ZDFheute

Hilft Humor? Briten in Brüssel

Sie sind hier:

Im Herzen der EU - Hilft Humor? Briten in Brüssel

Datum:

Hier gibt es kaum Chancen, der Brexit-Debatte zu entgehen: Brüssel. Briten, die im Zentrum der Europapolitik leben, spüren das besonders.

Brexit: Kein Entrinnen in Brüssel
Brexit: Kein Entrinnen in Brüssel
Quelle: AP

Jeder Tag beginnt in banger Erwartung. Die Hebamme Jo Everatt sucht als erstes auf Websites nach Neuigkeiten über den Brexit. Der Lobbyist Brian O'Riordan blättert zwei Tageszeitungen durch. Der EU-Beamte Chris Kendall checkt Twitter. Für Briten, die im Herzen der Europäischen Union leben und arbeiten, sind die Brexit-Debatte und die Unsicherheit ein ständiges Hintergrundgeräusch. Hin und wieder ebbt es ab - und kehrt dann umso lauter zurück.

Während sich Abgeordnete in London über die Bedingungen des EU-Austritts zanken, sorgen sich britische Staatsbürger in Brüssel über ihre Arbeits- und Reisemöglichkeiten, ihre Ersparnisse und ihre Zukunftspläne. Nach jahrelangem Ausharren bewerben sich viele von ihnen um eine zweite Staatsbürgerschaft in ihrer Wahlheimat. "Wenn man das Thema erst einmal an sich heranlässt, kann es zur Besessenheit werden", sagt O'Riordan im Esszimmer seines Hauses vor den Toren der belgischen Hauptstadt. "Man muss versuchen, das Gleichgewicht zu wahren zwischen einem normalen Leben und einer Obsession mit dem Brexit."

Europapolitik bedeutet in diesen Tagen: Brexit

Das fällt nicht leicht, wenn die eigene Zukunft so eng mit dem ins Stocken geratenen Austrittsvorhaben Großbritanniens verwoben ist. In den vergangenen Tagen schwoll der Brexit-Lärm an, als das britische Parlament mit großer Mehrheit zunächst ein Abkommen zwischen ihrer Regierung und der EU und dann auch einen Ausstieg ohne Vertrag ablehnte. Am Donnerstag stimmte das Parlament für eine Verschiebung des für den 29. März geplanten Brexits. Der Zeitrahmen - ungewiss. Kaum irgendwo wird das so genau beobachtet wie in Brüssel, dem Zentrum der Europapolitik. Europapolitik bedeutet in diesen Tagen: Brexit.

Im Schatten des Berlaymont-Gebäudes, dem Sitz der EU-Kommission, trinken Büroangestellte Kaffee und lesen Zeitungen in vielen verschiedenen Sprachen. Auf allen Titelseiten dominieren die jüngsten Ereignisse in London. Der vorgeschlagene Austrittsvertrag würde die Rechte von Briten in Europa schützen, und umgekehrt. Doch das ungewisse Schicksal des Abkommens versetzt britische Staatsbürger auf dem Kontinent in Unruhe. "Es ist ein bizarres Gefühl, diese Entmachtung, hilflos zusehen zu müssen, was geschieht, und nicht wirklich die Gründe dahinter zu verstehen", klagt O'Riordan.

Immer mehr Einbürgerungen

Irgendwann hielt der Lobbyist die Unsicherheit nicht mehr aus. Er lebt seit 20 Jahren in Belgien und spricht mit seinen beiden Hunden Französisch - dennoch war stets froh darüber, Brite zu sein. Angesichts des drohenden Brexits zog er aber seine Ersparnisse aus Großbritannien ab und nahm die belgische Staatsbürgerschaft an. Damit ist er bei weitem nicht allein. Die belgische Statistikbehörde StatBel meldete kürzlich einen Anstieg der Einbürgerungen britischer Staatsbürger seit dem Brexit-Referendum 2016. Im Jahr 2015 hatten noch lediglich 127 Briten die belgische Staatsbürgerschaft angenommen. Im Jahr darauf stieg die Zahl auf 506 und 2017 auf 1.375 - beachtliche sechs Prozent der insgesamt 23.000 Briten in Belgien.

Die Hebamme Everatt ist diesen Schritt noch nicht gegangen, denkt aber darüber nach. Sie fragt sich, welchen Einfluss der Brexit auf ihre regelmäßigen Reisen nach England haben wird. Und was bedeutet er für ihr erfolgreiches Unternehmen in Belgien, mit dem sie Kurse für junge Mütter aus dem Ausland anbietet? Einige der jungen Mütter seien zurück nach Großbritannien gegangen, erzählt sie, anderen mache ein möglicher Umzug Sorgen. "Der Gedanke, zurück nach Hause zu gehen, ist für sie traurig, weil sie ein Kapitel ihres Lebens hinter sich lassen und zwar unter Zwang", sagt die Hebamme. "Es ist kein freiwilliger Schritt. Es ist die Ansage: 'Mach die Lichter aus und lass alles zurück.'"

Britischer Humor

Manche Briten versuchen, dem Brexit-Blues mit Humor zu entkommen. Der britisch-deutsche EU-Beamte Chris Kendall, der für den Auswärtigen Dienst der EU arbeitet, teilt seine Gedanken in Tweets und Podcasts mit Tausenden Followern. "Das ist eine goldene Zeit für Galgenhumor", erzählt er in einem Café neben dem Gebäude der EU-Kommission. "Es gibt so viel zum Lachen, das ist definitiv eine Methode, um die Situation zu bewältigen."

"Es gibt so viel zum Lachen, das ist definitiv eine Methode, um die Situation zu bewältigen."
Chris Kendall

Kendall arbeitet unter der Woche in Brüssel und reist an den Wochenenden zurück nach England, um Zeit mit seiner Partnerin und kleinen Tochter zu verbringen. Da er sowohl einen britischen als auch einen deutschen Pass hat, würde ihm die Reisefreiheit auch nach einem möglichen Brexit erhalten bleiben. Er befürchtet aber, dass es dann trotzdem zu Verzögerungen an der Grenze kommen könnte. "Auf dem Heimweg will ich so schnell wie möglich nach Hause kommen", sagt er. "Ein großer Teil der EU und diese Freizügigkeit bei der Arbeit und beim Reisen über Grenzen hinweg sind wunderbar. Jede Störung dabei wird meine Lebensqualität erheblich beeinträchtigen."

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.