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BIP schrumpft - Dämpfer mit Ankündigung

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Das Ende eines langen Aufschwungs - und doch ist niemand so richtig vorbereitet. Die wirtschaftlichen Akteure verfallen in Hektik.

Die deutsche Wirtschaft ist am Ende eines langen Aufschwungs angelangt: Das Bruttoinlandsprodukt ist im zweiten Quartal um 0,1 Prozent geschrumpft.

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Dass nach neun Jahren exzellenter Wirtschaftsentwicklung eines Tages ein Dämpfer kommen musste, dürfte eigentlich niemanden überraschen: In der Wirtschaftsgeschichte der Menschheit wechselten sich noch stets Boomphasen mit Depressionen ab. Das Perpetuum mobile gibt es eben nur in der Phantasie, egal ob man es mit Physik oder mit Ökonomie zu tun hat.

Trotz solcher - zugegeben - Binsenweisheiten schallt es aus gewöhnlich gut informierten Kreisen: Wir brauchen ein Konjunkturpaket. Und zwar schnell. Der Ruf nach dem Staat aus Verbänden der Wirtschaft sollte für die Bürger allerdings weit eher ein Alarmsignal sein als die Konjunkturdelle an sich. Denn wenn ebenjene, die sich sonst Einmischung von oben verbitten, nun um Hilfe rufen, dann zeigt das am ehesten noch: Da hat jemand seine Hausaufgaben nicht gemacht.

Warum ist man nicht vorbereitet?

Neun Jahre sind eine lange Zeit, zumal in einer Epoche der Globalisierung und des technischen Umbruchs. Nach der Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 mussten sich viele Industrien und Dienstleister neu ausrichten - Stichwort "Disruption". Alte Geschäftsmodelle funktionierten nicht mehr, und vor allem der Banken- und Finanzsektor musste sich geradezu neu erfinden - was bei manchen Instituten besser klappte als bei anderen.

Warum aber ist man nun nicht vorbereitet auf eine schwächelnde Konjunktur? Es ist vermutlich das zutiefst Menschliche in der Wirtschaft: Solange alles gutgeht, sieht kaum jemand den Bedarf, etwas zu ändern. Lediglich jene Unternehmen, die unabhängig von konjunkturellen Schwankungen ihr Geschäft betreiben, zum Beispiel der Lebensmittelhandel oder zum Teil die Energieversorger, müssen sich keine großen Sorgen machen - wenn man einmal die ganz allgemeine Schrumpfung der Volkswirtschaft außer Acht lässt.

Oben wird die Luft dünn

Aber ist es schon so weit? Mitnichten. Denn jene Delle in der wirtschaftlichen Entwicklung bedeutet ja zunächst nur, dass das Wachstum sich verlangsamt - auf Jahressicht wird die deutsche wirtschaftliche Gesamtleistung weiterhin zulegen. Nur eben weniger dynamisch. Das aber ist eine Achillesferse aller hoch entwickelten Staaten: Oben wird die Luft dünn. Eine Steigerung von zum Beispiel zehn auf zwanzig Prozent ist noch verhältnismäßig leicht zu schaffen. Hat man einmal ein Niveau von 95 Prozent erreicht, ist allein das Erklimmen der 96 Prozent eine gewaltige Leistung.

Und so überraschen auch die Zahlen aus den Entwicklungs- und Schwellenländern nur wenig: In China beispielsweise wird dieses Jahr ein Wachstum von "nur" sechs Prozent erwartet - das wäre in Europa ein klares Zeichen von Überhitzung, für China ist es eher mau. Und da findet sich nun auch einer der entscheidenden Punkte für die deutsche Malaise: Der Export ist eine Säule der Konjunktur, und der lahmt um so mehr, je heftiger sich die Großen im Handelsstreit bekriegen. Da kann das kleine Deutschland nichts machen und muss sehen, wo es bleibt.

Staatliche Gebührenerhöhungen zerstören Vertrauen

Aber ist das schon das Ende vom Lied? Keineswegs. Rezepte gibt es zuhauf, nur befolgen müsste man sie. So etwa trägt der Binnenkonsum momentan einen großen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg des Landes. Der wiederum hängt nicht nur vom Vertrauen der Verbraucher ab, sondern auch von dem, was dem Bürger monatlich in der Tasche bleibt. Staatliche Gebührenerhöhungen sind das Gift, das dieses Vertrauen zerstört. Steuersenkungen, und das Wort ist fast schon verpönt, wären ein Konjunkturimpuls - und könnten über höhere Einnahmen des Staates etwa in Form der Mehrwertsteuer fast kompensiert werden. Dies wäre allemal besser als Strohfeuer in der Art der einstigen Abwrackprämie für Autos, die ein Konjunkturprogramm für das Ausland war, wie man im Nachhinein weiß.

Ein Hoffnungszeichen gibt es sowieso, und das ist der anhaltende Mangel an Arbeitskräften. Es könnte sein, dass die drohende Konjunkturschwäche diesmal am Arbeitsmarkt vorübergeht - in früheren Phasen der Depression waren stets Entlassungen die Regel, oder zumindest Kurzarbeit. Heute wird nach Fachleuten gesucht, einzelne Unternehmen, vor allem in der Bauwirtschaft, müssen gar Aufträge ablehnen - mangels Kapazitäten. Hier wäre in der Tat schnelles und entschlossenes Handeln des Staates gefragt: Bildung, Weiterbildung, Sprachkurse für Ausländer - das Aufgabengebiet ist ebenso riesig wie die Lethargie vorherrschend.

Und das ist dann auch der Schlüssel zur Interpretation des BIP-Rückgangs im zweiten Quartal: Niemand denkt ernsthaft an ein Umsteuern, an neue Ideen, an revolutionäre Neuerungen. Damit ist klar, wenn alles einfach so weitergeht wie bisher, dann scheint das Problem ja wohl nicht so drängend zu sein. Und damit darf der Bundesbürger sich beruhigt zurücklehnen. Oder?

Reinhard Schlieker ist Redakteur und Moderator im Börsenstudio des ZDF.

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