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Erkundungen im Norden Londons - Brexit Day ohne Brexit: "Wir haben die Schnauze voll"

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Das Datum des vorgesehenen Austritts ist erreicht und doch herrscht völlige Unklarheit darüber, wie es weitergehen soll. Wie geht die Bevölkerung damit um? Wir haben uns umgehört.

Menschen trinken in einem Londoner Pub (Archivbild)
Menschen trinken in einem Londoner Pub (Archivbild)
Quelle: imago

Vor genau 1.008 Tagen war Independence Day. So nannte Nigel Farage die Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen. Doch noch ist unklar, ob der Brexit überhaupt kommt, und wenn ja, in welcher Form. Wie sieht die Stimmung in der Bevölkerung aus, welche Erwartungen gibt es, wie ist das Verhältnis zwischen Befürworten und Gegnern des Brexit?

"Das kann doch niemand mehr hören" und "wir haben die Schnauze voll" sind die häufigsten Antworten, die ich auf dem Chapel Market im Norden Londons zu hören bekomme. Angeblich will keiner mehr was zum Brexit sagen, aber dann sprudelt es nur so heraus, aus David White etwa, den seine Frau schnell herbeiruft, als ich sie an ihrem Gemüsestand nach dem Brexit frage: "Augenblick! Mein Mann weiß das besser."

David: "Es ist nicht der Fehler von Theresa May"

Und David ist wirklich sauer. "Das Ganze ist eine Schande." Aber es sei nicht der Fehler von Theresa May ("tapfere Frau"), sondern von den EU-Freunden im Parlament, die den Willen des Volkes ("17,4 Millionen!") nicht vollstrecken wollten. Besonders die Idee, ein zweites Referendum abzuhalten, ist das Letzte für Mr. White: "Stellen sie sich vor, Chelsea gewinnt gegen Arsenal im FA Cup Endspiel, und dann kommen da welche und sagen, es gibt ein Wiederholungsspiel, nur weil ihnen das Ergebnis nicht passt! Wo gibt’s denn sowas!"

Corbyn genieße keine hohe Popularität

Jeremy Corbyn
Jeremy Corbyn
Quelle: dpa

Der Oppositionsführer Corbyn ("soll sich erstmal rasieren, der Kerl") genießt auch kein hohes Ansehen. Die Nachfolge der Premierministerin müsse einer antreten, "der Eier" habe. Nigel Farage zum Beispiel. Der einzige, der sagt, was er denkt." David erwähnt, er sei im Übrigen kein Rassist, aber die uneingeschränkte Zuwanderung aus Europa müsse aufhören.

Seine Meinung habe er seit dem Referendum nicht geändert: "No Deal wäre das Beste. Und dann sehen wir selbst wie’s weitergeht. Wir sind doch die fünftgrößte Wirtschaft der Welt! Wir waren mal ein Empire."

Trotzige Nachkriegsnostalgie blüht

Drei Frauen mit ihren Einkaufstrolleys winken beim Wort "Brexit" ab. "Brexit? Ich wähle nie wieder", ereifert sich die eine, die ihren Namen nicht nennen will. Die anderen beiden stimmen nickend zu. "Keine von den beiden Parteien. Nie wieder wähle ich irgendwen. Einen Deal mit Europa brauchen wir nicht. Wir haben keine Angst alleine dazustehen. Wir haben schon Schlimmeres überlebt. Zur Not pflanzen wir wieder Kartoffeln und züchten Hühner." Trotzige Nachkriegsnostalgie blüht. Vielen Menschen in England gelten die schlechten Zeiten als die besseren.

Ein Arbeiter kommt vorbei, ein Bär von einem Mann, der sich aufregt über die "verdammte Mittelklasse, die da auf den Anti-Brexit-Marsch war. Die stampfen da in Westminster herum wie trotzige kleine Kinder, weil sie ihren Willen nicht kriegen. Die kleinen Leute, die Arbeiter, werden doch seit Jahrzehnten verarscht. Und die EU ist doch auch widerlich. Was wissen die in Brüssel schon darüber, was in den Regionen im Norden oder in Wales gebraucht wird, wie die Leute da ticken. Und die Bauern, die wurden auch von der EU kaputtgemacht."

Pub-Gespräche - überraschend vielschichtig

Zwei Meilen weiter nördlich, Mittwochabend. Das Coronet ist ein riesiger Pub im Londoner Stadtteil Holloway. Noch zwei Tage sind es bis zum ursprünglichen Brexit-Datum. Der Pub gehört mit fast 900 anderen zum Wetherspoon-Kneipenimperium. Der Besitzer der Kette Tim Martin ist rhetorisch wie finanziell ein großer Unterstützer des Brexit. Im vergangenen Sommer hat er deutsches Weizenbier und französischen Champagner aus seinem Sortiment verbannt. Ein solcher Pub ist Brexit-Territorium, würde man erwarten, aber eine kleine Umfrage unter den meist männlichen Biertrinkern ergibt ein gemischtes Bild. Während es auf dem Chapelmarkt richtig zur Sache ging, sind die Diskussionen hier überraschend vielschichtig, kenntnisreich und sachlich.

Drei junge Männer, Keir, Ash und Chris haben vor sich je ein Pint Lager stehen und starren gebannt auf einen Fernseher. Die BBC berichtet live von den Abstimmungen aus dem fünf Meilen entfernten Parlament in Westminster. Keir und seine Freunde sind zwischen 24 und 31 Jahre alt, haben studiert und sind aktive Mitglieder der Labour Partei. Sie haben, wie mehr als 60 Prozent der Londoner, für den Verbleib in der EU gestimmt.

The winner takes it all

"Die Lage ist zum Fürchten. Das Parlament macht sich lächerlich. Jegliche Vernunft ist über Bord gegangen", meint Keir. Und Ash, Kind von Einwanderern aus Pakistan, meint, das Chaos sei "auch dem politischen System des Königreiches geschuldet. Hier heißt es immer: The winner takes it all. Es gibt keine politische Kultur des Kompromisses."

Welches Ergebnis würden sie sich denn wünschen am Ende des langen Brexitprozesses? Unter den drei Genossen herrscht Einigkeit: Rücknahme des Artikel 50, kompletter Stopp des Brexits. Für realistisch halten sie das aber nicht.

Daher wären sie mit dem ihrer Ansicht nach am wenigsten schädlichen Brexit auch einverstanden: Verbleib in der Zollunion und dann ein maßgeschneidertes Handelsabkommen. "Das würde auch das Nordirlandproblem beenden."

Die Rentnerdebatte

Drei ältere Männer an einem Tisch. Seit zehn Jahren treffen sich Bill und Nick jeden Mittwochabend und sprechen über Politik. Oft sind noch andere Freunde dabei. Als ich nach dem Brexit frage, sucht einer der drei gleich das Weite. "Darüber haben wir die letzten zwei Stunden schon geredet", erklärt Rentner Bill (78). "Genau genommen reden wir seit zwei Jahren jeden Mittwoch darüber", wirft Nick ein, der mit 65 kurz vor der Rente steht. Beide kommen aus dem "IT- Bereich" und stehen auf verschiedenen Seiten der Brexitfront.

Bill findet die EU sei "zutiefst undemokratisch", "den Verträgen von Maastricht und Lissabon hätte Großbritannien niemals zustimmen dürfen." Er habe sich aber seit dem Referendum schlau gemacht und Brüssel sei "doch weniger undemokratisch" als er eigentlich gedacht habe. Dennoch müsse die "Kontrolle zurück auf die Insel". Und "der Backstop ist doch nicht akzeptabel. Durch die Hintertür zwingt der uns den gemeinsamen Markt auf. Wenn die sich nicht einigen", dann ist Bill für einen 'No Deal Brexit'. Angst davor hat er nicht. "Das ist doch alles Panikmache."

Waage richtet sich geringfügig in Richtung Verbleib

Sein Freund Nick ist überzeugter "Remainer". Den Sieg der pro Brexit Fraktion erklärt er mit der Wut der Leute im Norden des Landes, wo das alte industrielle Herzland vernachlässigt wurde. "Die Leute dort sind sehr wütend." Genau wie Bill würde er bei einem zweiten Referendum wieder so abstimmen wie beim ersten Mal. "Da hat sich nichts geändert." Das entspricht den meisten Umfragen, die davon ausgehen, dass sich die Waage nur geringfügig in Richtung Verbleib in der EU geneigt hat.

Nick wünscht sich zwar eine Rücknahme des Artikel 50, "das wäre der beste Weg, den Wohlstand des Landes zu bewahren und die Regionen wieder aufzubauen." Sogar Unruhen, die das womöglich unter den Brexit-Fans auslösen würde, nähme er in Kauf. Er glaubt aber, die dritte Abstimmung im Parlament über den Plan von Theresa May werde diesmal durchgehen. "Dann gibt es Neuwahlen, und dann müssen die Tories weg. Diese Regierung ist Mist, sie kümmert sich nicht um die Arbeiterklasse." Selbst Nick hält die Opposition unter Corbyn für wenig tauglich.

Was genau passieren wird in den nächsten Tagen und Wochen, das weiß keiner der Befragten. Woher auch? Das Parlament weiß es ja schließlich so wenig wie die Regierung. Die Ansichten, welcher Weg der richtige wäre für die Zukunft des Vereinigten Königreiches, könnten kaum weiter voneinander entfernt sein. Knapp drei Jahre nach dem Referendum herrscht keine Einigkeit darüber, was der Brexit eigentlich bedeutet, was gut und richtig wäre für das Land. Und eigentlich wäre heute Brexit Day gewesen.

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