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Britische Hochschulen - Brexit verschreckt EU-Studenten

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Schwindende Studentenzahlen zeigen: Der Brexit macht sich schon an britischen Hochschulen bemerkbar. Die Studiengebühren könnten sich für EU-Bürger verdoppeln, die Zukunftsaussichten sind eher ungewiss - das schreckt ab. Schlecht für die Finanzbranche, die hier ihren talentierten Nachwuchs rekrutiert.

Wegen Uneinigkeit über Positionen gegenüber der EU könnte die Regierung von Theresa May im Unterhaus gestürzt werden. Dann könnte Labour Verhandlungen über einen „weichen Brexit“ führen, meint Prof. Anthony Glees von der Universität Buckingham.

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Andrea Guerini Rocco kommt aus der italienischen Provinz - doch er wollte schon immer hoch hinaus. Die besten Chancen für eine Karriere in der internationalen Wirtschaft sah er in London. Also machte er dort einen Bachelor. Nun aber will er Großbritannien wieder verlassen. Wenn sich das Land aus der EU verabschiedet, drohen ihm nämlich deutlich höhere Studiengebühren. Außerdem könnte es mit der Aufenthaltserlaubnis bald viel komplizierter werden.

Studenten ziehen Unternehmen an

Ähnlich wie Rocco geht es derzeit vielen tausend Studenten aus ganz Europa. Ihr Talent geht wohl nicht nur den britischen Universitäten verloren, sondern langfristig auch der britischen Wirtschaft. Der junge Italiener wechselt von der London School of Economics an die Columbia University in New York. Auch dort muss er zwar Studiengebühren zahlen. Aber immerhin weiß er dort, was auf ihn zukommt - und wie er sich am besten auf den Beginn seiner Karriere vorbereiten kann.

Aktuell halten sich mehr als 60.000 Studenten aus anderen EU-Staaten in Großbritannien auf. Dieser enorme Pool an hoch qualifizierten jungen Leuten macht das Land für viele Unternehmen als Standort interessant. Nebenbei spülen die Auslandsstudenten den britischen Universitäten durch ihre Studiengebühren jährlich mehr als 400 Millionen Pfund (437 Millionen Euro) in die Kassen. Hinzu kommen 500 Millionen Pfund (546 Millionen Euro) an EU-Förderung für die Hochschulen.

Fünf Prozent weniger Anmeldungen

In diesem Jahr ist in Großbritannien die Zahl der Studienbewerber aus dem EU-Ausland zum ersten Mal seit mindestens fünf Jahren zurückgegangen - und zwar um ganze fünf Prozent. Mehr als 2.500 junge Europäer bringen ihr Talent lieber anderswo ein, als sich den Unsicherheiten des für 2019 geplanten Brexits auszusetzen. Gerade für den Finanzsektor ist das ein herber Verlust. "Ohne den Brexit wäre ich in London geblieben", sagt der 22-jährige Rocco.

Die Russell Group, ein Verbund von 24 britischen Universitäten, hat die Regierung in London bereits mehrfach aufgefordert, endlich Klarheit für die EU-Studenten zu schaffen - nicht nur was das Studium selbst angeht, sondern auch im Hinblick auf den anschließenden Start ins Berufsleben in Großbritannien. Der Ruf des Standorts hat ohnehin schon gelitten. Viele Studenten hätten sich von der Brexit-Debatte und gerade von dem Fokus auf das Thema Einwanderung abschrecken lassen, sagt Adrian Thomas, der an der London School of Economics für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

Unsicherheit belastet Studenten

Man frage sich schon, ob man wirklich noch willkommen sei, sagt der Deutsche Felix Heilmann, der vor seinem zweiten Studienjahr in Oxford steht. Offene Diskriminierung spüre er auf dem Campus zwar nicht. Aber die Unsicherheit bezüglich der Zukunft sei für die Studenten aus dem EU-Ausland schon sehr belastend. Ursprünglich habe er vorgehabt, auch noch für ein weiterführendes Studium in England zu bleiben. Inzwischen sei er sich da aber nicht mehr so sicher.

Entscheidend ist für viele, dass die für EU-Bürger reduzierten Studiengebühren auf der Kippe stehen. An der London School of Economics etwa könnten künftig statt 9.250 Pfund (10.100 Euro) 18.408 Pfund (20.100 Euro) pro Jahr fällig werden.

Italienische Studenten, die lange in Scharen nach London geströmt seien, würden sich schon jetzt verstärkt für eine Ausbildung in der Heimat entscheiden, sagt Stefano Caselli von der Universität Bocconi in Mailand. "Viele Hochschulen in Europa bieten inzwischen auch Kurse auf Englisch an." Für die jungen Leute stelle sich daher immer mehr die Frage, warum sie noch nach Großbritannien gehen sollten.

Finanzbranche fürchtet Nachwuchsmangel

Wenn die klügsten Köpfe Europas auf dem Kontinent bleiben, müssen die Personalabteilungen vieler Unternehmen umplanen. In der Londoner Finanzwirtschaft kämen bisher etwa 80 Prozent der neu eingestellten Mitarbeiter direkt von den britischen Universitäten - und nur 20 Prozent von ihnen seien gebürtige Briten, sagt Reza Moghadam von der Investmentbank Morgan Stanley. Die Branche sei auf Talente aus aller Welt angewiesen. "Die globale Vielfalt ist wichtig, um auf globaler Ebene Dienstleistungen anbieten zu können", sagt Moghadam.

Bei der Rekrutierung werden die Unternehmen nach dem Brexit zwei Möglichkeiten haben: Entweder sie begnügen sich damit, auf einen wesentlich kleineren Pool von Nachwuchskräften zurückzugreifen - oder sie sehen sich verstärkt außerhalb Großbritanniens um. Zu den Verlierern würden Hochschulen wie die London School of Economics oder die London Business School zählen, die bisher gerade deswegen für Studenten aus aller Welt so attraktiv sind, weil sie als sicheres Sprungbrett in die Finanzwirtschaft der britischen Metropole gelten.

Ukip setzt auf Asiaten

David Kurten, der bildungspolitische Sprecher der EU-feindlichen Partei Ukip, ist dennoch zuversichtlich, dass der Ruf der großen Universitäten des Landes keinen Schaden nimmt. Ohnehin würden viele der internationalen Studenten - trotz der höheren Studiengebühren - aus Staaten außerhalb Europas stammen. "Für jeden EU-Studenten, der ausbleibt, kommen zwei oder drei aus China und dem Fernen Osten", sagt Kurten.

Diese Art von Optimismus ist für den Italiener Rocco kein Grund zu bleiben. "Wenn man plötzlich die internationalen Studiengebühren zahlen muss, dann ist man quasi gezwungen, sich etwas anderes zu suchen", sagt er. Da die meisten seiner italienischen Kommilitonen in England Teil der Mittelschicht gewesen seien, habe die Ermäßigung für EU-Bürger für sie eine große Rolle gespielt. "Wenn sich das in Zukunft ändert, werden wohl fast alle Italiener von der London School of Economics verschwinden."

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