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Streit um Anstoßzeiten - Das Problem der Fans mit dem Montag

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Stimmungsboykott in Frankfurt. Leere Blöcke in Dortmund und Bremen. Für die kommenden Montagsspiele trommeln die betroffenen Fanszenen zum Protest. Was ist da los? Eine Annäherung.

Plakat im Fußballstadion - Protest gegen Montagsspiele
Bundesliga am Montag? Für viele Fans ein Tabubruch. Quelle: dpa

Was macht einen Fußballfan aus? Das ist erst einmal ein weites Feld - aber das, was alle verbindet, ist im Endeffekt recht simpel: bedingungslose Liebe.

Fußballfans unterstützen ihre Mannschaft so gut wie immer. Mit Stolz tragen sie die Farben ihres Vereins. Sie feuern ihre Spieler an und brüllen die Mannschaft zum Sieg - 90 Minuten lang, egal wer der Gegner ist, egal was auf dem Platz passiert. Es ist bedingungslose Liebe, die sie antreibt. Und es muss viel passieren, dass sie ihrer Liebe so die Unterstützung verweigern wie heute Abend die Fans von Eintracht Frankfurt. Wie in den kommenden Wochen die Fans von Borussia Dortmund und dem SV Werder Bremen.

Was also passiert da gerade in der Bundesliga?

Es ist der Montag, der die Fans erzürnt. Die Partie heute Abend zwischen Eintracht Frankfurt und RB Leipzig ist das erste von insgesamt fünf Montagsspielen, die es in dieser Saison geben wird. Das zweite ist nächste Woche die Paarung zwischen Borussia Dortmund und dem FC Augsburg. Am 12. März spielen zudem der SV Werder Bremen und der 1. FC. Köln gegeneinander. Die anderen beiden Montagsspiele hat die Deutsche Fußball-Liga (DFL) noch nicht terminiert.

Insgesamt gab es in der Geschichte der Bundesliga erst 16 Montagsspiele. Dass es nun mehr werden, hat "sportliche Gründe", schreibt die DFL. Sie sollen die Vereine entlasten, die donnerstags in der Europa League spielen. Die betroffenen Clubs hätten sich immer wieder gewünscht, "nach internationalen Spielen am Donnerstag nicht bereits wieder am Samstag antreten zu müssen", heißt es in einer Stellungnahme. "Vor diesem Hintergrund wurden pro Saison insgesamt zehn Ausweichtermine beschlossen - davon fünf am Sonntag und fünf am Montag."

Fußballfans befürchten "Profitmaximierung"

So weit, so nachvollziehbar - doch viele Fußballfans vermuten hinter der Begründung nur die halbe Wahrheit. "Es ist klar, worum es tatsächlich geht", schreibt etwa der Rat der Nordwestkurve, einem Zusammenschluss der aktiven Fanszenen Eintracht Frankfurts. "Um eine Profitmaximierung zu Lasten der Zuschauer im Stadion - beziehungsweise derer, die auf den Stadionbesuch montags notgedrungen verzichten müssen."

Tatsächlich sind die Montagsspiele fester Bestandteil im aktuellen TV-Vertrag der Bundesliga. Die Vermarktung der Fernsehrechte beschert der DFL und damit den Profivereinen, deren Interessen sie vertritt, 1,16 Milliarden Euro pro Jahr. Der Anteil der Montagsspiele daran ist zwar gering. "Auf die fünf Montagsbegegnungen entfällt weniger als ein Prozent der Medienerlöse", teilt die DFL mit. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass fünf Montagsspiele lediglich 1,6 Prozent aller Begegnungen einer Saison ausmachen. Wer das in Relation setzt, sieht: die exklusiven Übertragungsrechte, die sich Eurosport für die Montagsspiele gesichert hat, sind durchaus lukrativ.

Viele Fanszenen sind deshalb besorgt. Sie fürchten, dass die fünf Montagsspiele erst der Anfang sind. Eine milde Dosis, um alle Beteiligten daran zu gewöhnen; eine Dosis, die sukzessive erhöht werden könnte, wenn der Montag als Spieltag erst einmal etabliert ist und die Proteste abgeebbt sind.

Ein Spiel wider der Fankultur

Die Deutsche Fußball-Liga betont: "Bei der DFL gibt es derzeit keine Pläne, die Anzahl der Montagsspiele auszuweiten." Und ihr Chef Christian Seifert sagt im Hessischen Rundfunk: "Wir reden über fünf von 306 Saisonspielen. Es ist nicht geplant, dass es mehr werden. Und die Chance, dass es weniger werden, ist eher größer als kleiner." Nur bis 2021 sei die Liga an den laufenden TV-Vertrag gebunden, der von allen Profiklubs einstimmig beschlossen worden sei. "Für die Zeit danach sind sie nicht in Stein gemeißelt."

Haben die angekündigten Proteste also etwas bewirkt? Zumindest deutet sich ein Umdenken im Sinne der Fans an, für die, und das ist letztendlich der Hauptgrund ihres Protests, Spiele unter der Woche eine mitunter gewaltige Herausforderung bedeuten. Insbesondere Auswärtsfans sind betroffen. Für die fast 400 Kilometer von Leipzig bis Frankfurt brauchen die RB-Fans heute mit dem Auto fast vier Stunden - mögliche Staus, Pausen und den Berufsverkehr noch nicht berücksichtigt. Augsburger, die in einer Woche die Reise nach Dortmund antreten, müssen für die 575 Kilometer von Stadtzentrum bis Stadion sogar mit mehr als fünf Stunden Fahrt rechnen.

Axel Hellmann, der Finanzvorstand von Eintracht Frankfurt, beschreibt das Problem treffend. "Aus Sicht der Fans greift das Montagsspiel massiv in ihre Kultur ein", schreibt er im Sportmagazin "kicker". "Für weite Reisen müssen sie am Spieltag und am Tag danach Urlaub nehmen. Das Miteinander, die Freundschaften, die Auswärtsfahrten, all das zeichnet die Lebenskultur der Fans aus. Durch die Montagsspiele nimmt man sie ihnen ein Stück weit weg."

"Zeichen setzen" mit Stimmungsboykott

Im Fandialog mit DFB und DFL haben die aktiven Fanszenen Deutschlands, ein Zusammenschluss organisierter Fans zahlreicher Profivereine, die Anstoßzeiten deshalb zum Thema gemacht (die detaillierten Forderungen in der Erklärbox am Ende des Artikels). Und bei den bereits betroffenen Fanszenen werben mehrere Gruppen für Protestaktionen. In Dortmund und Bremen wollen viele Fans ihrem Montagsspiel fernbleiben. Auch mehrere Gruppen aus Leipzig und Augsburg wollen die Reisen nach Frankfurt und Dortmund nicht antreten. Bei der Eintracht hat sich die Fanszene dagegen auf einen Stimmungsboykott gegen RB Leipzig geeinigt. Lautstark soll nur der Protest sein.

"Das fällt sehr schwer", sagt ein Sprecher des Nordwestkurven-Rates - gerade jetzt, wo die Eintracht um die internationalen Plätze mitspiele. Doch es sei wichtig, ein Zeichen zu setzen, und sich bei den Profivereinen Gehör zu verschaffen. "Letztendlich müssen die der DFL auftragen, dieses Spiel wieder abzuschaffen. Die Frankfurter Fanorganisationen haben dies vom Vorstand der Eintracht Frankfurt Fußball AG eingefordert", sagt der Sprecher. "Wir hoffen, dass dies umgesetzt wird und sich weitere Vereine anschließen. Dann ist das Montagsspiel Geschichte."

Vereinsvertreter zeigen Verständnis

Eintracht-Vorstand Hellmann sagt im "kicker" zumindest: "Die Bundesliga gehört allen, deshalb muss man die Argumente der Basis hören." Hans-Joachim Watzke, der Geschäftsführer von Borussia Dortmund, betont in einer "kicker"-Umfrage unter allen Erstligavereinen sogar: "Wenn die Zuschauer die jetzt gültige Regelung einhellig ablehnen, muss man für die nächste Rechteperiode neu bewerten, ob sich der ökonomische Wert lohnt. Da habe ich meine Zweifel." Andere Sportchefs, darunter Leverkusens Rudi Völler und Schalkes Christian Heidel, klingen ähnlich. "Der Montag ist kein Bundesligaspieltag. Wir müssen den Leuten die Angst nehmen, dass aus fünf Spielen am Montag irgendwann 50 werden, denn das ist überhaupt nicht das Bestreben", sagt Heidel.

Grundsätzlich begrüßen die meisten Klubvertreter aber einen Ausweichtermin für Vereine, die donnerstags in der Europa League spielen - auch Watzke, Völler und Heidel. Und es gibt auch Stimmen wie die von HSV-Manager Jens Todt, der im "kicker" sagt: "Andererseits erwarten wir von der DFL aber regelmäßig neue Rekord-Abschlüsse in der TV-Vermarktung. Die Rechte-Inhaber brauchen nun mal neue Verwertungsmöglichkeiten."

Die Grenzen der bedingungslosen Liebe

Der Protest dürfte damit über die kommenden Montagsspiele hinausgehen. "Niemand hinterfragt ernsthaft diesen Irrglauben, die Bundesliga könnte die finanzielle Lücke zu England und Spanien durch eine Aufweichung der 50+1-Regel und neue Spieltermine schließen", kritisiert der Sprecher des Frankfurter Nordwestkurven-Rates. "Letztlich gibt es nur einen Weg für die Bundesliga, diese Lücke zu schließen: Sie könnte sich mit all ihrer Macht für ein europaweit wirksames und konsequent umgesetztes Financial Fair Play einsetzen."

Zwar sei auch ihnen klar, dass es auf absehbare keine neun Samstagsspiele um 15:30 Uhr geben werde. "Auch den Fanszenen ist klar, dass die Vereine Geld verdienen müssen, das kritisiert auch niemand", sagt der Sprecher. "Aber nicht um jeden Preis."

Die bedingungslose Liebe; in Frankfurt und anderswo zeigt sich dieser Tage deutlich, dass sie nicht immer auch grenzenlos ist.

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Die Proteste der Fans im Überblick

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