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Autor Lukas Bärfuss - "Hätte mir Obdachlosigkeit gerne erspart"

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Wissen aus Büchern muss sich am gelebten Leben überprüfen lassen, sagt der Schriftsteller Lukas Bärfuss. Ein Gespräch über Weihnachten, gute Geschenke - und Obdachlosigkeit.

Archiv: Ein Mann trägt am 20.12.2008 ein in Geschenkpapier eingeschlagenes Paket
Mann mit Weihnachtsgeschenk (Symbolbild)
Quelle: dpa

heute.de: Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt. Warum gibt es da überhaupt Obdachlose?

Lukas Bärfuss: Weil nicht alle etwas vom Reichtum abbekommen. Auch in der Schweiz gibt es Armut. Ich komme aus schwierigen Verhältnissen. Mit 15 Jahren stand ich alleine da. Ich wollte eine weiterführende Schule besuchen. Ich hatte keine Zeit zum Arbeiten - aber auch kein Geld für die Wohnung. Also landete ich immer wieder auf der Straße.

heute.de: Was war mit Ihren Eltern?

Bärfuss: Sie waren mit sich selbst beschäftigt und haben sich nicht um mich gekümmert. Ich war alleine.

heute.de: Manche Obdachlose werden Junkies. Wie haben Sie die Kurve geschafft?

Bärfuss: Drogenkonsum betrifft die gesamte Gesellschaft, nicht nur Menschen ohne festen Wohnsitz. Ich hatte Freunde, die sich um mich gekümmert haben. Und ich sah täglich, welche fatale Folgen gewisse Substanzen haben, besonders der Alkohol. Mir war klar: Wenn ich abstürze, hilft mir niemand. Deshalb habe ich die Finger davon gelassen.

heute.de: Vom Obdachlosen zum Büchner-Preisträger … in den USA würde man sagen: Sie leben den amerikanischen Traum.

Man darf Armut nicht romantisieren.
Lukas Bärfuss

Bärfuss: Man sollte diese Phase in meinem Leben nicht stilisieren. Ich hätte mir die Obdachlosigkeit gerne erspart und wäre lieber in ordentlichen Verhältnissen aufgewachsen: Gymnasium, Studium, die normalen Sorgen eines normalen Jugendlichen. Man darf Armut nicht romantisieren. Obwohl ich auch in dieser Zeit Momente des Glückes kannte.

heute.de: Zum Beispiel?

Bärfuss: Auf der Straße erlebt man viel. Man lernt das Leben von einer ganz unmittelbaren Seite kennen. Und im Sommer, wenn das Wetter gut ist, hat das Schlafen unterm Sternenhimmel auch was Reizvolles. Allerdings war ich jung, gesund, kräftig. Und ein Mann. Ich war vergleichsweise widerstandsfähig.

heute.de: Inwiefern hat Sie die Zeit als Obdachloser geprägt?

Bärfuss: Ich besitze eine gewisse street smartness: Ich weiß, wie es auf der Straße zugeht. Meine Instinkte sind gut entwickelt. Und ich habe gelernt: Im Leben zählen zuerst die Erfahrungen. Die sind mal angenehm, mal schmerzhaft. Das Wissen aus den Büchern muss sich am gelebten Leben überprüfen lassen.

heute.de: Viele Städte versuchen, Obdachlose zu verbannen.

Bärfuss: Alles, was nicht produktiv ist, wird aus den Zentren, aus dem Alltag verbannt. Nicht nur den Obdachlosen, auch den Alten und den Kindern geht es so. Das sollte uns zu denken geben. Eine Gesellschaft sollte nicht vorschreiben, wie man zu leben hat. Dem Zwang zum Besitz, zur Sesshaftigkeit, wollen sich nicht alle unterwerfen. Die bürgerliche Gesellschaft hat dafür kein Verständnis und fühlt sich schnell bedroht.

heute.de: Was machen Sie, wenn Sie auf einen Obdachlosen treffen?

Bärfuss: Als Obdachloser fühlt man sich oft unsichtbar. Viele Menschen gehen an einem vorbei, schauen bewusst weg und vermeiden den Augenkontakt. Wenn man sich aber auf eine Begegnung einlässt, erlebt man häufig intensive, lustige und berührende Momente.

heute.de: Haben Sie als ehemaliger Obdachloser einen anderen Zugang zur Weihnachtsgeschichte?

Bärfuss: Die Herbergssuche von Maria und Josef berührt auch mich. Diese Flucht ist archetypisch, man findet sie in vielen anderen Geschichten. Es gibt das schöne alte Wort Recke. Es bedeutet Held - aber gleichzeitig auch Verbannter, Verfolgter. Darin spiegelt sich eine alte Erfahrung. Die Erfahrung, die Geschichte, beginnt, wenn du das eigene Haus verlässt. Jesus war verfolgt, Maria und Josef müssen vor König Herodes fliehen. Auch der Stammvater der drei Weltreligionen, Abraham, wird vertrieben. Heldentum und Flucht gehören oft zusammen. Davon erzählen unsere Mythen.

heute.de: Was bedeutet Ihnen Weihnachten?

Eigentlich müsste man Weihnachten abschaffen.
Lukas Bärfuss

Bärfuss: Ich bin in der typischen mitteleuropäischen Ambivalenz gefangen. Einerseits bin ich bestrebt, mit der Familie ein paar friedliche Tage zu verbringen: Geschenke, Lieder, vielleicht auch der Gang zur Kirche, das spirituelle Herztörchen öffnen. Auf der anderen Seite sehe ich den konsumistischen Wahn. Jeder ist gestresst. Es gibt Streit, psychische Krisen, Suizide. Eigentlich müsste man Weihnachten abschaffen.

heute.de: Freuen Sie sich über Geschenke?

Bärfuss: Unbedingt, ich liebe Geschenke. Ich habe am 30. Dezember Geburtstag. Auf mich wartet also eine Zeit der Geschenke.

heute.de: Was ist ein gutes Geschenk?

Bärfuss: Ich bin ganz kindlich: Ich freue mich auch über Unnützes. Wenn ich eine schöne Verpackung sehe, leuchten meine Augen. Klingt albern, ich weiß. Aber der Akt des Schenkens berührt mich tief.

heute.de: Manchen vergeht die Lust aufs Schenken.

Bärfuss: Schenken gehört zum Menschen. In sämtlichen Kulturen gibt es zwei Dinge, die unverbrüchlich heilig sind: Das Ehren der Toten und die Gastfreundschaft. Und die ist mit Geschenken verbunden: Du sollst nicht mit leeren Händen kommen und nicht mit leeren Händen gehen. Geschenke bezeugen, dass wir gesehen und anerkannt werden. Und wie man weiß, ist nicht der Wert, sondern die Geste das Zeichen der Wertschätzung, der Zuneigung.

heute.de: Was beschäftigt Sie dieses Jahr an Weihnachten?

Bärfuss: Im Matthäus-Evangelium wird berichtet, wie ein König seinen Sohn verheiraten will. Das Fest ist vorbereitet - aber die geladenen Gäste erscheinen nicht. So beschließt der König, jene zu bewirten, die er auf der Straße trifft, die Bösen und die Guten. Und so füllte sich der Festsaal. Vielleicht könnten wir an Weihnachten einmal auf jene verzichten, die wir einladen müssen. Denn die haben häufig weder Zeit noch Lust. Stattdessen könnten wir jene einladen, die man auf der Straße trifft. Jene, die sich über eine Einladung freuen - und für die ein Fest keine Pflichtübung ist.

heute.de: Klingt wie eine Predigt …

Bärfuss: Schriftsteller und Prediger liegen manchmal gar nicht so weit auseinander.

Das Interview führte Raphael Rauch.

Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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