Sie sind hier:

Corbyn wittert seine Chance - Brexit: Labour-Chef gibt Rätsel auf

Datum:

Labour-Chef Corbyn wittert seine Chance: Premierministerin May steckt in der Brexit-Bredouille. Aber wie genau Corbyn selbst es mit dem Brexit hält, ist vielen nicht ganz klar.

Brexit - Jeremy Corbyn
Wie weiter mit dem Brexit? Labour-Chef Corbyn
Quelle: dpa

"Niemals kann dieses Land erlauben, dass dieser Mann unser Premierminister wird", rief der britische Umweltminister Michael Gove im Parlament und zeigte auf Oppositionschef Jeremy Corbyn. Der wolle nämlich nicht nur aus der Nato austreten und die britischen Atomwaffen abschaffen, sondern auch noch die Armee auflösen. Corbyn selbst saß zusammengesunken auf dem grünen Lederpolster der Oppositionsbank im Unterhaus. Er hatte einen Misstrauensantrag gegen die Regierung gestellt - doch für einen Moment schien es, er sei es, der gestürzt werden solle

Wie jetzt?

In der Labour-Partei gehen die Meinungen über den 69-Jährigen stark auseinander. Vor allem die jüngeren Wähler feiern den britischen Sozialdemokraten wie einen Messias. Andere Parteimitglieder würden den etwas kauzigen Sturkopf hingegen am liebsten auf den Mond schießen.

Corbyn war mehr als 30 Jahre lang ein Hinterbänkler im Parlament und machte sich in der Zeit als Parteirebell einen Namen. Bereits damals galt er als EU-Skeptiker. Er kritisierte die Staatengemeinschaft unter anderem wegen ihrer Wirtschaftspolitik. Im September 2015, Monate vor der Brexit-Volksabstimmung der Briten, machte die Basis ihn überraschend zum Kopf der Labour-Partei. Die wollte aber eigentlich offiziell den Austritt aus der EU verhindern. Wie passt das alles zusammen? Noch mehr Kritik hagelte es in Großbritannien, als Corbyn bekanntgab, dass es mit ihm als Premierminister trotzdem einen Brexit geben werde. Er werde aber einen besseren Deal aushandeln als die Regierungschefin.

Auch in Brüssel rätselt man

Im jahrelangen Brexit-Drama hat der 69-Jährige Labour-Chef eine der widersprüchlichsten Rollen. Nun wittert der Alt-Linke seine Chance in einer Neuwahl. Er setzt Premierministerin Theresa May damit immer stärker unter Druck. So bezeichnete er am Donnerstag bei einem Auftritt vor Anhängern im englischen Hastings die parteiübergreifenden Brexit-Gespräche mit May als simplen "Trick". Und er rief in die Menge: "Nehmen Sie den 'No Deal' bitte vom Tisch, Premierministerin!" In einer anschließenden Diskussion blieb er Beobachtern zufolge dann wieder erstaunlich unkonkret, was er nun mit Blick auf den EU-Austritt genau will. Auch in Brüssel weiß man nicht so recht, was man von Corbyn halten soll.

"Das ist eine Bullshit-Strategie. Corbyn kümmert sich nicht wirklich ums Detail bei der EU und wie Artikel 50 - die Ausstiegsklausel in EU-Verträgen - funktioniert, um zu verstehen, was möglich ist und was nicht", sagt der Politikwissenschaftler Simon Usherwood. Er ist Vize-Direktor der unabhängigen Londoner Denkfabrik "UK in a changing Europe". "Es ist einfach dieser Glaube, wegen ein paar netter Treffen mit Beamten in Brüssel all das erreichen zu können, was die Regierung nicht bekommt", so der Experte. "Das basiert aber nicht auf irgendwelchen klaren Kenntnissen, Verständnis, nicht einmal auf Interesse an der Sache."

Corbyn: Tricks nicht mein Stil

Politisch links sozialisiert wurde Corbyn in der Familie. Er arbeitete für Gewerkschaften, bevor er in den 1970er Jahren in die Politik ging. Dem Unterhaus gehört er seit 1983 an. Im Mittelpunkt seiner Politik stand immer ein Ende der Sparpolitik: Den Wählern versprach er steigende Renten, die Abschaffung der Studiengebühren und er forderte mehr Steuern für Gutverdiener und Unternehmen.

Corbyn gilt als absolut prinzipientreu - auch im Privaten. Er soll sich vegetarisch und fast zuckerfrei ernähren, nicht rauchen und auch Alkohol meiden. Der dreifache Vater und in dritter Ehe verheiratete Politiker kämpft nicht mit schmutzigen Tricks, persönliche Angriffe vermeidet er möglichst. "Das ist nicht mein Stil", sagt Corbyn.

Misstrauensvotum lief schief

Kritiker werfen ihm etwa eine einseitige Unterstützung der Palästinenser im Nahostkonflikt vor. Zudem werden seit Jahren gegen ihn und Labour Antisemitismus-Vorwürfe erhoben. Er kam sogar auf eine Liste mit den nach Einschätzung des Wiesenthal-Zentrums zehn weltweit schlimmsten antisemitischen Vorfällen im Jahr 2018. Corbyn hatte zuvor eingeräumt, dass Disziplinarverfahren gegen antisemitische Parteimitglieder zu langsam und zaghaft betrieben worden seien. Stets versicherte er aber, die jüdische Gemeinschaft zu unterstützen.

Die von Corbyn angezettelte Misstrauensabstimmung ging am Mittwochabend erwartungsgemäß schief. May als Siegerin ließ es sich in einer kurzfristig angekündigten Rede am späten Abend nicht nehmen, einen kräftigen Seitenhieb in Richtung Corbyn auszuteilen. Er verweigere zwar die Gespräche mit ihr. "Aber unsere Tür bleibt offen", sagte May.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.