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Vize-Meister - BVB trotzig: "Wir greifen wieder an"

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Nach der verpassten Meisterschaft überwiegt bei Borussia Dortmund der Stolz auf das Erreichte. Aber ein paar Lehren für die Zukunft gilt es doch noch zu ziehen.

Spieler von Borussia Dortmund klatschen nach der Partie gegen Gladbach ihren Fans Beifall
Üben sich in Zuversicht: Dortmunds Spieler nach der letzten Saison-Partie gegen Gladbach
Quelle: Ap

Es hatte sich vermutlich zu lange angedeutet, um wirklich enttäuscht oder gar sauer zu sein: Nach dem 2:0-Sieg im letzten Saisonspiel in Gladbach feierten sich Fans und Spieler von Vizemeister Borussia Dortmund in der Gästekurve gegenseitig. Dass der BVB gerade die historische Chance verpasst hatte, Bayern Münchens Titelabo in der Bundesliga zu kündigen, mochte niemanden in Schwarz-Gelb mehr auf die Palme bringen. "Wir können stolz sein", sagte Torwart Roman Bürki. "Wir werden unsere Lehren ziehen und greifen wieder voll an."

Auf den ersten Blick liest sich Dortmunds Saisonbilanz beinahe meisterlich: Rang zwei mit satten 76 Punkten, drittbestes Ergebnis der Klubgeschichte. Trainer Lucien Favre hat dem BVB in seinem Debütjahr eine spektakuläre Spielidee und wieder viel Selbstbewusstsein eingepflanzt. Dass nach der fürchterlichen Vorsaison, in der die ambitionierten Westfalen gleich zwei Trainer verschlissen, der Vizetitel heraussprang, ist ein kleines Wunder. "Wir können zufrieden sein. Die Enttäuschung wird schnell verfliegen", hofft der zuletzt in die Kritik geratene Favre nach dem engsten Liga-Finish seit zehn Jahren, das ob der Münchner Nervenstärke aber zum Phantom-Krimi verkam.

"Meistertitel nicht alles"

Der börsennotierte BVB darf nicht nur das Minimalziel Champions-League-Quali unter Aktiva verbuchen: Marco Reus etwa spielte die beste Saison seiner Karriere. Der 29-Jährige ist als BVB-Kapitän zum Leader gereift, der auch Lässigkeit ausstrahlt, obwohl ihm die Krönung verwehrt blieb: "Für mich ist der Meistertitel nicht alles." Mario Götze feierte das Comeback des Jahres. Mit viel Einsatz, tollen Pässen und insgesamt sieben Toren strafte der WM-Held von 2014 alle Kritiker Lügen. In der Wackel-Rückrunde war ausgerechnet das frühere Problemkind des BVB als Ersatzstürmer und Ballverteiler mit zehn Scorerpunkten der größte Hoffnungsschimmer.

Torwart Roman Bürki stieg im vierten Dortmund-Jahr endlich zum großen Rückhalt auf. In Jadon Sancho weiß die Borussia das strahlendste Talent der Liga in ihren Reihen, das zumindest noch ein Jahr im früheren Westfalenstadion glänzt, ehe vermutlich die Premier League lockt. Auch der auf zwei Jahre angelegte Team-Umbruch hat Fortschritte gemacht, selbst wenn die Würdigung der Neuen als Mentalitäts-Monster verfrüht war. Axel Witsel hat seinen Wert für das Mittelfeld der Borussia angedeutet. Es dürfte eine der spannendsten Fragen der neuen Spielzeit sein, wozu der Belgier mit einer kompletten Saison-Vorbereitung erst fähig ist. Die Youngster Achraf Hakimi und Dan-Axel Zagadou haben trotz mancher Schwächen das Zeug für einen Stammplatz.

Ungewohnt später Titel für die Bayern

Zudem ist der BVB nicht für den generellen Webfehler der Bundesliga verantwortlich: Die Bayern sind inzwischen selbst in einem vermeintlichen Krisen-Jahr nur noch jenseits von 78 Zählern einzufangen. Diese Hypothek wird der Wettbewerb wohl nie mehr los. "Ich glaube nicht, dass es ein Dauer-Zustand ist, bis zuletzt auf die Meisterschaft warten zu müssen", giftete Bayerns Präsident Uli Hoeneß bereits Adrenalin geschwängert via TV und drohte der "Konkurrenz" nach Serientitel Nummer sieben mit neuer Dominanz und weiterer Ligalangeweile.

Dass zwischenzeitlich dennoch die neunte Meisterschaft der BVB-Geschichte greifbar war, dürfte die Analyse der Westfalen umso schmerzhafter und umfangreicher machen - ähnlich dem Vorjahr. "Wir werden uns am Dienstag zusammensetzen", kündigte BVB-Chef Hans-Joachim Watzke nach der Gladbach-Partie an, die zum Spiegelbild dieser Achterbahn-Saison geriet: Anfangs agierten die Dortmunder antriebslos wie oft in der Rückrunde und gingen glücklich in Führung. Nach dem Wechsel reichte ein starker Zwischenspurt und ein Traumtor mit dem Gütesiegel der Überflieger-Hinrunde, um die Partie zu entscheiden.

Ein paar Fragen gibt es dann schon noch

"Diese Saison ist Motivation und Verpflichtung zugleich", kündigte Sportdirektor Michael Zorc an. In ihrer Aufarbeitung wird er sich mit Watzke, Berater Matthias Sammer und Kaderchef Sebastian Kehl bestimmt nicht nur darüber unterhalten, wer neben den als sicher geltenden Zugängen Nico Schulz und Thorgan Hazard die Qualität der Mannschaft weiter erhöhen soll. Sondern auch, wieso die defensive Stabilität verloren ging, warum das Team selbst souveräne Führungen nicht über die Zeit brachte, wieso Geist und Beine so unerklärlich müde wurden. Sie werden sich auch selbst fragen müssen: Warum wurde das Ziel Meisterschaft nicht früher klar deklariert? Und warum ließ sich der seit Wochen offensichtliche Negativtrend nicht mehr stoppen? Kapitän Reus bot einen Ansatz an, der aber keinem gefallen dürfte: "Es hat die Erfahrung gefehlt und auch die Gier."

Denn diese ehrliche Selbstkritik schließt auch Trainer Favre mit ein, der - Fluch der guten Tat - mit seiner großartigen Arbeit der Herbstmeister-Hinrunde die Grundlage für die spätere Fallhöhe erst schuf. Die Chefs werden auch seine Rolle hinterfragen, ehe sie wohl bald schon den nur noch ein Jahr laufenden Vertrag verlängern. In der Crunch-Time, der heißen Saisonphase, wirkte der 61-Jährige oft zögerlich und ängstlich und setzte damit den falschen Ton. Einige unglückliche Partien gehen auch auf sein Konto, und dass er kein Motivator der Marke Klopp ist, war zwar hinlänglich bekannt, ist als Makel aber nicht wegzudiskutieren. Will der Detail-Fanatiker Favre mit dem BVB einen Titel holen, wird selbst er sich noch mal weiterentwickeln müssen.

Trainerstimmen zum Spieltag

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