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Brutal, vernetzt, abgeschottet - Bedrohung durch Kriminelle aus dem Kaukasus

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Sicherheitsbehörden warnen vor kriminellen Banden aus dem Kaukasus. Das Bundeskriminalamt spricht von einer erheblichen Bedrohung, die von tschetschenischen Tätern ausgeht.

Zerstörter Pkw auf der Bismarckstraße in Berlin
Bei einem Bombenanschlag stirbt 2016 ein polizeibekannter Drogenhändler mitten auf einer viel befahrenen Straße in Charlottenburg.
Quelle: dpa

Ende 2018 beraten Sicherheitsbehörden in Bremen hinter verschlossenen Türen. Die Überschrift der Tagung ist eindeutig: "Kriminalitätsphänomene von Tschetschenen und ihre wirksame Bekämpfung in Deutschland". Polizisten, Ermittler und Staatsanwälte sind zusammengekommen, um zu beraten, wie eine neue Gruppe organisierter Krimineller ins Visier genommen werden kann: tschetschenische Banden, deren Mitglieder extrem aggressiv vorgehen und von denen nicht wenige Verbindungen zu Islamisten pflegen.

Michael Nagel
Michael Nagel
Quelle: ZDF
Es ist eine ganz besondere Klientel, die auch sehr gewaltaffin ist.
Michael Nagel, Kriminaldirektor beim BKA

Es gehe um "schwerste Gewaltdelikte, Schutzgelderpressung, Inkasso-Aktivitäten, aber auch die Verwicklung im Rauschgiftbereich und im Waffenbereich", berichtet Michael Nagel, Kriminaldirektor beim Bundeskriminalamt (BKA) gegenüber Frontal21. "Es ist eine ganz besondere Klientel, die auch sehr gewaltaffin ist." Nach Erkenntnissen des BKA gehen tschetschenische Kriminelle in Deutschland mit äußerster Brutalität vor.

"Besondere Brutalität und Kompromisslosigkeit"

Gemeint sind Taten wie in Berlin: Bei einem Bombenanschlag stirbt 2016 ein polizeibekannter Drogenhändler mitten auf einer viel befahrenen Straße in Charlottenburg. Die Spuren führen in die kaukasische Szene, aufgeklärt ist die Tat bis heute nicht. Im August 2018 kommt es in einem Berliner Wohnviertel zu einer Schießerei vor dem tschetschenischen Kulturzentrum. Zwei Personen werden schwer verletzt. Die Polizei muss in Mannschaftsstärke anrücken.

Festnahme des Unfallfahrers
Festnahme eines tschetschenischen Täters.
Quelle: ZDF
Bei der Waffe hat auch noch ein Schalldämpfer gelegen, die Waffe war geladen, und es befand sich noch Munition dabei.
Oberstaatsanwalt Daniel Vollmert

In Düsseldorf wird im Frühjahr 2019 ein tschetschenischer Gefährder mehrfach bei Straftaten erwischt und dann festgenommen. Die Polizei findet eine halbautomatische Kurzwaffe. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf ermittelt wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz: "Bei der Waffe hat auch noch ein Schalldämpfer gelegen, die Waffe war geladen, und es befand sich noch Munition dabei", so Oberstaatsanwalt Daniel Vollmert. Das Waffengesetz sehe eine Mindeststrafe von sechs Monaten für so einen Verstoß vor. Der mutmaßliche Täter sitzt in Untersuchungshaft.

Schon 2017 beschrieb ein Lagebericht des Bayrischen Landeskriminalamtes detailliert die Gefahren durch nordkaukasische OK (Organisierte Kriminalität)-Gruppierungen. Insbesondere tschetschenische Täter fielen durch "besondere Brutalität und Kompromisslosigkeit" auf.

Und das ist für Polizisten offenbar besonders gefährlich, so sieht es Norbert Cioma vom Fachausschuss Kriminalitätsbekämpfung der Gewerkschaft der Polizei. Seine Kolleginnen und Kollegen hätten zwar tagtäglich mit Gewalt zu tun. Doch im Konflikt mit tschetschenischen Banden träfen Streifenpolizisten auf "ausgebildete Söldner, zu deren Kultur es gehört, Gewalt mitzubringen." In manchen Fällen sei es schwierig, das staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen.

Tschetschenische Islamisten

Die Ermittler von BKA und Verfassungsschutz stellten außerdem fest, dass tschetschenische Täter nach außen als "abgeschottete Gruppe" agieren, vereinzelt seien "Verbindungen zu islamistischen Strukturen erkennbar". So wie offenbar in Herford: 2017 überfällt der Tschetschene Islam O. mit einer Bande Läden der "Fressnapf"-Kette und erbeutet 70.000 Euro. Der Mann wird verhaftet und sitzt derzeit seine Strafe in Bielefeld ab. Der Vater des Täters gilt den Behörden seit Jahren als islamistischer Gefährder und graue Eminenz der tschetschenischen Szene in Herford.

Die Streifenpolizisten treffen auf ausgebildete Söldner, zu deren Kultur es gehört, Gewalt mitzubringen.
Norbert Cioma, Gewerkschaft der Polizei

Der Staatsschutz ermittelt und geht dem Verdacht nach, dass in diesem Umfeld junge Männer, die einst aus Tschetschenien nach Deutschland geflohen waren, Kämpfer für den sogenannten Islamischen Staat angeworben wurden. Der Leiter des Bremer Landesamtes für Verfassungsschutz, Dierk Schitkowski, sieht "große Schnittmengen zwischen organisierter Kriminalität auf der einen Seite und möglicherweise islamistischen Anschlägen oder Unterstützung von salafistischen Anschlägen auf der anderen Seite". Die Familienstrukturen kaukasischer Täter seien sehr gefestigt, und so "besorgen möglicherweise die einen die Waffen, die die anderen einsetzen".

Ausweisung oder Abschiebung krimineller Tschetschenen ist schwierig

Wie viele Tschetschenen in Deutschland leben und wie groß der Anteil polizeibekannter Personen ist, lässt sich nicht genau sagen. Der Grund: Tschetschenen sind offiziell russische Staatsbürger und auch so bei Ämtern registriert. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BaMF) schätzt, dass in Deutschland rund 50.000 Menschen aus dem Kaukasus leben, 80 Prozent davon seien aus Tschetschenien. Die große Mehrzahl lebt offensichtlich unauffällig. Doch offenbar ist es schwierig, kriminelle oder als gefährlich eingestufte Tschetschenen abzuschieben.

Viele Familien leben seit Jahren in Deutschland, nachdem sie vor Krieg und Verfolgung aus dem Kaukasus geflohen sind. Bei einigen Straftätern scheitern sogenannte aufenthaltsbeendende Maßnahmen daran, dass den Abzuschiebenden in ihrer Heimat Russland Folter droht.

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