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Berufsbildungsbericht - "Wir haben keinen Grund zum Pessismismus"

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Mehr Auszubildende, mehr Ausbildungsbetriebe. Das klingt gut. Allerdings bleiben Plätze auch offen. Das ist jetzt das Problem von Anja Karlicek, der neuen Bundesbildungsministerin.

Anja Karliczek während der Bundespressekonferenz zum Thema Berufsbildungsbericht 2018 in Berlin
Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) Quelle: imago

Ihre Zahlen sind das nicht. Wie sich der Ausbildungsmarkt im vorigen Jahr entwickelt hat, dafür kann sie nichts. Trotzdem muss Anja Karliczek diese Zahlen jetzt verteidigen. Sie ist seit gut einem Monat Bundesbildungsministerin und nun für alles irgendwie verantwortlich, was mit Ausbildung, Hochschule und Forschung in diesem Land zu tun hat. Riesige Themen.

Sie ist die erste Ministerin der neuen Merkel-Regierung, die sich den Journalisten in der Bundespressekonferenz stellt und die den schmalen Grat meistern muss: Verteidigen von dem, was gewesen ist und worauf sie keinen Einfluss hatte. Und Tatkraft verbreiten, ohne sich auf dem noch unbekannten Terrain zu verstolpern. Beim Thema Berufsbildungsbericht, den das Ministerium jährlich vorlegt und das Kabinett heute verabschiedete, fiel das Karliczek nicht allzu schwer. Denn die Zahlen sind so schlecht nicht. "Alle bewegen sich in die richtige Richtung", findet Karlicek.

Abbrecherquote angeblich viel geringer

Im vorigen Ausbildungsjahr, also 2016/2017, sind die Zahl der Betriebe, die einen Ausbildungsplatz anbieten, und die Zahl der Ausbildungsplätze im Ganzen gestiegen. Mehr als die Hälfte eines Jahrgangs beginnt derzeit eine berufliche Ausbildung. Jahrelang nahm die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ab. Nun steigen sie wieder leicht. Auch wird wieder mehr direkt in Firmen gelehrt, nicht nur in Schulen. Allerdings gibt es auch das andere Ende der Zahlentabelle.

Knapp 49.000 Ausbildungsstellen blieben unbesetzt, mehr als noch im Zeitraum zuvor. 24.000 Bewerber bekamen keinen Ausbildungsplatz. Weniger als ein Fünftel der Betriebe bilden überhaupt aus, vor allem kleinere nicht. Die Abbrecherquote nennt Karliczek eine "angebliche". Vor gut einer Woche kursierten die Zahlen, dass jeder vierte Azubi die Ausbildung vorzeitig abbricht - so viele wie seit Anfang der 90er Jahre nicht mehr. Vor allem in der Sicherheitsbranche und im Gastgewerbe. Tatsächlich, sagt Karlicek, gebe es aber nur zwölf bis 13 Prozent Abbrecher pro Jahrgang. Denn viele Azubis würden den Betrieb oder die Branche wechseln, also weitermachen. Das müsse man miteinberechnen. "Wir haben keinen Grund für demonstrativen Pessimismus", sagt die Ministerin.

Zwei Enden und 16 Landesminister

Brummende Konjunktur, zu wenige Fachkräfte und trotzdem junge Menschen, die keinen Ausbildungsplatz finden - es sind "diese beiden Ende", wie Karlicek es nennt, die sie in den kommenden dreieinhalb Jahren zusammen bringen will. Sie spricht von den Vorhaben im Koalitionsvertrag und den Hausaufgaben, die diese Regierung nun angehen müsse. Konkreter wird die CDU-Politikerin an diesem Mittwoch lieber nicht. Sie spricht vom einen Gesamtpaket Berufsbildung, von Möglichkeiten der Motivation, damit ein Jugendlicher einen Ausbildungsplatz fern der Heimat annimmt und der Mangel an Berufschullehrern behoben wird. Von den Hilfen für Migranten, die man sich aber erst einmal noch genau anschauen müsse. Von dem neuen Bildungsrat, der laut Koalitionsvertrag kommen soll, aber bei dem man gerade erst überlege, wie der aussehen könne.

Alles nichts, worauf man sie festnageln könnte. Nichts, was als Boomerang in den nächsten dreieinhalb Jahren immer wieder zu ihr zurück kommen könnte. In diese Falle tappt die neue Ministerin nicht. Sie weiß, dass sie neben einem Koalitionspartner auch immer 16 Länderminister praktisch mit am Schreibtisch sitzen hat. Ohne sie geht in der Bildungspolitik fast nichts. Noch sieht sie das positiv, hat sie auch hier keinen Grund für Pessimismus. "Der Abgleich bis zur Bundesebene macht das Ministerium so spannend", sagt sie.

Merkels Überraschung

Anja Karlicek war die Überraschung des vierten Merkel-Kabinetts. Niemand hatte die CDU-Politikerin aus dem Münsterland auf dem Zettel, schon gar nicht als Bundesforschungsministerin. Die knapp 47-Jährige sitzt seit 2013 im Bundestag, wurde Bankkauffrau, dann Hotelfachfrau, zudem studierte sie an der Fernuni Hagen Betriebswirtschaftslehre. Dann wurde sie Politikerin, ist jetzt Ministerin und damit verantwortlich für rund 1.000 Mitarbeiter in Bonn und Berlin. Sie hat drei Kinder. Dass sie von Flexibilität keine Ahnung hat, kann man ihr nicht vorwerfen. Mit den ersten Wochen im Ministeramt kann sie zufrieden sein. Weil auch der Bundespräsident das Thema für sich entdeckt hat, wird über berufliche Ausbildung derzeit viel gesprochen.

Sie ist cool genug, ohne Mitarbeiter neben sich vor die Presse zu gehen, Zahlen selbst rauszusuchen - "Moment, ich hab sie gleich" - und sich von den Klicken der Fotografen nicht aus der Ruhe zu bringen. Sie ist politisch schlau genug, sich nicht festnageln zu lassen, was sie hinterher nicht einhalten kann. Und auch beim Thema Pflegeberufe ihrem Kollegen Gesundheitsminister Jens Spahn nicht via Presse Ratschläge zu geben. Ihre Vorgänger im Amt hießen Johanna Wanka, Annette Schavan, Edelgard Bulmahn. Ob sie politisch sichtbarer werden wolle als diese Frauen, wird sie am Mittwoch gefragt. Da lacht sie. Es komme darauf an, die duale Ausbildung trotz der Umwälzungen in der Arbeitswelt zu stärken. "Da bin ich mit Leib und Seele dabei, da seien Sie mal sicher."

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