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Demos zum Frauenwahlrecht - Errungenschaften feiern - und weiter kämpfen

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Es ist ein freudiger Anlass. Eigentlich. Vor 100 Jahren bekamen die Britinnen das Wahlrecht. Heute werden Zehntausende mit farbenprächtigen Umzügen daran erinnern.

Frauen in Belfast marschieren am 100. Jahrestag des Frauenwahlrechts im Vereinigten Königreich
Auch im nordirischen Belfast wurden in den Farben Lila, Weiß und Grün demonstriert - sie stehen für Würde, Reinheit und Hoffnung.
Quelle: reuters

Heutzutage kann sich das Königreich einer Königin, einer Premierministerin, zwei Ersten Ministerinnen in Schottland und Nordirland und der Chefin der Polizei rühmen. Aber würde das die Suffragetten von einst wirklich zufriedenstellen?

Erste Festnahme als PR-Erfolg gefeiert

Es war ein langer und schmerzvoller Prozess. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts forderten Großbritanniens Frauen das Wahlrecht. Das übrigens zu diesem Zeitpunkt auch nur Männer mit Grundbesitz hatten. Zunächst baten sie darum, friedlich und wohlerzogen. Doch das half nichts, der Männerclub in Westminster ignorierte sie immer weiter. Da radikalisierten die Suffragisten sich und wurden zu Suffragetten, sprengten Briefkästen in die Luft, setzten Kirchen in Brand und griffen zu spektakulären und lebensgefährlichen Aktionen. Emily Davison starb 1913 bei dem Versuch, einen Schal, der die Aufschrift "Vote for Women" trug, bei einem Rennen über das Pferd des Königs zu werfen.

Die erste Festnahme von Suffragetten - Christabel Pankhurst und Annie Kenney hatten eine politische Versammlung in Manchester mit ihren Fragen "gestört", wurden des Saales verwiesen und widersetzten sich, indem sie die Beamten bespuckten - wurde als PR-Erfolg gefeiert. Endlich wurde über sie berichtet. Immer ausgefeilter wurden die Suffragetten in ihrer Medien-Arbeit. Sie ließen sich in Ketten fotografieren und verbreiteten das Bild auf Postkarten, sie provozierten Festnahmen, die für Schlagzeilen sorgten und ihnen das Mitgefühl der Bevölkerung sicherten und traten schließlich in den Hungerstreik.

Hungerstreik als politisches Instrument etabliert

Tatsächlich kann man sagen, dass die Suffragetten den Hungerstreik als politisches Instrument etablierten. Mit grausamen Folgen. Die britische Regierung reagierte mit Zwangsernährung. Ein Tubus wurde den Frauen mit Gewalt durch ein Nasenloch gezwängt, um ihnen Nahrung direkt in den Magen zu füllen. Viele erduldeten diesen extrem schmerzhaften Prozess über Wochen, doch sie glaubten fest, dass ihr Heldentum sich lohnte. Bilder dieser Folter wurden zum Symbol des wehrlosen Kampfes willensstarker Frauen gegen ein brutales Regime.

1918 endlich, nach Ende des Krieges, in dem die Frauen wie in anderen europäischen Ländern auch den Großteil der Arbeit erledigten, während die Männer an der Front kämpften und starben, bekamen sie das Wahlrecht. Doch während von da an alle britischen Männer mit 21 wählen durften, galt dieses Recht nur für Frauen ab 30 und nur mit Grundbesitz. Sonst nämlich hätten die Frauen nach dem Krieg die Mehrheit der Wahlberechtigten gestellt. So weit sollte es mit der Gleichstellung dann doch nicht gehen. Erst 1928 erhielten alle Frauen in Großbritannien das Wahlrecht.

Auf den Tag genau vor 100 Jahren entschied das britische Parlament: Frauen über 30 Jahren, die über persönliches Eigentum verfügen, erhalten das Wahlrecht. Mit verschiedenen Aktionen im ganzen Land wird dieser Jahrestag gefeiert.

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Nur wenige Frauen in Top-Positionen

Heute steht an der Spitze des Staates die Queen, natürlich und schon seit 66 Jahren. Theresa May ist die zweite Premierministerin des Landes, Nicola Sturgeon Erste Ministerin Schottlands und Arlene Foster die in Nordirland. Die Metropolitan Police wird von Cressida Dick geleitet. Das alles klingt gut, und doch ist der Lack dünn. Nur vier von 22 Kabinettsposten sind mit Frauen besetzt, im Parlament stellen sie nur 32 Prozent der Abgeordneten - in Deutschland sind es allerdings nicht mal 31 Prozent.

Von allen Unternehmen im britischen Börsenindex FTSE werden nur zehn Prozent von Frauen geleitet, in Medienunternehmen besetzen die Frauen 20 Prozent der Führungsposten. Das ist weit weniger, als sich die Suffragetten erhofft hatten. Helen Pankhurst, Urenkelin der berühmten Suffragette Emily Pankhurst sagt, die Suffragetten hätten damals geglaubt, mit dem Wahlrecht lösten sich die restlichen Probleme von selbst. "Nun aber sehen wir, dass es vor allem ein Kampf gegen soziale Normen ist."

Opposition: Sparpolitik trifft überwiegend bedürfte Frauen

Gerade die letzten Monate, in denen die #MeToo-Debatte in Großbritannien mit schockierenden Enthüllungen über massenweise sexuelle Übergriffe im Parlament einhergingen, haben dem Gedenken an die ersten Feministinnen Auftrieb gegeben. Hinzu kam der Skandal im President’s Club, wo reiche und einflussreiche Briten es auch im Jahr 2018 noch normal zu finden schienen, dass ihnen Hostessen zum Grabschen zur Verfügung gestellt werden. All das zeigt, dass viel zu tun bleibt, gerade für eine Premierministerin, die sich einst in einem T-Shirt mit der Aufschrift "I am a feminist" - "Ich bin Feministin" - fotografieren ließ.

Die Opposition führt an, dass die Sparpolitik der Konservativen ganz überwiegend bedürftige Frauen getroffen hat. Immer noch verdienen Frauen auch für vergleichbare Arbeit weniger Geld. Im vergangenen Jahr musste die BBC die Liste ihrer Topverdiener veröffentlichen. Ganz oben auf der Liste standen erstmal sieben Männer, die zwischen 2,2 Millionen und 500.000 Pfund verdienen, dann folgt die erste Frau mit 450.000 Pfund. Insgesamt ist unter den Bestbezahlten des britischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht mal jeder Fünfte weiblich, häufig erhalten Frauen für den identischen Job, etwa die Moderation ein- und derselben Sendung, nur die Hälfte des Gehalts ihrer Kollegen.

Noch viel zu tun in Großbritannien für Gleichberechtigung

Es gibt also auch in Großbritannien noch viel zu tun, so die einhellige Meinung der einhundert Künstlerinnen und vielen hundert ganz normalen Frauen im ganzen Land, die sich seit Wochen treffen, um für den großen Marsch an diesem Sonntag Banner zu sticken. So wie es die Suffragetten damals getan haben. Der Fokus der Spruchbänder hat sich leicht verändert. "No vote, no tax" - "Ohne Stimmrecht, keine Steuern" - etwa wird momentan besonders gerne von EU- Bürgern gefordert, die zwar in Großbritannien Steuern zahlen, aber nicht wählen dürfen. "Live as I want, Be who I want, Be able to chose" - "Leben, wie ich will, sein, wer ich will, wählen können" - bedeutet heute sicher etwas anderes als vor hundert Jahren, als Frauen ihr selbst verdientes Geld nicht behalten durften und keinerlei Recht auf Kontakt zu ihren Kindern hatten, sollte der Vater dagegen sein. "Women are powerful - speak out" - "Frauen sind stark - macht den Mund auf" - zeigt von einem gewachsenen Selbstvertrauen.

Zur Women's Coronation Procession 1911, am Vorabend der Krönung von Georg V., zogen 40.000 Frauen und nicht wenige Männer, die das Wahlrecht für Frauen forderten, vom Trafalgar Square zur Knightsbridge. Am Sonntag erwarten die Veranstalter mindestens ebenso viele Menschen, die durch London, Edinburgh, Belfast und Cardiff ziehen werden, daran erinnernd, was schon erreicht wurde und was sie noch zu erreichen gedenken. Gekleidet werden sie in Lila, Weiß und Grün sein - in den Farben der Suffragetten, die für Würde, Reinheit und Hoffnung stehen.

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