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Diskussion um Arbeitszeiten - Wie viel Arbeit ist genug?

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Zeit ist ein wertvolles Gut - auch Arbeitszeit. Wenn Gewerkschaften immer kürzere Zeiten am Arbeitsplatz fordern, geht das an der Realität vorbei, so der Soziologe Gerhard Bosch.

Uhrenfeld
Uhrenfeld
Quelle: imago/Future Image

heute.de: Ein Schwerpunkt beim jetzigen DGB-Bundeskongress sind Arbeitszeiten. Wo stehen wir da eigentlich im Vergleich zur jüngeren und langfristigen Entwicklung?

Gerhard Bosch: Langfristig stechen die Fortschritte hervor. Innerhalb von 50 Jahren ist die Arbeitszeit deutlich gesunken – von sechs auf fünf Tage pro Woche, von 48 auf 38 Stunden. Der Urlaub ist von zwei auf im Schnitt sechs Wochen gestiegen. Hinter jedem einzelnen Schritt dorthin standen jeweils große gewerkschaftliche Kampagnen.

heute.de: Und aktuell?

Bosch: Kurzfristig sieht das anders aus. Die Gewerkschaften sind in der Defensive, viele Tarifverträge bröckeln. Mittlerweile sind 40 Prozent des Arbeitsmarktes ohne tarifliche Bindung – und es gibt immer mehr Öffnungsklauseln. Selbst die 35-Stunden-Woche der IG Metall wackelt. Ich kenne Metallbetriebe, in denen die regelmäßige Arbeitszeit bei 44 Stunden ohne Überstunden liegt.

heute.de: Sieben Stunden Arbeit am Tag sind nach Ansicht von Gewerkschaften genug, sechs noch besser. Wie realistisch sind solche Forderungen eigentlich?

Bosch: Das geht an der Realität vorbei. Man sollte den Menschen die Freiheit lassen, auch neun Stunden zu arbeiten, wenn sie das wollen. Wesentlich effektiver fände ich den Ruf nach mindestens sechs Wochen Jahresurlaub statt der gesetzlich vorgeschriebenen vier Wochen. So eine kluge Forderung nach einer Reform des Arbeitszeitgesetzes, die vor allem den nicht tarifgebundenen Beschäftigten hilft, fehlt allerdings völlig.

heute.de: Gerade der jüngeren Generation wird ja nachgesagt, dass sie großen Wert auf Freiräume und Selbstverwirklichung legt. Tatsächlich sieht man junge Arbeitnehmer am Beginn der Karriereleiter häufig noch abends beim Erledigen beruflicher Aufgaben. Wie passt das zusammen?

Bosch: Das Thema Work-Life-Balance spielt eine immer größere Rolle, das sehen wir auch daran, dass immer mehr Väter Elternzeit nehmen. Dass junge Leute, die Karriere machen wollen, teils sehr lange Arbeitszeiten in Kauf nehmen, kommt oft aus der eigenen Motivation heraus, liegt aber auch an moderner Projektarbeit, bei der man gemeinsam arbeitet und sich gegenseitig unter Druck setzt. Nach meiner Erfahrung sind es übrigens nicht nur die tatsächlichen Arbeitszeiten, die die Menschen heute belasten, sondern auch die Intensivierung der Arbeit. Vieles ist im vorgegebenen Zeitrahmen kaum noch zu schaffen. Das scheint mir auch ein deutlich schwerwiegenderes Problem zu sein als die häufig kritisierte permanente Erreichbarkeit. Diese betrifft eher leitende Angestellte, die meist ja gar nicht durch Tarifverträge erfasst werden und ihren eigenen Rhythmus haben. Da reden wir dann eher über individuelles Zeitmanagement.

heute.de: Unter anderem geht es beim DGB-Bundeskongress auch um die Frage, ob Lebensarbeitszeitkonten eine Lösung sein können. Ein sinnvoller Ansatz?

Bosch: Absolut. Und wo das bereits praktiziert wird, ist es wirklich der Renner. Wenn man sich über lange Zeiträume vielleicht einen Monat oder auch ein ganzes Jahr bezahlte Freizeit herausarbeiten kann, ist das einen schöne Perspektive. Und da die unternehmerischen Rücklagen für die Fortzahlungen ohnehin extern gegen Konkurs geschützt werden müssen, kann ich mir auch gut vorstellen, dass man solche Lebensarbeitszeitkonten vom einen zum anderen Arbeitgeber mitnehmen kann.

heute.de: Schätzungen gehen ja davon aus, dass in Zukunft wegen zunehmender Digitalisierung und Automatisierung gerade in der Industrie sehr viele Arbeitsplätze verloren gehen werden. Läuft es da am Ende auf einen Drei-Stunden-Arbeitstag hinaus, damit weiterhin Arbeit für viele zur Verfügung steht?

Bosch: Also ich sehe in absehbarer Zukunft keine solche Entwicklung. Kurze oder zu kurze Arbeitszeiten sind jedoch heute schon ein Riesenproblem – allerdings aus anderen Gründen. Vor allem im Einzelhandel sehen wir immer häufiger so genannte 'zero hour contracts'. Den Mitarbeitern werden dabei keine oder nur sehr geringe Arbeitszeiten garantiert. Die Arbeitgeber rufen die Arbeitskraft dann nur bei Bedarf kurzfristig ab, die Mitarbeiter tragen das gesamte Risiko. Das ist ein echter Skandal.

heute.de: Und was ist mit gesetzlichen Mindestarbeitszeiten?

Bosch: Die gelten dann, wenn im Arbeitsvertrag nichts anderes geregelt ist. In der Praxis können solche Gesetze also nur Makulatur sein. Wären die Gewerkschaften stärker, vielleicht bei 50 Prozent Mitgliedschaft in solchen Branchen, dann hätte man vielleicht Möglichkeiten, dagegen anzugehen. Aber aktuell ist das ein schwieriger Punkt.

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