibt bei erfolgreichem Abgleich lediglich das Boarding frei", sagt Waber.

Es ist davon auszugehen, dass die Technologie bald auch in Deutschland genutzt wird. Bereits heute können Fluggäste, die von Frankfurt aus mit Lufthansa in die USA fliegen, mithilfe von biometrischen Systemen einchecken und ihr Gepäck aufgeben. "Dazu passen wir immer wieder die Infrastruktur in unseren Terminals an neue Technologien an", sagt Yi-Chun Sandy Chen vom Frankfurter Flughafen.

Aufwändiger Registrierungsprozess

Der Einsatz biometrischer Daten könne zu einer angenehmeren und entspannteren Reise führen: "Anstatt umständlich die Dokumente vorzulegen, können Passagiere papierlos einchecken, ihren Koffer aufgeben, die Lounge besuchen und am Gate ins Flugzeug einsteigen", sagt die Fraport-Sprecherin. Dafür müssten die Passagiere bislang aber "einen aufwändigen Registrierungsprozess durchlaufen".

Schneller boarden - und noch dazu ein Datenabgleich mit den Behörden: Diese Argumente überzeugen Matthias Leese nicht. Der Ethiker forscht am "Center for Security Studies" der ETH Zürich. "Was bringt mir ein schnelleres Boarding, wenn es sich danach ohnehin staut, weil die Passagiere das Gepäck in die Ablage hieven müssen?", fragt Leese.

Ethiker: Gefahr von Datenmissbrauch

Der Ethiker vermutet andere Gründe als Motivation für das biometrische Boarden: "Die Fluggesellschaften können Personal einsparen und Daten sammeln", sagt Leese. Schon jetzt glichen viele Flughäfen "Einkaufscentern mit einer angehängten Landebahn. Es wäre für die Geschäfte und Restaurants spannend zu wissen, wie sich die Fluggäste am Flughafen aufhalten."

Für Leese macht es einen "großen Unterschied", ob etwa der Staat biometrische Daten nutze oder private Firmen wie Airlines oder Flughafenbetreiber. "Ich erwarte eine hohe Sorgfaltspflicht. Biometrische Daten sind hochsensibel, damit kann ich jeden Menschen auf der Welt identifizieren. Diese Daten dürfen nicht in die falschen Hände geraden", sagt Leese.

Biometrie funktioniert bei weißen Menschen gut

Der Ethiker gibt zu bedenken, dass die Gesichtserkennung "vor allem bei weißen Menschen zuverlässig" funktioniere. "Bei Schwarzen und Asiaten ist sie nicht ganz so optimal. Hier gibt es eine strukturelle Diskriminierung, weil weiße Gesichter häufig in den Trainingsdaten für die Algorithmen überproportional vertreten sind." Leese betont, er wolle das Problem nicht größer machen als es vielleicht sei. Allerdings bestehe "immer die Gefahr, dass sich Technologien verselbstständigen".

Der Moraltheologe Jochen Sautermeister von der Uni Bonn teilt diese Bedenken. Es solle den Menschen freigestellt sein, ob sie das biometrische Boarding nutzen möchten oder nicht. "Wenn Passagiere dies nicht möchten, dann dürfen sie nicht von den Airlines und den Flughafenbetreibern benachteiligt werden", fordert Sautermeister.

Ruf nach konsequenter Datenschutzkontrolle

Auch sei eine gut informierte Einwilligung gar nicht so einfach. "Das biometrische Boarding ist scheinbar so bequem, dass die Gefahr besteht, sich über das reale Problem der Datensicherheit und des Datenhandelns keine Gedanken zu machen." Sautermeister fordert daher "eine hinreichende Aufklärung und eine konsequente Datenschutzkontrolle unter rechtsstaatlichen Bedingungen".

Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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