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Buch mit historischen Berichten - "Warum ich Nazi wurde"

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581 historische Berichte, warum die Menschen NSDAP-Mitglied wurden, geben einen Einblick in damalige Motive - ein Querschnitt durch den harten Kern der Hitler-Bewegung.

Nazi-Veranstaltung in den Straßen von München am 10.01.1935
Nazi-Veranstaltung in den Straßen von München am 10.01.1935
Quelle: imago

Der amerikanische Professor Theodore Abel wollte wissen, warum so viele Deutsche Nazis wurden. Er hatte eine Idee. Also lobte der junge US-Soziologe 1934 ein Preisausschreiben unter NSDAP-Mitgliedern aus. Das NS-Propagandaministerium unterstützte das Projekt. Das Preisgeld von 400 Reichsmark finanzierte der Forscher aus eigener Tasche. 683 Parteigenossen setzten sich an den Schreibtisch, machten spontan mit, darunter 36 Frauen. Die NSDAP-Mitglieder schrieben voller Begeisterung, verfassten persönliche Einblicke von bis zu 80 Seiten. 581 Berichte blieben erhalten. Dieser historische Schatz verstaubte jahrzehntelang in US-Archiven.

Die 40-jährige Hilde Boehm-Stoltz aus Duisburg schrieb 1934: "Die Reden Adolf Hitlers bargen etwas, was mich wieder glauben ließ. Es war etwas Neues dabei, was die anderen tausend ebenso guten Redner vor ihm in den Jahren niemals berührt hatte, die Rassenfrage!!!"

Querschnitt durch harten Kern der Hitler-Bewegung

Buchcover "Warum ich Nazi wurde"
Quelle: Berlin Story Verlag

Die jetzt veröffentlichte Sammlung Abel ist eine Art Facebook des Dritten Reichs. Ein repräsentativer Querschnitt durch den harten Kern der Hitler-Bewegung. Ihre Botschaft: "Wir wollten keine Demokratie. Wir wollten einen Führer." Die Gründe: gekränkter Nationalstolz, Wut auf Altparteien, Angst vor sozialem Abstieg. Die Allermeisten wurden aus freien Stücken Nazis. "Sie wollten das so", erklärt Wieland Giebel, der Herausgeber von "Warum ich Nazi wurde".

Der 48-jährige Polizeibeamte Alfred Kotz aus Berlin-Neukölln trat 1930 in die NSDAP ein. Die Gründe: "Dennoch aber meldete ich mich zur SS. Und ich muss sagen, ich habe es bis heute nicht bereut; denn ich habe gefunden, was ich gesucht habe: den Ausdruck des Standhaften, Unbedingten, Männlichen, Ehrlichen, Einfachen, Bescheidenen. Damit hatte sich aber die Gefahr, brotlos zu werden, wesentlich gesteigert."

Einblick in damalige Motive

Die Abel-Dokumente entstanden lange vor Kriegsausbruch, Holocaust-Verbrechen und Zerstörung. Genau deswegen bieten sie einen einmaligen Einblick in die Motive der damaligen Deutschen, sich von der jungen Demokratie abzuwenden und ihr Heil in einer Diktatur zu suchen.

Walter Naumann, 34 Jahre, aus Neuhaldensleben bei Magdeburg: "Die Wut der Gegner war groß und die marxistische Presse konnte gar nicht genug hetzen. Ein mir in der SPD-Zeitung geltender Vers lautet: Von der Ostsee bis zur Schweiz, ein jedes Rindvieh hat ein Hakenkreuz."

Helene Radke, 33 Jahre, aus Darmstadt, trug öffentlich eine braune Bluse. "Die Gegner geiferten vor Wut, dass nun auch schon die Frauen in Uniformen kämen. Zwei Kommunistenweiber machten mir nach, unter den größten Beschimpfungen. Spezialausdrücke wie Hitlermensch, Hitlermatratze, Hitlersäue und andere schamlose Wörter prasselten auf mich hernieder."

Idee der Volksgemeinschaft

Die Idee der Volksgemeinschaft war das einigende Band. Hitler hatte die erste Volkspartei erfunden. Dazu ein Mix aus Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Anti-Marxismus, verbunden mit dem Angebot, sich als überlegene Rasse fühlen zu können. Das kam an.

Der 24-jährige Jung-Kaufmann Fritz Junghanns aus Berlin-Charlottenburg wurde 1930 NSDAP-Mitglied: "Ich fand, was ich so lange gesucht habe. Gerechtigkeit und Fortentwicklung. Diese Idee wird einmal die Weltanschauung auch der anderen reinrassigen Völker der Erde."

Ein "Fräulein Huhn" aus Berlin-Tempelhof notierte: "Am anderen Tag hatte mein Mann das große Glück, dem Führer beim Abflug im Tempelhofer Flughafenrestaurant eine Erfrischung reichen zu dürfen. Das war Anfang 1932 und ich trug nun ganz stolz immer und überall mein Parteiabzeichen und war glücklich, einen der vielen kleinen grauen Mäuse zu sein, die für das Werk unseres Führers mitarbeiten durften."

581 Zeitzeugenberichte

Für Winzersohn Edmund Dienhart aus Wehlen an der Mosel, jüngstes von sieben Kindern, war die "Machtergreifung" Hitlers im Januar 1933 ein Wendepunkt: "Da erklang es um mich: Extrablatt - Hitler Reichskanzler! Das waren Stunden höchsten inneren Glücks. Eines der ersten Gesetze war die vorläufige Aufhebung der Zwangsversteigerung landwirtschaftlicher Betriebe. Darunter fiel auch das unsrige, das Wunder war geschehen. Wir hatten die Macht im Staat."

Wie konnte Hitler geschehen? Die 581 Zeitzeugenberichte aus der Sammlung Abel geben Antwort. Und deren Bekenntnisse zeigen: Wer in der Demokratie schläft, kann in der Diktatur wieder aufwachen.

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