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Kandidaten im TV-Duell - Hunt gegen Johnson: Patzer und Polemik

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Im TV-Duell stehen sie sich ein einziges Mal gegenüber: der frühere gegen den amtierenden Außenminister. Es folgt ein Schlagabtausch - persönlich, polemisch, aber wenig inhaltlich.

Boris Johnson und Jeremy Hunt bei TV-Duell
Boris Johnson und Jeremy Hunt beim TV-Duell
Quelle: reuters

Empfangen wurden sie mit Buhrufen. Vor dem Fernsehstudio in Salford nahe Manchester demonstrierte eine kleine Schar für ein zweites Referendum. Etwas, was beide Kandidaten fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Die konservative Partei müsse den Brexit liefern, sonst sei sie erledigt. Eine der vielen Gemeinsamkeiten von Jeremy Hunt und Boris Johnson, die vor allem einer Tatsache geschuldet ist - die TV-Nation mag zuschauen, doch auf der Bühne wird ein Stück für die Mitglieder der konservativen Partei gegeben.

160.000 Mitglieder, die per Briefwahl über den neuen Vorsitzenden abstimmen. Überwiegend Brexit-Hardliner, die eins verbindet: Der Wunsch, die EU zu verlassen - koste es, was es wolle. Was ganz wörtlich zu nehmen ist. Eine Umfrage des renommierten Instituts YouGov fördert es jüngst zu Tage. Mehrheitlich seien die Mitglieder bereit, das Auseinanderbrechen des Vereinigten Königreichs, enorme wirtschaftlich Schäden und gar die Zerstörung der eigenen Partei in Kauf zu nehmen, möge doch nur der Brexit geliefert werden.

 Brexit oder Tod

Das gab die Marschrichtung vor: Wer die Herzen der Parteimitglieder gewinnen will muss klar bekennen, Brexit über alles. "Wir müssen auf der Deadline 31. Oktober beharren", so Johnson. "Die EU wird sehen, dass wir zum Äußersten bereit sind und uns den Deal geben, den wir brauchen." Das war die Kurzumschreibung seines Plans: Nachverhandeln mit der EU, und durch seine pure Entschlossenheit wird ein überarbeitetes Austrittsabkommen herauskommen, in Rekordzeit.

Ansonsten gelte weiter "to do or die", so Johnson. No Deal am 31. Oktober. Der, wenn er gut vorbereitet sei, nicht so schlimm werden wird. Nachfragen, dass die EU Nachverhandlungen kategorisch ausschließt und was dann, lässt er unbeantwortet. In diese Kerbe schlägt Konkurrent Hunt. "Ob Johnson, wenn es nicht klappt, zurücktreten wird?", will der wissen. Das lässt Johnson offen, wie so vieles.

Hunts letzte Chance

Jeremy Hunt weiß, es ist seine wohl letzte Chance, einen Stimmungsumschwung herbeizuführen. Er liegt hinten in der Gunst der Parteimitglieder, braucht einen "game-changer", einen alles verändernden Moment. Er präsentiert sich als ehemals erfolgreicher Unternehmer - einer, dem man vertrauen kann. Er verspreche nur, was er auch halten kann. Was Johnson vorhabe, sei gut für einen Zeitungs-Kolumnisten, aber nicht gut genug für die Regierungsspitze. Ein Seitenhieb auf Johnsons Dasein als hochbezahlter Schreiber für ein konservatives Blatt und sein Hallodri-Image.

Er will auch nachverhandeln, besitze im Gegensatz zu Johnson Verhandlungsgeschick und Vertrauen bei den EU-Partnern. Doch die Gemeinsamkeit mit Johnson: Auch sein 10-Punkte-Brexit-Plan enthält keine einzige neue Idee, wie die Brexit-Blockade zu lösen sei. Als ob es zwei Jahre schmerzhafte Verhandlungen mit der EU und das völlige Chaos im britischen Parlament nicht gegeben hätte. Doch sich wie Johnson darauf festlegen, auf jeden Fall am 31. Oktober austreten zu wollen, will Hunt nicht. "Das könnte zu Neuwahlen führen, denn das Parlament hat einen No Deal, einen Austritt ohne Abkommen, schon abgelehnt. Und nur durch eine Veränderung der Mehrheitsverhältnisse im Parlament könne man das ändern." Eine Neuwahl, die viele Konservative fürchten, da sie die Mehrheit verlieren könnten und der Brexit dann ganz ins Wasser zu fallen droht.

Wer lacht zuletzt?

"Aber dann vielleicht Weihnachten austreten?", kontert Johnson. "Wäre das besser?" Hunt stammelt, das Publikum feixt. Johnson hat die Lacher auf seiner Seite, wie so oft. Er hat keine großen Fehler gemacht, Hunt mag inhaltlich besser gewesen sein, so die Beobachter. Aber für den erhofften Umschwung dürfte das nicht reichen. Boris Johnson nimmt Kurs auf 10 Downing Street, das Ergebnis der Mitglieder-Briefwahl wird in zwei Wochen verkündet.

Die vielleicht ungewöhnlichste Publikumsfrage an diesem Abend enthüllt dann vielleicht am besten, was in diesem Duell gerade passiert ist. Welche Eigenschaft bewundern sie am meisten an ihrem Gegner als künftigen Premierminister? Johnson erklärt, er bewundere, dass Hunt seine Meinung immer ändern könne, wie beim Brexit. Dass Hunt vor dem Referendum für den EU-Verbleib geworben hat, wie die scheidende Theresa May, macht ihn für die Tory-Mitglieder eigentlich nicht wählbar. Ein Konvertit, so sehr er sich anstrengt zu betonen, er sei der bessere, seriösere Staatsmann, der nicht nur redet, sondern auch Ergebnisse erzielt. Und was er an Johnson schätze? "Wie gut er Fragen ausweichen kann", so Hunt. "Johnson macht einen Witz, und die Frage ist vergessen. Gut für einen Politiker, aber nicht für einen Premierminister."

Brexit-Drama und kein Ende

Doch Johnson dürfte es werden, und dass er keine Antwort auf die Frage hat, wie der Brexit gelingen kann, spricht dafür: das Stück, das im Herbst auf der politischen Bühne in London auf dem Spielplan steht, dürfte die Fortsetzung von "Brexit-Drama ohne Ende" werden. No Deal oder nicht, ein Premierminister gegen das Parlament, das mit seiner Abwahl droht, um den Austritt ohne Abkommen zu verhindern. Neuwahlen, oder doch ein zweites Referendum, für das sich jetzt auch die größte Oppositionspartei Labour erwärmt hat und es fordert? Für den Sieger könnte der Job eine kurze, sehr schmerzhafte Erfahrung werden. Es sei denn, man hat genug Glauben, Optimismus, Entschlossenheit. Denn Wunder geschehen bekanntlich immer wieder.

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