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Bleirecycling in Kenia - Sie kämpft gegen ein giftiges Geschäft

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Bleirecycling gilt als eine der gefährlichsten Industrien. Phyllis Omido kämpft in Kenia dafür, dass die Menschen besser vor den Folgen von Bleivergiftungen geschützt werden.

Phyllis Omido
"Ich hatte nie vor, Umweltaktivistin zu werden. Erst als ich zum ersten Mal verhaftet wurde, akzeptierte ich die Rolle", sagt Phyllis Omido im heute.de-Interview.
Quelle: El Caboos Photography

heute.de: Phyllis Omido, in Ihrer Heimat Kenia sind Sie für die einen eine gefürchtete Frau - für andere eine Heldin. Wie kam es dazu?

Phyllis Omido: Im Jahr 2009 nahm ich einen Job bei einer indischen Firma in Kenia, am Rande von Mombasa an. Ich fand die Ausschreibung in der Zeitung und hatte zuvor schon von dem Unternehmen gehört. Ich wusste: Sie zahlen viel Geld, rund ein Drittel mehr, als ich vorher verdiente. Dazu kam ein Firmenwagen und sie erlaubten mir, meinen kleinen Sohn King mit zur Arbeit zu bringen. Aber ich wusste damals nicht, welcher Gefahr ich mich und meinen Sohn aussetzte. Ich wusste, dass 'Metal Refinery' Metalle exportiert – aber nicht, dass hier alte Autobatterien von giftiger Schwefelsäure befreit und das enthaltende Blei unsachgemäß recycelt wird. Dann wurde mein Sohn King krank. Als ich herausfand, dass dieses Unternehmen schuld daran war, kündigte ich und begann, für die Rechte meines Kindes und der Menschen in der Gemeinde zu kämpfen – doch das gefiel nicht allen. 

heute.de: Was machte Ihren Sohn krank?

Omido: Nachmittags, wenn der Kindergarten geschlossen war, nahm ich King mit in mein Büro. Bereits nach wenigen Wochen begann er zu husten. Anfangs war ich ratlos. Ich dachte, er hätte sich vielleicht durch die Klimaanlage erkältet. Dann bekam er Fieber. Die Ärzte gaben ihm Hustensaft, fiebersenkende Mittel und etwas gegen den Hautausschlag. Aber nichts half. Ich brachte ihn ins Krankenhaus. Erst nach Wochen erfuhr ich, dass King an einer lebensgefährlichen Bleivergiftung litt. Und er war nicht der Einzige. Wie ich mit der Zeit herausfand, hatten alle Kinder in der Gemeinde Owino Uhuru erhöhte Bleiwerte im Blut.

heute.de: Bleirecycling gilt als eine der gefährlichsten Industrien für Mensch und Umwelt. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass jährlich 674.000 Menschen an Bleivergiftungen sterben. Wissen die Menschen in Kenia, welchem Risiko sie sich aussetzen?

Omido: Als ich vor zehn Jahren anfing, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen, wusste kaum jemand, was hier passiert. Viele bestritten, dass es in Kenia überhaupt Bleivergiftungen gab. Menschen, die in der Nähe von Bleihütten lebten oder dort arbeiteten, fühlten sich schwach, klagten über Bauch- und Kopfschmerzen, litten unter Müdigkeit und Appetitlosigkeit – aber sie kannten die Ursache nicht. Auch Apotheker und Ärzte in Kenia hatten meist keine Ahnung, was den Patienten fehlte. Nicht selten wird eine Bleivergiftung mit Malaria verwechselt und deshalb nicht zielführend behandelt. Sogar die Regierung war damals noch ahnungslos.

heute.de: Wie haben Sie es geschafft, die Menschen in der Gemeinde zu überzeugen und sich Ihnen anzuschließen?

Omido: Es war harte Arbeit. Anfangs waren es nur die Frauen, die mir zuhörten und mich unterstützten. Sie sahen ja, dass ihre Kinder krank waren. Die Männer zu überzeugen war schwieriger, sie brauchten das Geld, das sie in den Bleihütten verdienten. Erst 2013 begannen die Männer uns wirklich zu unterstützen, als sie realisierten, dass sie durch das Blei Erektionsstörungen bekamen.  

heute.de: Aber ihre Arbeitgeber wussten, was sie taten?

Omido: Ja. Als ich sie damals zur Rede stellte, habe ich sofort gemerkt, dass sie es wussten. Sie hätten es mir sagen müssen. Vielleicht hätte ich den Job sogar trotzdem angenommen, wenn es nur um mich gegangen wäre. Aber ich hätte mein Kind niemals in Lebensgefahr gebracht. 

heute.de: Wie geht es Ihrem Sohn heute?

Omido: King ist mittlerweile 13 Jahre alt, ein richtiger Teenager. Ihm geht es mittlerweile besser. Doch die Bleivergiftung hat dazu geführt, dass sein IQ sich nicht voll entfalten konnte. Er hat Lernschwierigkeiten und ist etwas langsamer als andere Kinder in seinem Alter.

heute.de: Nicht alle in Kenia unterstützen Ihren Einsatz. Als Sie anfingen, gegen die Unternehmen vorzugehen, und Politiker aufforderten, das Treiben zu stoppen, wurden Sie mehrmals festgenommen. Sie bekamen Morddrohungen und fürchteten, dass Ihr Sohn entführt werden würde. Warum machen Sie trotzdem weiter?

Omido: Im Jahr 2010 organisierten wir die erste Demonstration in Mombasa, um die Politiker zum Handeln aufzufordern und die Bleischmelzanlage zu schließen. Mit Hunderten Frauen blockierte ich stundenlang die Straßen, wir legten den Verkehr in der Stadt lahm. Zunächst hatten wir Erfolg: Metal Refinery stand still. Doch nach rund einer Woche, nahm das Unternehmen den Betrieb wieder auf. Bis heute ist es ein anhaltender Kampf, den wir weiterführen müssen. Ich hatte nie vor, Umweltaktivistin zu werden. Erst als ich zum ersten Mal verhaftet wurde, akzeptierte ich die Rolle. Wir haben viele Erfolge errungen, aber noch immer wird im ganzen Land Blei geschmolzen. Die Regierung hätte die Möglichkeit, die Erwachsenen und Kinder zu schützen. Doch sie tun es nicht. Also brauchen die Menschen unsere Hilfe. Und wir sind noch lange nicht am Ziel.

heute.de: Ihr Buch "Mit der Wut einer Mutter" haben Sie bisher nur auf Deutsch veröffentlicht. Warum? 

Omido: Die Deutschen müssen wissen, was in Afrika passiert. Deutschland ist ein Land mit einer riesigen Autoindustrie. Ich erhoffe mir, dass die Menschen sich hier die Frage stellen, wie und unter welchen Bedingungen ihre Autos und die Batterien darin hergestellt werden. Wenn wir die Deutschen dazu bekommen, das Richtige zu tun, werden andere dem Beispiel folgen. Ich werde das Buch auch auf Englisch veröffentlichen und durch Afrika reisen, um es zu bewerben. Doch darauf muss ich mich gut vorbereiten. In Kenia werden nicht alle so freundlich auf das Buch reagieren, wie es in Deutschland der Fall ist.

Das Interview führte Jana Sepehr.

Im ZDF mittagsmagazin spricht Phyllis Omido über Ihr Buch. Sehen Sie das Interview hier:

Phyllis Omido ist eine der bekanntesten Umweltaktivistinnen Afrikas. Ihr Kampf für den Umweltschutz begann mit einem persönlichen Erlebnis, nachdem ihr Sohn lebensgefährlich erkrankte.

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5 min
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