ZDFheute

Wie Städte gesund werden können

Sie sind hier:

Bundeskongress Stadtentwicklung - Wie Städte gesund werden können

Datum:

Verstopfte Straßen, schmutzige Luft, umkämpfter Wohnungsmarkt: Experten auf dem Bundeskongress Nationale Stadtentwicklung in Stuttgart suchen Lösungen für städtische Probleme.

Marktplatz von Köthen, Sachsen-Anhalt
Der Marktplatz von Köthen in Sachsen-Anhalt.
Quelle: dpa

Wo Städte stark wachsen, wächst auch der Stress der Bewohner - viele Einwohner von München, Frankfurt, Berlin und anderen deutschen Metropolen würden das so unterschreiben. Dass Städtebau "smarter" und "sozialer" werden muss, weiß die Politik. Aber wie sieht "gesunder Städtebau" aus? Diese Fragen diskutieren Expertinnen wie die Ingenieurin Christa Böhme vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) und Heike Köckler, Professorin für Sozialraum und Gesundheit an der Hochschule für Gesundheit (HSG), auf dem heute beginnenden Bundeskongress Nationale Stadtentwicklungspolitik in Stuttgart. heute.de hat Böhme und Köckler gefragt, welche Maßnahmen sie auf dem Weg zu gesünderen Städten für unerlässlich halten.

1. Soziale Schichten vereinen

"In deutschen Großstädten ist eine ansteigende Konzentration von Armut in einzelnen Stadtteilen zu beobachten", sagt Christa Böhme. Der Grund: "Durch die Aufwertung innerstädtischer Quartiere und steigende Mieten werden Haushalte mit niedrigem Einkommen zunehmend gezwungen in Stadtrandlagen auszuweichen." Die Folgen: Wachsende Ungleichheit städtischer Teilgebiete mit negativen Folgen für sozial Schwächere. Heike Köckler erinnert in dem Zusammenhang an Paragraf 1 des Baugesetzbuchs. Dort wird eine "dem Wohl der Allgemeinheit dienende sozialgerechte Bodennutzung" gefordert. Ausreichend umgesetzt, würde das Gesetz durch engagierten sozialen Wohnungsbau einer Ghettoisierung entgegenwirken.

2. Umweltgerechtigkeit schaffen

In vielen deutschen Städten seien Menschen in einzelnen Quartieren und Wohnlagen gleich mehrfach durch ökologische und soziale Probleme belastet, beobachtet Christa Böhme: "Diese Belastungen können zu erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen." Kommunen müssten deshalb "mehr Umweltgerechtigkeit schaffen und Umwelt-/Klimaschutz, Gesundheitsförderung und soziale Gerechtigkeit mit integrierten Ansätzen verfolgen". Dazu zählt für Heike Köckler auch ein gerechter Zugang für alle Stadtbewohner zu Parks und anderen Grünanlagen. Denn noch sehe es so aus: "Häufig ist der Zugang zu Grünräumen eingeschränkt und einkommensschwache Menschen verfügen aufgrund ihrer ökonomischen Situation oder anderer Faktoren sozialer Benachteiligung über sehr begrenzte Bewältigungsmöglichkeiten." Stadtentwickler müssten also für ausreichend öffentlicher Refugien sorgen und außerdem Lärm, Emissionen und Unfallrisiken in besonders belasteten Gebieten senken.

3. Umweltfreundliche Mobilität fördern

Heike Köckler sieht in der angestrebten Verkehrswende nicht nur einen Beitrag zum Klima- und Umweltschutz, "sondern auch einen Beitrag zu Bewegung im öffentlichen Raum und somit für physische Fitness und häufig auch Anlass für Begegnung". Städtebauer sollten deshalb darauf achten, dass Stadtbewohner wichtige Stellen in ihrem Alltag "anlaufen" könnten. Ein wichtiges Mittel auf dem Weg zu umweltfreundlicher Mobilität sieht auch Christa Böhme darin, Fußgänger, Radfahrer und öffentlichen Verkehr zu priorisieren und dagegen "motorisierten Individual- und Güterverkehr" zu reduzieren, um damit Luftschadstoffe, Treibhausgase und Lärm zu senken.

4. Urbanes Grün erhalten und entwickeln

Die Städte sollten große Anstrengungen unternehmen, urbanes Grün zu erhalten und weiterzuentwickeln
Christa Böhme, Deutsches Institut für Urbanistik

Wegen des starken Zuzugs in die Städte werden verstärkt höhere und dichtere Quartiere gefordert, um den Menschen ausreichend Wohnraum anbieten zu können. "In diesen Städten steht urbanes Grün besonders unter Druck", sagt Christa Böhme. Statt Bäume zu fällen und Wiesen zu versiegeln, fordert die Expertin: "Die Städte sollten große Anstrengungen unternehmen, urbanes Grün zu erhalten und weiterzuentwickeln, da Grün- und Freiflächen bedeutende Orte der Bewegung, der Erholung, der Naturerfahrung und der sozialen Begegnung sind." Zudem probieren immer mehr Städte das Konzept der "essbaren Stadt" aus. "Rosenkohl statt Rosen" in öffentlichen Parks? Alles möglich und Beispiele wie Andernach am Rhein zeigen, wie gemeinsames Gärtnern in der Stadt das Gemeinwohl stärkt.

Standbild:Europas schönste Parks (4/5)
Wohlfühloase: Parks wie der Königlicher Nationalstadtpark in Stockholm und andere Grünflächen sind wichtig für gesunde Städte.

5. Die Stadtbewohner mitentscheiden lassen

Mehr Demokratie wagen, hieß es einst bei Willy Brandt. Auf den Städtebau übertragen hieße das: mehr Teilnahme der betroffenen Bürger wagen. Christa Böhme sieht darin eine wichtige Aufgabe der Städtebauer, um vor allem "besonders benachteiligte Bevölkerungsgruppen" besser zu erreichen. Der Leitgedanke: Kommunen, die es schaffen, ihre Bürger einzubinden und gleichzeitig die "Spielräume der Teilhabe" klarmachen, stärken Glaubwürdigkeit und Zusammenhalt.

6. An einem Strang ziehen

Christa Böhme sieht in einer gesundheitsfördernden Stadtentwicklung eine "komplexe Querschnittsaufgabe". Das bedeutet: Die Verwaltungseinheiten einer Stadt müssen stets miteinander kooperieren; statt Schubladendenken an einem Strang ziehen. Das gelte insbesondere für die Ressorts Gesundheit, Stadtplanung, Umwelt, Verkehr, Sport, Jugend, Bildung, Soziales und Finanzen. "Health in All Policies ist ein Ansatz der Weltgesundheitsorganisation, der besagt, dass Gesundheit in allen Politikfeldern verfolgt werden muss", erläutert Heike Köckler.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.