Sie sind hier:

Finanzminister in Washington - Schäuble sagt der Finanzwelt "Bye-Bye"

Datum:

Abschied aus der Finanzwelt: Acht Jahre lang war Wolfgang Schäuble auch auf dem internationalen Parkett eine mahnende Stimme für Haushaltsdisziplin. Er wurde geachtet, gefürchtet, war umstritten. Beim großen Abschied in Washington erhielt er viel Lob. Sein Abgang ist eine Zäsur - nicht nur für Deutschland.

Acht Jahre lang war Wolfgang Schäuble auch auf dem internationalen Parkett eine mahnende Stimme für Solidität und Haushaltsdisziplin. Er wurde geachtet und gefürchtet, manchmal auch gehasst. Beim großen Abschied in Washington erntet Schäuble viel Lob.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Unterwegs im Regierungsflieger, Flugnummer German Airforce 883, Ziel Washington, D.C. Draußen wird es dunkel, in der Konferenzzone im vorderen Bereich vor den Tragflächen des Airbus A-340 wird gearbeitet. Der Finanzminister sitzt in Flugrichtung am Besprechungstisch, ihm gegenüber der Staatssekretär, ein Abteilungsleiter und zwei weitere Mitarbeiter - der übliche enge Zirkel auf solchen Flügen zu großen internationalen Verhandlungen, das übliche Prozedere, eigentlich alles wie immer. Wolfgang Schäuble brütet über Papieren und müht sich nach Kräften, diesen Eindruck aufrecht zu erhalten - alles Routine.

Acht Jahre voller Krisensitzungen

Das ist es natürlich nicht: Nach acht Jahren im Amt wird der dienstälteste Finanzminister im Kreis der 20 größten Industrienationen in wenigen Tagen aufhören. Acht Jahre, während derer nacheinander die internationale Geldwirtschaft, reihenweise Staaten und schließlich der Euro als Ganzes von Krise zu Krise taumelten. Acht Jahre voller Krisensitzungen, in denen sich Wolfgang Schäuble und seine Mitarbeiter häufig genug isoliert gefühlt haben dürften.

Wegen Schäubles Knauserigkeit, mit der er sich hartnäckig dagegen stemmte, überschuldeten Staaten immer neues Geld zu überweisen und Schulden zu erlassen, um ihren häufig überforderten Regierungen Luft zu verschaffen, so sagen es die Einen. Wegen seiner Überzeugung, riesige Schulden ließen sich nicht dadurch bekämpfen, dass man noch mehr Schulden aufnehme, so sagt es Schäuble.

Sondern durch Strukturreformen in den jeweiligen Ländern. Durch nachhaltiges Wirtschaften ihrer Regierungen. Durch solide Haushaltsführung, mit der sich verloren gegangenes Vertrauen der internationalen Geldgeber wiedergewinnen lasse. Acht Jahre, in denen unter anderem Deutschland mit Europa rang, Europa mit Amerika, Regierungen mit Ratingagenturen - jeder gegen jeden. Und an deren Ende es scheint, als habe Schäubles Linie im Lauf der Zeit vielleicht nicht alle Akteure überzeugt, aber immerhin an Zustimmung gewonnen.

Lagarde: Ein Fels! Ein Gigant! Always solid!

Schäubles Abgang von der internationalen Bühne ist eine Zäsur. Für die Deutschen, deren Wirtschaftskraft sich dadurch zwar nicht verringert, aber vermutlich der Einfluss von Schäubles Nachfolger - wer auch immer das werden wird. Für ihre Partner, Kritiker, Gegner, die sich an am Verhandlungstisch dem raffinierten Fuchs Schäuble gegenüber fanden. Und in geringerem Maß sogar für die G20, weil Schäubles Abschied zusammenfällt mit dem Ende der deutschen G20-Präsidentschaft. Die gilt als erfolgreich, trotz (manche sagen auch: wegen) der Konflikte mit Trumps schlecht sortierter US-Administration.

Den Applaus, den Finanzminister und Notenbankchefs der G20-Staaten Schäuble bei der Aufstellung zum sogenannten Familienfoto spendeten, darf der deswegen gerne aufs eigene Konto verbuchen. Selten zuvor auch war ein scheidender Minister durch IWF-Chefin Christine Lagarde mit derart warmen Worten verabschiedet worden: Ein Fels! Ein Gigant! Always solid! Standhaft, was die eigene Position angehe! Und doch im Zweifel derjenige, der die Truppe wieder an die gemeinsame Aufgabe erinnere und auf Kurs bringe!

Womöglich hätte Lagarde gerne noch mehr Ausrufezeichen in den politischen Raum gerufen. Schäuble war das schon zuviel. Gefürchtet. Geachtet. Schäuble war in diesem Kreis immer beides, es schien ihm egal zu sein, solange sein Einfluss nicht darunter litt. Nur als eines will er keinesfalls gelten, als gerührt. Beim Abschied bekomme man immer Lob, sein Verhältnis zu Lagarde sei eben auch besonders gut gewesen, relativiert er. Aber ja, er habe in den vergangenen acht Jahren versucht, sein Bestes zu geben. Da wirkt er doch geschmeichelt.

Kritik aus der FDP: Kein Gestalter

Das Beste aus acht Jahren? In Berlin ist das für viele Schäubles ausgeglichener Haushalt. Die Schwarze Null, seit vier Jahren. Gut, aber vielen nicht gut genug. Umstritten. "Kein Gestalter" sei Schäuble gewesen, resümiert FDP-Chef Christian Lindner, dessen Partei möglicherweise den Nachfolger stellen könnte, möglicherweise ihn selbst: Schäuble habe von niedrigen Zinsen und der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung profitiert, insgesamt aber zu wenig investiert. Man hätte in der Großen Koalition gerne untere Einkommen steuerlich ent- und dafür eben höhere stärker belastet, kritisiert Carsten Schneider, lange Jahre SPD-Haushaltsexperte, nun parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion.

Auch Schäubles Engagement für Europa wird in der Bundeshauptstadt zwiespältig beurteilt. Er habe große Verdienste, attestiert Linke-Fraktionschef Dietmar Bartsch, keine Frage. Aber er trage auch Mitverantwortung für Europas Gespaltenheit und soziale Ungleichheit. Und Grünen-Chef Cem Özdemir ergänzt, anstelle von "Wir geben nichts" müsse nun wieder mehr Investitionsfreude für Europa entstehen, und kündigt an: Die nächste Regierung werde dieses Kapitel aufschlagen. Klingt, als werde er auf jeden Fall dabei sein.

Schäuble wird ihr auf jeden Fall nicht angehören. Fragt sich also, auch beim Besuch in Amerika, wie wird das werden: Parlamentspräsident, im neuen Amt? Noch sei er nicht einmal vorgeschlagen, erklärt dieser, mit beinahe treuherzigem Blick. Auf dass man vergesse, dass nach allen Gepflogenheiten im Berliner Betrieb dies längst in trocken Tüchern sein dürfte. Wie so oft: Alles sicher, alles arrangiert - doch Schäuble wäre nicht Schäuble, hielte er sich nicht rhetorisch eine Hintertür offen. Der Mann bleibt sich treu.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.