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Bundesparteitag der Grünen - Alles gegeben

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Drei Tage haben die Grünen an ihrem Programm gefeilt. Und wie: Sie haben ernsthaft debattiert, sich nicht zerstritten - und am Ende die Parteiflügel geeint. Ob das für neue Umfragehöhen reicht? Unklar. Ein zuletzt vermisstes Gefühl hat es aber zurückgebracht: das Selbstvertrauen.

Parteichef Cem Özdemir will mit seiner Partei das Land modernisieren und drittstärkste Kraft werden. Sollten die Grünen nach der Bundestagswahl als Koalitionspartner gefragt sein, wollen sie mit allen Parteien reden, außer der AfD.

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Sie haben drei Tage lang ernsthaft diskutiert und sich nicht zerstritten. Es sollte keine Verlierer geben auf ihrer Bundesdelegiertenkonferenz. Die Grünen brauchen jeden. Geschlossenheit ist jetzt wichtig. Die Umfragen für die Grünen erlauben keine Querulanten. Zu gefährlich. Die Delegierten sollten sich mit dem Wahlprogramm identifizieren können, es sich zu eigen machen, daran glauben. Nicht überzeugt werden, sondern überzeugt sein. Sonst würde sie nicht funktionieren, die Trendwende. Ein Scheitern - zu gefährlich.

Die Selbstvergewisserung erforderte jede Minute. Von Freitagmittag bis Sonntagmittag. Die Reifung zum Überzeugungsgrünen brauchte Sitzfleisch, Hingabe, Disziplin. Stunde um Stunde schuf jede einzelne Auseinandersetzung mit den mehr als 2.000 Änderungsanträgen bei den Delegierten eine langsam aufsteigende Gewissheit, dass die Grünen "die relevanten Themen" haben und "mehr als je zuvor" gebraucht werden. Das betonte Winfried Kretschmann in seiner Rede so oft, als wollte er es den Delegierten einbläuen. Aber der Ministerpräsident von Baden-Württemberg ist an diesem Wochenende nicht der richtige Kronzeuge. Nicht neutral, zu verdächtig, keine Wirkung.

Selbstbewusst Gutmensch sein

Das Quantum Zuversicht steigt erst mit dem Amerikaner Daniel Kammen, einem von mehreren internationalen Gastrednern, Klimaberater des Gouverneurs von Kalifornien. Der Klimaschutz sei existentiell, sagt Kammen, Deutschlands Rolle unverzichtbar, die Grünen dabei entscheidend. Kammen erfüllt seinen Zweck als Mentalcoach. Er infiziert die Verzagten mit seinem Selbstvertrauen, dass es kein wichtigeres Thema als Klima gibt. Überhaupt, die Gastredner sind Therapie für die Zweifler. Yolanda Joab, Klimaaktivistin aus Mikronesien, sagt auch nur das, was Anton Hofreiter immer sagt, aber seine Heimat ist München und ihre Heimat säuft ab.

Ein Höhepunkt des Parteitages, auf dem Antragsteller und Gegenredner ihre Argumente oft mit Lautstärke unterlegen, ist die Rede der Jesidin Nadia Murad, UN-Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel. Es ist still in der Parteitagshalle. Zart, fast zerbrechlich, aber nicht zerbrochen, gibt die 2014 Versklavte und Misshandelte den Grünen den Glauben an ihren Kampf für die Menschenrechte zurück. Sie fleht sie an, nicht nachzulassen, und erkennt in deren Haltung dankbar einen Hoffnungsschimmer in grausamen Zeiten. Wie oft waren die Grünen vom politischen Gegner attackiert und als Gutmenschen verspottet worden. Aber jetzt, durch Nadia Murad und viele andere Opfer, machte der Einsatz wieder Sinn. Und Claudia Roth - wer sonst! - rief den Spöttern mit dem Selbstbewusstsein eines Gutmenschen zu, dass sie kein Problem damit habe, wenn denen schlechte Menschen lieber seien.

Spitzenkandidaten geben alles

Die Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir haben gute Reden gehalten - sich selbst und ihre Themen gerechtfertigt. Sein schweißnasses Hemd bezeugte den hohen Einsatz, "All In", es geht für Özdemir um alles. Ihre Rede wirkte frei und zugewandt, weil die Teleprompter in der bunten Kulisse kaum sichtbar waren. Aber ihr souveräner Gebrauch von dem ungewohnten Instrument verriet ihr gewissenhaftes Training. Beide nutzten ihre Chance. 100 Tage vor der Bundestagswahl ist die Kandidatendebatte tot.

Die Parteitagsregie übertreibt es hier und da mit der Choreografie. Die Gemeinsamkeit wird zur Musik auf die Bühne gezerrt, die Beteiligten reißen sich am Riemen und schweigen zum gegenseitigen Verhältnis. Die Lage ist zu ernst. Inhaltlich wollten die Grünen keine "roten Linien" für künftige Regierungskoalitionen aufstellen. Aber ihre grünen Linien betrachten sie doch als "verbindlich". Kohleausstieg bis 2030, Ehe für alle oder Einwanderungsgesetz machen Bündnisse mit sogenannten bürgerlichen Parteien mindestens teurer. Jamaika ist eine Option. Aber Opposition ist kein Mist.

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