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Ein Jahr nach Abstimmung - Brexit oder: Am Ende gewinnt keiner

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Vor genau einem Jahr hat eine Mehrheit der Briten die Scheidung auf den Weg gebracht. Seit dieser Woche verhandeln EU und britische Regierung über die Trennungsmodalitäten. Harter oder weicher Brexit, gütliche Einigung oder Rosenkrieg - am Ende verlieren wohl alle.

Zuversicht auf EU-Gipfel? Optimismus auf einem EU-Gipfel? Das gab es länger nicht. Das liegt unter anderem an den positiven Visionen des französischen Präsidenten Macron sowie der Rückendeckung durch Angela Merkel. Manch einer wagte sogar vom …

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Noch ist nichts geklärt. Zwei Jahre bleiben den Verhandlern, um den Austritt Großbritanniens aus der EU zu regeln. 2019 soll es soweit sein. Doch die Auswirkungen des bevorstehenden Brexits sind schon jetzt überall zu spüren.

Bei Delta Pronatura aus Egelsbach nahe Darmstadt zum Beispiel: Das Unternehmen ist vor allem bekannt für sein Fleckensalz. Namensgeber und Chef Heiner Beckmann lässt auch in Großbritannien produzieren. Die meisten Mitarbeiter dort sind Ausländer, vor allem Polen. Was wenn sie bald aus dem Land fliegen? Die Ersten hätten schon gekündigt, Ersatz sei nicht einfach zu finden. So denkt Beckmann schon darüber nach, die Produktion nach Egelsbach zu verlagern, auch wenn das noch Zukunftsmusik ist.

Sorgenfalten bei der Autoindustrie

Unruhige Zeiten erwartet auch die deutsche Automobilindustrie. Hier sind es vor allem die Wechselkursverluste, die sich deutlich in den Bilanzen niederschlagen. Das britische Pfund hat gegenüber dem Euro massiv an Wert verloren. Und jedes fünfte in Deutschland produzierte Auto wird nach Großbritannien exportiert. Die Preise für Fahrzeuge mussten vielfach schon erhöht werden. Das ist nicht gerade förderlich für den Absatz.

Insgesamt schrumpft der britische Automarkt zurzeit, nach Jahren des Wachstums. Mit einem Minus von drei Prozent im laufenden Jahr rechnet man beim VDA, dem Verband der Deutschen Automobilindustrie. Unsicherheit allerorten, Kunden halten sich beim Kauf zurück, Unternehmen legen Investitionen erst einmal auf Eis.

Vorwiegend düstere Zukunfstmusik

Analysten der DZ Bank haben in einer Studie untersucht, welche Auswirkungen verschiedene Brexit-Szenarien auf die wirtschaftliche Entwicklung Großbritanniens, Deutschlands und der EU haben könnten. Die Ergebnisse sind eher ernüchternd.

Angenommen, die britische Regierung könnte einen Erfolg auf ganzer Linie erzielen und den freien Zugang zum Binnenmarkt inklusive Dienstleistungsfreiheit sowie die gleichzeitige Abschaffung der Arbeitnehmerfreizügigkeit erreichen. Dann dürften die wirtschaftlichen Konsequenzen relativ gering sein. Vor allem für den so wichtigen Finanzsektor könnte alles beim Alten bleiben - von London aus könnten die Banken ihre Geschäfte für die ganze EU weiter betreiben wie bisher. Sollte die Regierung allerdings Ernst machen und die Zuwanderung stark beschränken auf unter 100.000 Menschen pro Jahr, werden in Zukunft Arbeitskräfte fehlen.

Merkel: Keine Rosinenpickerei

Auch für Deutschland und die EU würde sich auf wirtschaftlicher Seite wenig ändern. Politisch allerdings wäre dieses Ergebnis eine Katastrophe. Wenn Großbritannien tatsächlich die Vorteile behalten und sich von ungeliebten Regeln trennen dürfte, was sollte andere EU-Mitglieder davon abhalten, den gleichen Weg wie die Briten zu gehen? Die EU wäre erledigt, der europäische Integrationsprozess am Ende. Deshalb ist dieses Szenario auch äußerst unwahrscheinlich. Die EU kann sich darauf nicht einlassen. Kanzlerin Merkel hat es entsprechend formuliert, "Rosinen picken" dürfe es nicht geben.

Szenario Zwei geht vom Rosenkrieg aus. Es kommt zwar zu einem Austritt, aber es gibt keine Einigung über die wirtschaftlichen Beziehungen. Der Warenaustausch Großbritanniens mit der EU würde dann nach den Regularien der Welthandelsorganisation geregelt. Das bedeutet vor allem Zölle. Britische Exporte würden sich drastisch verteuern und die Nachfrage danach sinken. Die britischen Verbraucher müssten für Waren aus der EU tiefer ins Portemonnaie greifen. Und auch die Banken hätten keinen freien Zugang mehr zur EU, viele Arbeitsplätze würden auf den Kontinent verlagert werden. Das würde die britische Wirtschaft sicher schmerzlich treffen. In den ersten drei Jahren nach dem Brexit rechnen die Analysten mit einem Wachstumsverlust von fünf Prozent im Vergleich zu einer Entwicklung ohne Brexit. Auch in Deutschland und dem Rest der EU sollten die starken wirtschaftlichen Verflechtungen leiden bei einem harten Brexit, mit rund 1,5 Prozent in drei Jahren beziffern die Experten den Wachstumsverlust.

Finanzplatz Frankfurt könnte profitieren

Bleibt ein drittes Szenario, ein Kompromiss. Hier sei angenommen, dass ein Freihandelsabkommen für den Warenhandel zu Stande kommt, aber keines für den Dienstleistungsbereich. Dafür fällt aber die Arbeitnehmerfreizügigkeit. Bedeutet: Keine Zölle auf Waren, aber die Finanzinstitute verlieren den so genannten Bankenpass und bräuchten neue Standorte innerhalb der EU. Davon könnte auch Frankfurt als Finanzmetropole profitieren. Die Deutsche Bank würde, wie andere Banken auch, Arbeitsplätze hierher verlagern. Wie viele genau ist aber noch nicht klar.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen wären bei diesem Szenario für die Briten nicht so stark wie bei einem harten Brexit, aber mit zwei Prozent Wachstumsverlust dennoch deutlich. In Deutschland und der EU würde sich das Abschwächen der Nachfrage in Großbritannien durch niedrigere Exporte auswirken - Einbußen von 0,7 Prozent sind möglich.

Natürlich wird es Gewinner geben. Das können Städte wie Frankfurt sein, in denen viele neue Jobs entstehen. Das wären Immobilienmakler, die fette Geschäfte mit zahlungskräftigen Kunden wittern. Das können einzelne Unternehmen sein, die sich schneller und besser anpassen als die Konkurrenz. Aber ökonomisch betrachtet ist der Brexit so oder so eine schlechte Entscheidung, egal wie die Verhandlungen ausgehen. Eigentlich geht es nur darum, den Schaden zu begrenzen.

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