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ZDF in Altenburg - Twittergewitter vor Mitternacht

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Vier Wochen leben Reporter Mathias Kubitza und Kameramann Niklas Grunwald in Altenburg. Dass das ZDF da ist, wusste schlagartig die ganze Stadt - dank des Oberbürgermeisters.

Oberbürgermeister André Neumann und ZDF-Reporter Mathias Kubitza
Oberbürgermeister André Neumann und ZDF-Reporter Mathias Kubitza
Quelle: ZDF/Niklas Grunwald

Licht aus, letzter Blick aufs Handy, am 3. Oktober gegen 23 Uhr. Wir recherchieren, drehen und schneiden schon zehn Tage lang. Meine Augen sind dementsprechend schwer. Blauer Punkt an der Twitterglocke, müde aktualisiere ich die Timeline. "Aus der Stadt werfen sollte man das ZDF! Das ist Rufmord der niederträchtigsten Art. Eine ganze Region wird hier ohne Scham vorgeführt. Aber auch das verkraften wir noch. Altenburg wird es allen zeigen!"

Screenshot Twitter: Oberbürgermeister André Neumann und ZDF-Reporter Mathias Kubitza in Altenburg
Screenshot des Tweets von Oberbürgermeister André Neumann
Quelle: Twitter

Wer schreibt denn sowas, denk' ich mir. Aha, André Neumann heißt der Mann. Moment! So heißt doch der Oberbürgermeister!? Ein paar Sekunden vergehen, bis mir klar wird: Das ist ja'n Ding. Unfreiwillig wieder wach, lese ich mich durch die Kommentare. "Die Zeiten, in denen der Gutsherr jeden rauswerfen konnte, der ihm nicht passte, sind vorbei. Haben Sie sich mal besser unter Kontrolle!", schreibt zum Beispiel Tim Joaquin.

"Da ist aber jemand empfindlich", kommentiert J Knie. Okay, sein Aufruf zum Rauswurf scheint nicht zu verfangen. Gut für uns, trotzdem: Eine gewisse Tragweite hat es ja schon, wenn ein Oberbürgermeister (CDU) … Und überhaupt: Wie hat er sich das vorgestellt? Per Tritt in den Hintern in die S-Bahn nach Leipzig?

Ich entscheide mich gegen den typischen Twitterton und schreibe: "Lieber Herr Neumann, meinen Sie Ihren Tweet tatsächlich ernst? Was genau hat Ihren Ruf gemordet in unserer Berichterstattung? Wir haben bis jetzt Rentner in Altenburg Nord zu Wort kommen lassen und junge Menschen, die sich für ihre Stadt engagieren." Diese Beiträge liefen bis dahin im ZDF. Außerdem gibt es bis dahin einen Artikel auf heute.de mit ersten Eindrücken, darin in ein paar Zeilen das Zitat eines hetzerischen, rechtsextremen Dialogs.

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"Plötzlich wissen alle, dass das ZDF da ist"

Am nächsten Morgen hat der Oberbürgermeister seinen Tweet gelöscht, ein paar Tage später entschuldigt er sich beim ZDF per Facebook. Ich frage Herrn Neumann für ein Interview an. Doch das muss warten. Der Oberbürgermeister twitterte nämlich aus dem Urlaub und kommt erst in einer Woche zurück. Solange machen wir einfach weiter wie geplant. Und doch merken wir: Plötzlich wissen alle, dass das ZDF da ist.

In der 32.000-Einwohner-Stadt ist das OB-Gezwitscher in aller Munde. Die lokale Zeitung schreibt jetzt über uns ausführlich, ausgewogen, fair. Viele Altenburger, mit denen wir sprechen, stellen uns dieselben Fragen: Wie wählen wir die Themen aus? Warum zeigen wir so oft verfallene Häuser und Rentner mit Rollatoren?

Das Misstrauen gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist da. Die meisten Altenburger begegnen uns zwar offen, aber es schwingt eben auch Skepsis mit. Vor allem das Gefühl, das ZDF sei sowieso nur gekommen, um Ost- und Provinzklischees zu filmen. Dass wir inzwischen längst im traditionsreichen Theater, beim Gospelchor Colours of Soul oder auf den blühenden Safranfeldern gedreht haben, fühlt sich beinahe wie rechtfertigen an.

Karte: Altenburg - Thüringen
Quelle: ZDF

Am vergangenen Montag war es dann soweit: 11 Uhr, Büro des Oberbürgermeisters, Gespräch auf Augenhöhe. André Neumann, Jahrgang 1978, sprudelt vor Begeisterung über seine Stadt, entschuldigt sich nochmal persönlich für seinen Tweet. Richtig so, beides, denke ich. Er, der Oberbürgermeister, will seine Stadt im schönsten Glanze sehen, kämpft gegen das Wendeverlierer-Image. Wir dagegen spitzen die Probleme der Stadt in wenigen Bildern und Worten zu, für ein bundesweites Publikum. Der Blick von außen ist unbequem.

Nach einem einstündigen Gespräch im holzvertäfelten Büro, dem Aufstieg auf den Rathausturm und einem Interview fürs heute journal zu seinen Zukunftsvisionen für Altenburg reichen André Neumann und ich uns schließlich die Hand. In gegenseitigem Respekt vor unserer Arbeit.            

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Dem Autor auf Twitter folgen: @kinkerli_tzchen

Eine Traumkulisse bietet Altenburg im Osten Thüringens, hat aber seit 1989 mehr als ein Drittel seiner Einwohner verloren. Auch einige jüngere zieht es wieder in die Stadt mit der berühmten Spielkartenfabrik, die weiter mit Strukturproblemen kämpft.

Beitragslänge:
2 min
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