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Bürger fragen die Kanzlerin - Zwischen Kreuzverhör und Liebeserklärung

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90 Minuten stellt sich Angela Merkel in der ZDF-Sendung "Klartext" den Fragen der Zuschauer. Und die erleben ein Kreuzverhör, eine Liebeserklärung, erfahren mehr über Merkels Schokoladenkonsum - und dass sie vier Jahre bleiben will, was sie ist: Kanzlerin und Parteivorsitzende.

Am Dienstag war der Herausforderer da, diesen Donnerstag ist die Kanzlerin dran: Im ZDF-Bürgertalk stellt sich Angela Merkel den Fragen der Bürger. Aber spricht sie auch „Klartext“?

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Wenn die Moderatoren Bettina Schausten und Peter Frey den Namen von Martin Schulz nicht in den Mund genommen hätten - von Merkels Seite aus wäre er nicht gefallen. Schulz habe Merkel die Vizekanzlerschaft angeboten. "Wäre das auch was für Sie?" Merkels Antwort: Erst ein verknautschtes Zitronen-Gesicht. Dann Schweigen.

Winnie Heescher
Winnie Heescher, ZDF-Haupstadtstudio

Der SPD-Herausforderer kommt in Merkels Welt nicht mehr vor. Sie ist, anders als im TV-Duell Anfang September, in dem sie noch "Wenn ich wiedergewählt werde, dann ..." -Sätze formulierte, gedanklich längst über den 24. September hinaus. Macht in der 90-Minuten-Sendung munter Runden aus für die nächste Legislaturperiode: einen Termin mit 50 Schuldirektoren und Lehrern, um über die Integrationsschwierigkeiten von muslimischen Kindern zu sprechen; eine Runde der Ministerpräsidenten zur Lage der Polizei; einem Pfleger verspricht sie, ihm als sein "Schatten" zu folgen, um seinen Berufsalltag besser zu verstehen.

Und dass sie solche Termine vier Jahre machen und nicht für eine halbe Legislatur antreten will, bekräftigt sie auch: "Ich habe die Absicht, den Willen und sage das, soweit es in meiner Macht steht, zu."

Kein zweites TV-Duell

Martin Schulz hatte seine Klartext-Runde am Montag im ZDF mit einer Einladung an Merkel beendet, ein zweites TV-Duell mit ihm zu bestreiten. Warum die Kanzlerin das nicht will, begründet sie folgendermaßen: Es sei ja keine Personenwahl in Deutschland wie in den USA oder Frankreich, in Deutschland würden Parteien gewählt. "Und jetzt freue ich mich darauf, dass ich ein anderes Format habe."

Dass es in diesem Format viel emotionaler zugeht als beim TV-Duell, das zeigt sich schnell. "Unverschämt", findet eine Zuschauerin Merkels Antwort gegenüber einer Reinigungskraft, die zuvor geschildert hatte, dass sie nach über 40 Jahren demnächst mit einer Rente von 654 Euro auskommen müsse und die Kanzlerin gefragt, warum in Deutschland nicht sichergestellt werden könne, dass es keine Altersarmut gebe. Merkel hatte gefragt, ob sie eine Zusatzversicherung abgeschlossen habe. "Von 1.050 Euro?" Von Riester sei doch nur Riester reich geworden. "Ich kann Sie nicht überzeugen", sagt Merkel.

Ähnlich klar und scharf wie diese Zuschauerin, die übers Netz als Mitglied der Linkspartei in Bochum geoutet wird, ist Merkel selbst bei einem anderen Thema: Eine Frau aus Sachsen-Anhalt beklagt, dass 2015 mehrere Hunderttausende alleinstehende Männer mit rückständigem Frauenbild nach Deutschland gekommen sein. Es gebe dramatisch gestiegene Zahlen von Vergewaltigungen durch Zuwanderer. "Das, was sie jetzt hier als das große demographische Problem darstellen, sehe ich nicht", entgegnete Merkel und ließ auch keinen Zweifel daran, dass sie den Zahlen der Zuschauerin misstraute.

"Es darf, wenn es um Kriminalität geht, überhaupt gar keine Tabuthemen geben." Schon vor 2015 habe es schreckliche Sexualdelikte in Deutschland gegeben. "Wir sollten nicht alle unter einen Generalverdacht stellen." Als zwei Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien ("Frau Merkel, ich liebe Sie") ihre Probleme mit ihren Anerkennungsverfahren schildern, schlüpft Merkel in eine ihrer Lieblingsrollen: Obererklärerin der Nation: Genfer Flüchtlingskonvention, Familiennachzug, Sicherheitslage. Die Substantive reihen sich aneinander. Sollen bloß nicht alle denken, nach Deutschland zu kommen und zu bleiben, sei mit Merkel noch einfach.

Ein Lacher und ein Laster

"Das treibt mich um", sagt Merkel oft in dieser Sendung, wenn sie Zeit gewinnen, Augenhöhe etablieren will. Anders als Martin Schulz am Montag bleibt sie an ihrem Pult stehen. Als die Zuschauer ihr mit persönlichen Fragen auf die Pelle rücken wollen, wird Merkel verschlossener. Wieviel Schokolade sie esse? Sie habe andere Laster: Salami. Ob sie nach ihrer Kanzlerschaft weiter Hosenzüge trage? Eher Jeans. Wenig Röcke. Gut, dass als dritte Frage das Thema Massentierhaltung kommt. Das ist eher Merkels Thema. Bloß weg von der eigenen Person. Nur einmal wird sie selbst ein wenig forsch: Einen jungen Mann, der die Sorge äußert, eines Tages in einem Überwachungsstaat aufzuwachen, entgegnet sie am Ende: "Sind sie selbst ein bisschen Hacker?"

Ein großes Versprechen für eine mögliche nächste Legislatur ringt eine Studentin Merkel ab: Deutschland werde seine Klimaschutzziele bis 2020 schaffen. "Wir werden Wege finden, wie wir bis 2020 unser 40-Prozent-Ziel einhalten. Das verspreche ich Ihnen." Der Satz ist aufgezeichnet. Und dürfte wieder hervorgeholt werden, sollte die alte Kanzlerin die neue Kanzlerin sein. Dass sie das Thema Klimaschutz umtreibt, hat sie übrigens nicht gesagt.

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