Sie sind hier:

Wie Berlin nach Erfurt schaut - Volksparteien zittern vor neuem Denkzettel

Datum:

Bei der Wahl in Thüringen sieht es wieder nicht gut aus für SPD und CDU. Und auch die Kleinen müssen sich Sorgen machen. In Berlin fragt man sich schon jetzt nach den Lehren.

Deutschland - Gespräch von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bodo Ramelow
Nicht nur die CDU, sondern auch Thüringens linker Ministerpräsident Bodo Ramelow erwarten die Wahlergebnisse mit Sorge.
Quelle: imago/Christian Thiel

Dicht gedrängt stehen die Menschen auf dem Platz. Mehrere Tausend sind gekommen, in dicken Mänteln, man sieht Hüte und Handschuhe. Sie harren aus vor dem Gebäude des Erfurter Hofs. Und sie rufen nach dem starken Mann der SPD - in Sprechchören, so ausdauernd, dass er irgendwann tatsächlich erscheint, da oben, am Fenster. Es ist ein großer Moment für die Sozialdemokraten - zu groß für die Gegenwart.

Sozialdemokraten kämpfen ums Überleben

Der Mann war Willy Brandt, sein Besuch in Erfurt ist fast 50 Jahre her. Eine andere Zeit, in der die Volksparteien genauso groß waren wie der Kontrast zwischen ihnen. Wählen konnten sie Brandt in Thüringen damals nicht, aber jubeln, weil seine Ostpolitik so anders war als die der CDU.

Willi Stoph und Willy Brandt - Erstes innerdeutsches Gipfeltreffen in Erfurt 1970
Als die SPD noch tatsächlich eine Volkspartei war: der damalige SPD-Chef Willy Brandt beim Treffen mit Willi Stoph 1970 in Erfurt.
Quelle: ap

Der Mythos Brandt ist in Erfurt längst verblasst, der Glanz der Volksparteien auch. In Thüringen kämpfen die Sozialdemokraten nicht um alte Größe, sondern schlicht um das Überleben ihrer Volkspartei. Bei nur neun Prozent liegt die Thüringer SPD in der Prognose des ZDF-Politbarometers - das reicht womöglich nicht einmal zum Mehrheitsbeschaffer. 2014 klappte gerade noch die Beteiligung an der Landesregierung. Dieses Mal wird es mehr als knapp.

Auch CDU wird Federn lassen

Auch die CDU blickt mit Sorge auf den Urnengang. Setzt sich der Trend von Europa-, Sachsen- und Brandenburg-Wahl fort, wird auch sie wieder Federn lassen. 2014 wurde die CDU in Thüringen noch stärkste Partei, wenn auch weit unter den Ergebnissen der "guten alten Zeiten". Heute stemmen sich die Christdemokraten gegen den Abstieg auf Platz zwei - hinter der Linken. Ein Rezept gegen das Verblassen der Volksparteien ist noch nicht gefunden.

Dieser Befund beunruhigt auch die Kleinen, denn sie sind mitbetroffen. Ging es einst nach Landtagswahlen oft um die Frage, wie groß der Denkzettel für die Bundesregierung war, diskutieren die Parteien heute über viel Grundsätzlicheres: Wie ist in Zukunft noch Regieren möglich? Die Mitte schrumpft, aus Zweier- werden Dreier-Koalitionen, die AfD gewinnt mit Positionen, um die die anderen einen großen Bogen machen. Immer öfter droht ein Ergebnis, das eine Regierungsbildung schwierig bis unmöglich macht. So auch diesmal, in Thüringen.

Keiner will mit der AfD

Weil die AfD auf mehr als 20 Prozent kommen kann, aber keiner mit ihr - insbesondere nicht mit ihrem extrem rechten Spitzenkandidaten - koalieren will, rechnen die Anderen schon jetzt verzweifelt durch, was geht. Eine Gleichung mit mindestens einer Unbekannten - denn ob die FDP den Wiedereinzug in den Landtag schafft, ist unklar. Klar ist nur: Für Rot-Rot-Grün wie in der letzten Legislaturperiode wird es wohl nicht reichen, auch weil die Grünen entgegen bundesweiter Höhenflüge in thüringischen Umfragen zu schwach sind.

So schaut am Ende vielleicht einer in die Röhre, der eigentlich Grund zum Feiern hätte: Bodo Ramelow. Seit 2014 verantwortet er das, wovor die CDU noch immer gerne warnt: eine Landesregierung unter der Führung eines Linken. Ramelow ist Landesvater - so überzeugend, dass ihn 54 Prozent der Wählerinnen und Wähler gerne im Amt behalten würden, darunter auch manch CDU-Anhänger. Laut Prognose des ZDF-Politbarometers könnte die Linke diesmal sogar stärkste Partei werden. Nur: Helfen wird das nicht. Denn vor der rechnerisch einfachsten Koalition liegt ein breiter ideologischer Graben: Ein Bündnis mit der Linken kommt für die CDU Thüringen nicht in Frage.

Berlin sucht dringend Antworten

Und so werden sie am Montag in den Berliner Parteizentralen wieder über der Frage brüten: Wo ist der Weg zurück zu alter Stärke? Und wenn es ihn nicht geben sollte: Wie schafft man bloß stabile Mehrheiten in einer Parteienlandschaft, die sich neu sortiert? Die Antwort wird dringend gesucht, nicht nur für Landtagswahlen.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.