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"ZDF in ..." Wilhelmshaven - Wo Putz bröckelt, und sich trotzdem viel bewegt

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Eine Reporterin, ein Kameramann, vier Wochen: Ein ZDF-Team ist zurzeit in Wilhelmshaven. Ziel ist es, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Welche Themen bewegen sie?

Rathaus von Wilhelmshaven genannt Burg am Meer
Rathaus von Wilhelmshaven genannt Burg am Meer
Quelle: Elisabeth Schmidt

Wie nähert man sich einer Stadt an? In meinem Fall über die Autobahn. Die A29 führt direkt nach Wilhelmshaven im Norden Niedersachsens. Das Navi bringt mich in die Marktstraße, sie wurde mir im Reiseführer als zentrale Einkaufsmeile empfohlen - hier könnte ich eingefleischte Wilhelmshavener treffen. Denn genau darum geht es beim Bürgerprojekt "ZDF in …": Vier Wochen lang in einer Stadt leben und herausfinden, welche Themen die Menschen hier bewegen und wie es sich hier lebt. Immer an meiner Seite: Kameramann Thomas Henke.

Grüne Wiese mitten in der Stadt

Ich fahre durch einen Plakatewald - am 12. Mai ist hier Oberbürgermeisterwahl, zu der sich ganze 15 Kandidaten aufgestellt haben. Ihre Gesichter hängen neben einer bunten Mischung an Häusern: Klinkerhäuschen, Plattenbau und einige 20er-Jahre-Bauten - weißer Stuck in geraden Linien. Ich erahne, wie schön die Stadt einmal ausgesehen haben muss, bevor Bomber im Zweiten Weltkrieg 60 Prozent der Wohngebäude zerstörten.

Wilhelmshaven
Wilhelmshaven: Die Marine mit rund 9.000 stationierten Soldaten und zivilen Angestellten ist der größte Arbeitgeber der Stadt.
Quelle: ZDF
ZDF-Team in Wilhelmshaven
Herausfinden, was die Wilhelmshavener bewegt: Elisabeth Schmidt und Thomas Henke (ZDF-Team)
Quelle: ZDF

"Ziel erreicht", verkündet das Navi. Ich steige aus und traue meinen Augen nicht: Die "zentrale Einkaufsmeile" beginnt mit einer Brachfläche, grüne Wiese mitten in der Innenstadt, vielleicht so groß wie ein Tennisplatz. Dahinter ein Wohnhaus, dessen Fassade mit tiefen Löchern ins Auge sticht, der Putz bröckelt. Dahinter ein japanisches Restaurant, ein Asia-Laden und - direkt vor dem Schild "Fußgängerzone": ein großer Erotik-Shop. Ich laufe die Marktstraße ein paar Meter weiter, jetzt beginnt die typischere Einkaufsmeile - viele Ketten, wie in jeder Innenstadt, ein Kaufhaus. Ich biege ab Richtung Rathaus und stoße auf einen Wochenmarkt.

Größter Bundeswehrstandort Deutschlands

Am Spargelstand komme ich mit Sabine Plohr ins Gespräch, ihr Vater war Eisenbahner und wurde nach Wilhelmshaven versetzt, erzählt mir die Mitfünfzigerin. Seit sie zwei Jahre alt ist, lebt sie hier: "Wilhelmshaven ist eine wunderschöne Stadt am Meer, mit viel Grün zwischendurch, man kann viel Fahrrad fahren, wir haben das wunderbare Wasser hier, ich finde es sehr toll hier."

Wilhelmshaven ist eine Stadt, in der viele sozial schwächere Menschen wohnen. Sicherlich kann man da noch mehr tun, um die Menschen zu fördern.
Sabine Plohr, Wilhelmshavenerin

Ihr Schwiegersohn arbeitet in der Marine - mit rund 9.000 stationierten Soldaten und zivilen Angestellten der größte Arbeitgeber der Stadt. Wilhelmshaven ist der größte Bundeswehrstandort Deutschlands. Was Sabine Plohr fehlt? "Wilhelmshaven ist eine Stadt, in der viele sozial schwächere Menschen wohnen. Sicherlich kann man da noch mehr tun, um die Menschen zu fördern, Kindergärten und soziale Einrichtungen bauen, das würde ich mir wünschen", sagt sie.

"Junge Leute haben keine Perspektive"

Beim Bäcker-Wagen komme ich mit dem Ehepaar Dewald ins Gespräch. Horst Dewald - ich schätze ihn auf etwa 70 Jahre - war Koch an Bord der Marine. Fast jeder in Wilhelmshaven hat irgendeine Verbindung zur Marine, scherzt er. Als er damals die Soldaten verköstigt hatte, zählte Wilhelmshaven noch über 100.000 Einwohner. Jetzt sind es rund 79.000. Warum der Rückgang, frage ich. "Weil die jungen Leute keine Perspektive haben", erzählt Dewald, "die studieren woanders und bleiben meist woanders. Die Älteren werden weniger. Mehr Arbeitsplätze sind wichtig. Ansonsten lässt es sich in Wilhelmshaven aber sehr gut leben".

Eine Fachhochschule gibt es hier, die Jadehochschule. Doch nach dem Studium zieht es viele wieder in andere Städte. So auch Sebastian Schuck. Vor drei Jahren studierte er in Wilhelmshaven noch Wirtschaftsingenieurwesen, zum Master ging es wieder in seine Heimatstadt Münster. "Es war eine gute Zeit hier, wenn man sich mit dem Nordischen anfreunden kann", erzählt er. Klar, wer Partyleben suche, sei hier eher falsch. Aber die Menschen seien sehr freundlich, sehr offen. Besonders aufgefallen sei ihm damals der große Wohnungsleerstand. "Ich hab in einer Wohnung gelebt, wo die Wohnung nebenan, glaub ich, schon seit Jahrzehnten leer stand."

Tausende Wohngebäude stehen leer

Rund 3.000 Wohngebäude stehen in Wilhelmshaven derzeit leer. Sebastian Schuck erzählt mir, viele Gebäude seien sanierungsbedürftig. Die Mieten liegen zum Teil weit unter dem Bundesdurchschnitt. Das hat sich in Deutschland herumgesprochen. "Sozialempfänger ziehen in Massen nach Wilhelmshaven", titelte vor wenigen Jahren noch eine bundesweite Boulevardzeitung. Dieses Image prägt die Stadt, prägt die Menschen hier. Viele Wilhelmshavener kämpfen dagegen an.

Wilhelmshaven: Zahlen und Fakten

In der Fußgängerzone treffe ich Ali Kara-Ali, gute 30 Jahre alt. Er ist in Wilhelmshaven geboren, seine Vorfahren kommen aus dem Libanon. "Ich liebe diese Stadt", sagt er, benennt aber auch Probleme: "Viele Menschen, vor allem junge Menschen, wissen gar nicht, was sie hier machen sollen. So Aktivitäten, das muss nach Wilhelmshaven kommen. Freizeitaktivitäten, für Familien, für Jugendliche. Das fehlt."

Er selbst besitzt ein libanesisches Restaurant und engagiert sich ehrenamtlich für sozial schwache Familien, sammelt Spenden und Lebensmittel für die Tafel, geht mit benachteiligten Kindern ins Kino. "Wir junge Menschen müssen was bewegen, sonst ändert sich nichts", sagt er. Hoffnungsfroh stimmt ihn, dass es in Wilhelmshaven eine kleine, junge Gründerszene gibt, Künstler, Hoteliers, Restaurantbesitzer, die gerade investieren und die Stadt - auch ein Stück weit für sie selber – schöner machen wollen. "Das Marinemuseum anschauen und den Südstrand", gibt er mir noch auf den Weg.

Motto zum Jubiläum: "Aus Tradition im Wandel"

Anwohnerin Südstrand, Wilhelmshaven
Autorin mit Anwohnerin vom Südstrand.
Quelle: ZDF

Ich habe das Gefühl, als ich zum Auto zurückgehe, dass es spannende vier Wochen werden in einer Stadt, in der sich offensichtlich gerade viel bewegt. "Aus Tradition im Wandel" - dieses Motto hat sich Wilhelmshaven zu seinem 150. Geburtstag gegeben. Das ganze Jahr über wird es in der Jadestadt Veranstaltungen und Partys geben.

Welche Themen dürfen wir auf keinen Fall verpassen? Wir freuen uns über Ihre Mail an zdfin@zdf.de . Der JadeWeser-Container-Port wurde mir bereits als wirtschaftlicher Hoffnungsträger genannt. Und: Die Stadt arbeitet an einem Tourismus-Konzept. Jetzt erst? Jetzt erst! Nächste Station: Südstrand. Wie viele Gäste kommen nach Wilhelmshaven? Woran liegt es, dass der einzige Nordseestrand mit Premium-Südlage in Deutschland nicht bekannter ist? Ich werde berichten!

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