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EU-Ratspräsidentschaft - Bulgarien: Arm aber sexy - und korrupt

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Zu Neujahr hat Bulgarien den EU-Rats-Vorsitz übernommen. Das sogenannte Armenhaus Europas möchte diesen Titel gern abstreifen, ein großes Problem bleibt: die Korruption.

Eselfuhrwerk in Bulgarien
Eselfuhrwerk in Bulgarien Quelle: imago

Hristo Boyadzhiev ist freiwillig zurückgekehrt nach Bulgarien - und hat es noch keinen Moment bereut. 2004 hat er wie viele, ja, wie die Mehrheit der jungen Bulgaren seiner Heimat den Rücken gekehrt. Hristo hat in den USA Wirtschaft studiert, aber dort hat ihn nichts gehalten. Zu anders waren Kultur und Gesellschaft, zu groß das Heimweh, also hat er beschlossen, Bulgarien eine zweite Chance zu geben.

Fast ein Fünftel der Bulgaren sind weg aus der Heimat

Zurück in Sofia hat er sich selbstständig gemacht, ein IT-Unternehmen gegründet und betreibt nebenbei eine Organisation, die jungen Bulgaren hilft zu Hause wieder Fuß zu fassen. Fast ein Fünftel seiner Bevölkerung hat Bulgarien in den letzten 25 Jahren verloren und noch immer wandern viele aus. Doch es gibt auch eine Gegenbewegung: Tausende vorwiegend junge Bulgaren sind in den letzten Jahren zurückgekehrt. Hristo und seine Freunde helfen einigen von Ihnen, bei der Jobsuche, bei der Gründung neuer Netzwerke.

Karte von Bulgarien
Karte von Bulgarien

In Sofia keimt so was wie Hoffnung, im Armenhaus der EU. Manche Straßenzüge erinnern an Berlin, Prenzlauer Berg, vor 20 Jahren: hippe Läden, Restaurants und Boutiquen, viele junge Menschen, Aufbruchsstimmung. Der Lebensstandard - zumindest in den Großstädten - ist im letzten Jahrzehnt spürbar gestiegen. Die IT-Branche, aber auch die Textilindustrie  und andere Branchen haben Bulgarien als Land hochqualifizierter, gleichzeitig aber auch günstiger Arbeitskräfte entdeckt. Und auch Autobahnen, Bahnstrecken und U-Bahn-Linien zeugen von Fortschritt - finanziert vor allem durch EU-Hilfen.

Am Ende aller Sozialstatistiken

Trotzdem, verglichen mit dem Nachbarland Rumänien, ist Bulgarien hinter den Erwartungen zurück geblieben. Noch immer rangiert das Land am Ende fast aller Sozialstatistiken; Gehälter und Renten reichen kaum zum Leben, die Korruption blüht. Pünktlich zur Übernahme der EU-Präsidentschaft hat das Land zwar noch schnell ein Anti-Korruptionsgesetz verabschiedet, doch das sei weitgehend wirkungslos, sagen Experten.

Sei es beim Arzt, in der Schule, im Arbeitsleben, etwa bei der Vergabe von Großprojekten:  Fast überall heißt es Geldbeutel zücken und bestechen, sonst geht nichts voran in dem Balkanland. Das wird selbst dann sichtbar, wenn die Regierung versucht, am Saubermann-Image zu arbeiten: Für die EU-Präsidentschaft wurde extra der nationale Kulturpalast wiedereröffnet, lange ein baufälliger Bunker. Doch nun wurden gegen den früheren Palastdirektor Ermittlungen eingeleitet, wegen des Verdachts auf Missbrauch von staatlichen Geldern. Und während in Rumänien reihenweise korrupte Politiker und Geschäftsleute ins Gefängnis wandern, lebt es sich in Bulgarien auch oder vor allem korrupt ziemlich gut. Von der Justiz behelligt werden nur Wenige.

Wissenswertes über Bulgarien

Vermittler in der Flüchtlingspolitik?

"Konsens, Konkurrenz und Kohäsion" - dieses Motto hat Ministerpräsident Bojko Borissow seiner Ratspräsidentschaft gegeben. Man wolle zur Sicherheit, Stabilität und Solidarität in der EU beitragen. Und in einem Punkt könnte Bulgarien vielleicht wirklich eine Art Vermittlerrolle einnehmen: Bei der Flüchtlingspolitik. Noch vor Ungarn hat Bulgarien einen Grenzzaun gebaut, zur Türkei und kaum ein Land ist bei Migranten so gefürchtet. Da ist von Misshandlungen seitens der Polizei die Rede, noch gefürchteter sind Privatmilizen, Fremdenhass ist weit verbreitet.

Aber auch wenn das wenig versöhnlich klingt: Die Regierung meidet die Konfrontation mit Brüssel, ist im Gegenteil um Harmonie bemüht und lässt sich auch von den Visegrad-Staaten, von Ungarn, Tschechien, Polen und der Slowakei nicht zum Aufbegehren bewegen. Das könnte eine Chance sein, Ost und West miteinander zu versöhnen, problematisch aber ist der Regierungspartner der Konservativen: Die nationalistischen Vereinigten Patrioten. Die rechtsextreme Partei sorgt mit hetzerischen Parolen immer wieder für Schlagzeilen. Erst kürzlich hat der stellvertretende Regierungschef Simeonow die Roma als "wild gewordene menschenähnliche Wesen" bezeichnet.

Gemeinsam für eine bessere Zukunft

An die Negativ-Schlagzeilen seines Landes hat sich Hristo Boyadzhiev längst gewöhnt. Er glaubt trotzdem an Bulgarien und hat einen Plan: Gut ausgebildete Bulgaren zurückholen, gemeinsam an einer besseren Zukunft arbeiten. Ja, das braucht Zeit, ja, die Korruption lässt sich nicht schnell besiegen, aber Hristo sieht auch großes Potential in seiner Heimat.

Hintergrund: Europäischer Rat

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