Sie sind hier:

Bürgermeister im Interview - "Amatrice kann wieder ein schöner Ort werden"

Datum:

Wie geht es Amatrice ein Jahr nach dem Erdbeben? Bürgermeister Sergio Pirozzi sieht den Ort auf einem guten Weg. Ein Supermarkt und erste Geschäfte hätten Normalität zurückgebracht. Den Schmerz Amatrices hätten sie aber nicht ausgelöscht. Dafür seien Katastrophentouristen und Trümmerberge noch zu präsent.

Fast ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben im italienischen Amatrice sind die meisten Häuser immer noch zerstört. Am Rande der Stadt wurden nun Fertighäuser für die Erdbebenopfer gebaut. Knapp vierzig Quadratmeter sind sie groß, nicht viel, aber in …

Beitragslänge:
2 min
Datum:

heute.de: Ein Jahr nach dem Erdbeben schaut die ganze Welt auf Amatrice. Wie sieht es momentan in Ihrer Stadt aus?

Sergio Pirozzi: Es ist ein bisschen wie das Abbild von Gut und Böse. Das Gute sind die Neuerungen, die man sieht: der Supermarkt und die ganzen Geschäfte, die wieder neu eröffnet haben, der Abschnitt für Restaurants, die Bauarbeiten für das neue Schulgebäude und die Sporthalle, die jetzt angefangen haben, und der neue Sportplatz, der bis Ende des Monats fertig sein soll. Das ist die gute Welt.

Die schlechte Welt erkennt man an den Trümmermassen, die immer noch in der Stadt herumliegen. Aber wir hoffen natürlich, dass das Gute auch hier wie in allen Geschichten das Böse besiegen wird. Ich weiß, ich bin ein Träumer, aber ich glaube daran, dass das Gute immer gewinnen wird.

heute.de: Hat der Staat geholfen?

Pirozzi: Der Staat sind wir. Oder? Der Staat hat uns mit vielen Maßnahmen sehr geholfen. Meiner Meinung nach ging die Aufmerksamkeit aber auch verloren, weil dann das Referendum (über die Reform des italienischen Wahlgesetzes, die Redaktion) kam und die politischen Streitereien zwischen und innerhalb der Parteien. Aber ich kann nicht behaupten, dass uns der Staat nicht geholfen hätte. Einige Personen waren vielleicht nicht die Richtigen für das Thema. Sie haben nicht die rote Zone betreten und den Schmerz dieser Gegend gespürt; und wer die rote Zone nicht betritt, kann den Schmerz vielleicht teilweise nachvollziehen, aber versteht nicht, dass man "im Krieg" Verzögerungen akzeptiert, wenn sie den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen, in Zeiten von Frieden aber nicht mehr.

heute.de: Welche Probleme gibt es noch?

Pirozzi: In diesen zwölf Monaten habe ich eines verstanden: Wir sind ein außergewöhnliches Land in vielerlei Hinsicht, aber dann haben wir den Hang dazu, Dinge zu ändern, die eigentlich gut sind. Meiner Meinung nach sollten wir aus jeder Erfahrung das Positive beibehalten und das Negative verbessern. Für die Prozedere sollten neue Regeln geschaffen werden, die Verantwortlichkeiten klären im Falle eines erneuten Notstands. Mehr Macht für die Bürgermeister zum Beispiel würde auch bedeuten, dass auch das Recht der Bürger sehr weit oben steht. Denn meiner Meinung nach kommt in einer Notsituation die Gemeinde an erster Stelle. Also würde es reichen, zwei bis drei grundlegende Regeln neu zu formulieren und alles würde besser laufen.

Das vorherige System von Bertolaso (ehemaliger Leiter des italienischen Zivilschutzes zur Zeit des Erdbebens von L’Aquila 2009, die Redaktion) enthielt gute Regeln. Danach ging es meiner Meinung nach bergab, als dem Zivilschutz Aufgaben zugewiesen wurden, die wenig mit ihrer eigentlichen Funktion bei Großeinsätzen zu tun haben. Es gab ein klares System, aber das wollte man umändern, so dass die Regionen mehr Macht bekommen. Aber die Regionen sind meiner Meinung nach nicht in der Lage eine Notsituation zu leiten, weil sie weder die Strukturen noch die Fähigkeiten haben. Die Regionen müssen sich bereits um das Gesundheitswesen und die Infrastruktur kümmern – stellen Sie sich vor, sie wären auch noch für Erdbeben verantwortlich.

heute.de: Wie geht es den Leuten aus Amatrice heute?

Pirozzi: Einigermaßen gut, abhängig vom Tag und ihrer Laune. Das wechselt, aber sie sind mittlerweile weniger betrübt. Aber für elf Monate gab es hier keinen Ort, wo man einkaufen konnte. Heute gibt es einen Supermarkt, die ersten Geschäfte und ein Hauch von Normalität kehrt zurück. Ich wünsche mir, dass die Trümmer aus der roten Zone (das vollkommen zerstörte historische Stadtzentrum von Amatrice, die Redaktion) so schnell wie möglich weggeschafft werden, weil sie uns immer noch an den Schmerz erinnern, an die Menschen, die heute nicht mehr unter uns sind. In dem Moment, wenn alle Trümmer entfernt sind, kann Amatrice wieder ein schöner Ort werden, auch für die Kinder. Aber wir haben die Aufgabe, die Trümmer so schnell wie möglich wegzuschaffen, damit das Erdbeben nicht ewig präsent bleibt. Aber viele Politiker haben das nicht verstanden. Das sind die Personen, die nie die rote Zone betreten haben.

heute.de: Viele Menschen sind nach dem Erdbeben nach Amatrice gekommen. Auch Touristen. Zum einen aus Solidarität, zum anderen aber auch aus Sensationgier ...

Pirozzi: ... diesen Erdbebentourismus gibt es immer noch. Er spiegelt ein weiteres Mal die Geschichte von Gut und Böse wider. Es gibt viele Personen, die aus echter Solidarität kommen, und ein paar auch aus Kuriosität. Aber das Böse besiegt man, indem man mit gutem Beispiel vorausgeht. Mir passiert es manchmal - wie heute zum Beispiel -, dass ich eine Person treffe, die Häuser fotografiert. Dann weise ich Sie daraufhin, dass hier vier Menschen gestorben sind und sie hat sich entschuldigt und ist verschämt gegangen. Viele, die den Schmerz nicht selbst erlebt haben, können es wahrscheinlich auch nicht einschätzen. Aber was soll ich sagen, das ist der endlose Kampf. Das Gute und das Böse, aber am Ende gewinnt doch immer das Gute.

heute.de: Wie sieht nun die Zukunft in Amatrice aus?

Pirozzi: Außergewöhnlich. Das Erdbeben hat uns viel gelehrt. Dass immer die Natur siegen wird. Deswegen müssen wir sie respektieren und beim Bauen zuallererst auf die Sicherheit achten und erst dann auf die Schönheit. Ich weiß, das fällt den Italienern schwer, denn wir sind ein Volk der Schönheit, der Künstler und Maler. Wir haben einen außergewöhnlichen Sinn für die Schönheit, aber ich denke der gesunde Verstand hat hier Vorrang. Erst die Sicherheit, dann die Schönheit.

Da die Natur das Einzige ist, was uns erhalten geblieben ist, muss sie die große Ressource dieser Gegend sein. Danach kommt der Sport. Deswegen auch das internationale Gymnasium, spezialisiert auf Sport und Wissenschaft, auch mit vielen Schülern von außerhalb der Region. Aber die Natur, die uns sehr klar bestraft hat, bietet uns heute eine große Möglichkeit. Man muss wieder neu anfangen, in der Hoffnung, dass alle ihre Lehre gezogen haben. Und ich hoffe, dass der größte Teil der Anwohner das getan hat. Denn sie müssen verstehen, dass die Zukunft dieser Gegend mit der Natur neu anfangen muss und mit dem, was die Erde und die Umwelt uns liefern. Gestern noch war sie der Feind, aber in Zukunft bin ich sicher, dass sie eine große Alliierte sein wird. Für diese Gemeinde. Aber nicht nur für Amatrice, sondern für ganz Mittelitalien.

Das Interview führten Maria-Laura Geramb und Antonia Schmid.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.