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Gauck verlässt Bellevue - Worte, die eine Amtszeit überdauern

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Sein Nachfolger wird zwar am Sonntag gewählt. Aber so schnell muss Joachim Gauck seinen Schreibtisch in Schloss Bellevue noch nicht räumen. Die Amtszeit endet erst am 18. März, 24 Uhr. Bis dahin ist er der Präsident, der Terminkalender voll. Und er kann weiter Reden halten.

Die große Mehrheit der Deutschen ist laut Umfragen überzeugt, dass Joachim Gauck als Bundespräsident einen guten Job gemacht hat. ZDFzeit bietet exklusive Einblicke in sein Leben.

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Paris, Madrid, Maastricht, Baltikum. Joachim Gauck und Daniela Schadt sind in diesen Tagen auf Abschiedstour. Meistens gab es für den Bundespräsidenten eine Ehrendoktorwürde und für beide eine Exklusivführung in einem Museum. Auch wenn die Bundesversammlung am Sonntag seinen Nachfolger wählt und der mit großer Wahrscheinlichkeit Frank-Walter Steinmeier heißen wird, bleibt der Präsident erst einmal weiter Präsident. Und damit der Terminkalender voll: Am Dienstag kommt der tunesische Ministerpräsident, Mittwochabend Berlinale, Donnerstag der kanadische Premierminister und Abschiedsbesuch beim Wachbataillon der Bundeswehr, Samstag gibt es einen Preis bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Und das sind nur die offiziellen Termine und nur die von nächster Woche. Überall Gelegenheit, etwas zu sagen.

Kalkulierte Provokation

Gut 580 Reden soll Gauck in seiner fünfjährigen Amtszeit gehalten haben. Als gelernter Pastor, der früher jeden Sonntag predigen musste, erst einmal nichts Besonderes. Doch während von seinem Vorgänger Christian Wulff ein Zitat blieb ("Der Islam gehört zu Deutschland"), könnten von ihm mehrere seine Amtszeit überdauern. "Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind endlich" war so eines. Das sagte er in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit 2015. Ein Konflikt mit der Kanzlerin machten viele darin aus: Während sie noch von Willkommenskultur gegenüber den Flüchtlingen sprach, wies er auf die begrenzten Aufnahmebereitschaft im Land hin.

Oder bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Januar vor drei Jahren. Da sagte er zu den Konflikten in der Welt "Die Bundesrepublik sollte sich als guter Partner früher, entschiedener und substanzieller einbringen." Viele seiner früheren Mitstreiter aus der Bürgerrechtsbewegung, viele Linke haben ihm das übel genommen und ihm vorgeworfen, er wolle Deutschland militärisch aufrüsten. "Kriegstreiber" muss er sich seitdem immer wieder anhören. Bis heute ringt das Land damit, was "früher, entschiedener und substanzieller" eigentlich konkret bedeutet.

Macht des Wortes und ein bisschen mehr

Der Bundespräsident, sagt man, besitzt die Macht des Wortes. Festgeschrieben ist das nirgendwo. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Amt des Staatspräsidenten hauptsächlich auf repräsentative Aufgaben beschränkt worden. Das war eine Konsequenz aus der späten Weimarer Republik, als Reichstagspräsident Paul von Hindenburg Regierungschefs ohne das Parlament oder Wahlen berief und schließlich Adolf Hitler ins Amt hob. Eine solch starke Position sollte es in der neuen, demokratischen Bundesrepublik nicht mehr geben. Ganz so machtlos ist der Bundespräsident laut Grundgesetz aber nicht: Er ernennt Minister, Bundesrichter, zeichnet Gesetze gegen, vertritt das Land nach außen. Ohne Absprache mit dem Kanzleramt geschieht das alles natürlich nicht. Auch die umstrittene Rede vor der Münchener Sicherheitskonferenz wird zumindest im Tenor für die Regierungschefin vermutlich keine Überraschung gewesen sein.

Dass es für Gauck dennoch Grenzen der Absprachen gab, hat er während seiner Amtszeit mehrfach gezeigt. Zum Beispiel bei der Anerkennung des Völkermordes an die Armenier von 1915. Die Regierung, und auch der Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, vermied es, den Völkermord Völkermord zu nennen, um das Verhältnis zur in der Flüchtlingsfrage wichtigen Türkei nicht zu belastet. Zum 100. Jahrestag im Berliner Dom sprach Gauck in seiner Rede das Wort aus - und machte damit dem Bundestag am Tag darauf Mut, in einer Resolution ebenfalls klare Worte zu finden. Bei der Abstimmung darüber blieb die Regierungsbank fast vollständig leer.

Die Spülmaschine wartet

Seine politische Abschiedsrede hat Gauck mittlerweile gehalten. Dass er nach dem Ende der Amtszeit verstummt, damit ist kaum zu rechnen. Denn ein Bundespräsident bleibt immer Bundespräsident, der Titel, ein Ehrensold, ein Büro und ein Chauffeur ebenfalls. Zu Großereignissen wird er weiter eingeladen. Wenn seine Amtszeit endet, erfolgt am 19. März die offizielle Amtsübergabe an Steinmeier, der am 22. März im Bundestag vereidigt wird. Gauck und Schadt müssen dann noch aus der Dienstvilla in Dahlem ausziehen. Sie können sich dabei Zeit dabei lassen, soll ihnen Steinmeier bedeutet haben.

Gauck will sich ab März erst einmal erholen, freut sich auf eine Lebensphase, "wo ich nicht auf jedes Wort achten muss, das ich sage. Oder ob ich falsch gucke." Bei dem Verein "Gegen Vergessen - Für Demokratie", den er mitbegründete, will er aktiv werden. Wieder ein Bürger sein. Den Ehrenamtlichen beim Obdachlosen-Treff am Bahnhof Zoo in Berlin versprach der Bundespräsident, als Privatmann zum Helfen vorbeizukommen. Zum Spülmaschine ein- und auszuräumen.

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