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Experte zum Brandschutz - "Das Gegenteil von gut ist gut gemeint"

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Kann die Katastrophe von Notre-Dame auch hier passieren - und wie ist der Vorschlag, Löschflugzeuge einzusetzen, zu bewerten? Ein Gespräch mit dem Leiter der Münchener Feuerwehr.

Infografik: Die Kathedrale Notre-Dame in Paris
Infografik: Die Kathedrale Notre-Dame in Paris
Quelle: ZDF

heute.de: Gestern hat es im Herzen von Paris gebrannt. Die ehrwürdige Kathedrale Notre-Dame stand in Flammen. Was waren ihre ersten Gedanken?

Wolfgang Schäuble: Als ich die ersten Bilder gesehen habe, dachte ich: Viel schwieriger geht es nicht. Beengte Platzverhältnisse, große Höhen, auch die Zufahrten zur Île-de-France gestalten sich sehr schwierig, da es dort nur wenige Brücken gibt. Dann haben wir dort noch die alten Dachstühle, die sehr groß und ohne Abtrennungen sind. Das Feuer konnte sich deshalb sehr gut ausbreiten.

heute.de: Welche Gefahren und Probleme birgt der Einsatz an historischen Gebäuden?

Schäuble: Man muss an den Brandherd kommen können, um überhaupt eine ordentliche Löschwirkung zu entfalten. Bei solchen Brandentwicklungen hat man immer die Gefahr, dass es zu Teileinstürzen kommt. Also kann man verschiedene Vorrichtungen, die zum Laufen geeignet sind, nicht mehr betreten. Dann kommt man eigentlich nicht mehr so richtig an das Feuer, und muss weiter weg – von unten kommt man aber nicht in diese Höhen mit einer vernünftigen, gezielten Löschwirkung. 

Feuerwehr kämpft gegen den Brand in Notre Dame
Feuerwehr kämpft gegen den Brand in Notre Dame
Quelle: ap

heute.de: Am Morgen kam die Nachricht, dass das Feuer vollständig gelöscht sei. Welche Aufgaben kommen jetzt noch auf die Einsatzkräfte zu – ist der Einsatz schnell beendet?

Schäuble: Nein. Da ist sehr viel Holz verbaut. Es dauert extrem lange, alle "Nachsichten" durchzuführen: Ist tatsächlich jeder Bereich gut gelöscht? Ist das Feuer tatsächlich aus? Man muss auch prüfen, wie es mit dem Wasser und dem Brandschutz ist. Das Löschmaterial muss schnellstmöglich weg, um die Belastung auf den Decken und tragenden Dachteilen zu beseitigen. Da  ist noch viel zu tun.

heute.de: Wie lange kann der Einsatz demnach noch dauern?

Schäuble: Die Feuerwehr ist sicherlich noch eine Woche zu Gange.

heute.de: Donald Trump hat gestern vorgeschlagen, Löschflugzeuge über Notre-Dame einzusetzen – wäre das eine ernsthafte Möglichkeit gewesen?

Schäuble: Nein. Wenn ich ein Löschflugzeug einsetze - das hat ja sehr viel Wasser dabei - dann würde ein Teil des Wassers zwar direkt auf die Flammen drücken, der Rest schlägt aber runter in das Kirchenschiff und belastet die Decken, die an den Dachstühlen hängen. Diese saugen sich wiederum voll oder das Wasser steht einfach auf ihnen - dadurch steigt die Einsturzgefahr.

Der Rest des Wassers, das beispielsweise auf die Dachfläche geht, das läuft einfach ab, wie beim Regen. Und solange das Dach zu ist, habe ich an den Stellen, die nicht offen liegen, überhaupt keine Löschwirkung.

Heute.de: Was denken Sie demnach, wenn Sie solche Vorschläge hören?

Schäuble: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

heute.de: Wäre so ein Vorfall auch in Deutschland denkbar?

Schäuble: Grundsätzlich sind natürlich alle großen Kirchen mit den gleichen Problematiken wie Notre-Dame behaftet. Wir haben aber, wenn wir jetzt die Frauenkirche oder den Kölner Dom als Beispiele nehmen, die letzten Jahre und Jahrzehnte sehr gute Vorkehrungen getroffen.

In den großen Türmen gehen Steigleitungen, also fest montierte Wasserleitungen, mitunter auch mit Verstärkerpumpen, nach oben. Die haben im Prinzip zwei Entnahmestationen: Oben in dem Dachstuhl der Glockentürme selber und im Glockenstuhl, wo das Holz verbaut ist. Und natürlich auf Höhe der Zugänge in den Dachstuhl des Kirchenschiffs, sodass man dort das Wasser schnell bereitstellen kann.

Heute.de: Gibt es weitere Vorsichtsmaßnahmen, die ergriffen werden?

Schäuble: Ja, es gibt auch die Möglichkeit, dass man die Dachstühle mit Rauchwarnmeldern oder Rauchansauganlagen versieht, sodass man relativ zügig und zu einem ganz frühen Zeitpunkt erkennen kann, ob in diesem Dachstuhl eine Rauchentwicklung und damit auch ein Brand vorliegt.

Archiv: Ansicht der Frauenkirche in München
Ansicht der Frauenkirche in München (Archivfoto)
Quelle: picture alliance/chromorange

Im Glockenturm, der in München auch als Aussichtsplattform genutzt wurde, gibt es eine selbstständige Löschanlage, sodass, wenn ein unvorhergesehenes Feuer ausbricht, die Menschen dort gut geschützt sind.

heute.de: Werden solche Einsätze öfters trainiert?

Schäuble: Ja. Sie werden in zwei Bereichen trainiert. Man übt am "Objekt" die Zugänglichkeiten und das Vordringen - beispielsweise in die Dachgeschosse.

Und auf der anderen Seite gibt es das Thema "Kulturgutschutz". Dort schaut man, welche herausragenden Gegenstände gerettet werden müssen. Dort gibt es dann bei uns einen eigenen Ordner, in dem man nachschauen kann, in welcher Reihenfolge und mit welchem Werkzeug verschiedene Kostbarkeiten entfernt und dementsprechend gerettet werden können.

Heute.de: Wie oft findet so ein Training statt?

Schäuble: Wir trainieren das in der Frauenkirche sicherlich einmal im Jahr.

Heute.de: Haben sie ein Beispiel für den Plan zur Rettung von Kulturobjekten?

Bei wertvollen Wanderausstellungen, zum Beispiel bei der Hypo-Kulturstiftung, ist es so, dass ganz klipp und klar in einem Ordner bereitgelegt ist - beispielsweise, wenn dort Rembrandt-Bilder ausgestellt werden - in welcher Reihenfolge welche Bilder gerettet werden sollen. Das macht der Kurator. Dann wird genau beschrieben, wo das Bild hängt, wie es befestigt ist, und wie es ohne Schaden demontiert werden kann.

Zudem wird beim Einsatz ein eigener Einsatzabschnitt eingerichtet, der unabhängig ist und sich nicht ums Löschen kümmert, sondern schaut, dass die Evakuierung dieser Kostbarkeiten funktioniert.

heute.de: Wären die Feuerwehren denn eigentlich ausreichend ausgestattet, um einen vergleichbaren Einsatz zu bewältigen?

Schäuble: Ja, ich denke schon. Am Ende des Tages ist es kompliziert, solche Einsätze mit Spezialmaterial bewältigen zu wollen. Das "A und O" liegt in schnellen und guten Zugänglichkeiten und der  Möglichkeit, dort schnell zuzugreifen. Wenn ich natürlich über 90 Meter Höhe Schläuche verlegen muss und ich habe keine eingebauten Verstärkerpumpen dazwischen, dann bin ich ja schon mit dem Aufbau ewig beschäftigt. Grundsätzlich sind wir durch den vorbeugenden Brandschutz gut aufgestellt in Deutschland.

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