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Holocaust in Weißrussland - Ein vergessener deutscher Tatort

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Der Bundespräsident reist heute zur Eröffnung der Gedenkstätte Maly Trostenez. Der Ort ist weniger bekannt. Er steht für die Deportation und den Mord vieler deutscher Juden.

Der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko (v.l.) Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der österreichische Präsident Alexander van der Bellen bei der Eröffnung der Gedenkstätte Maly Trostenez, Weißrussland.
Der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko (v.l.) Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der österreichische Präsident Alexander van der Bellen bei der Eröffnung der Gedenkstätte Maly Trostenez, Weißrussland.
Quelle: reuters

November 1941: In Hamburg, Düsseldorf und zahlreichen anderen deutschen Städten werden Juden aufgefordert, sich an Sammelstellen einzufinden. Sie werden in Zügen der Deutschen Reichsbahn nach Minsk deportiert - unter dem Vorwand, sie in den Gebieten, die die Wehrmacht seit Juni 1941 in der Sowjetunion erobert hatte, anzusiedeln.

Mordstätten rund um Minsk

Als sie in Minsk ankommen, werden sie in ein Ghetto gesperrt, in das die Wehrmacht und die SS mehr als 70.000 Minsker Juden gepfercht haben. Tausende von ihnen werden erschossen, um Platz zu machen für die Neuankömmlinge aus Deutschland, die spätestens jetzt wissen, dass kaum einer von ihnen je zurückkehren wird.

Infokarte: Gedenstätte Maly Trostenez (Weißrussland)
Gedenstätte Maly Trostenez
Quelle: ZDF

Das NS-Regime beginnt, seine Mordstätten in und rund um Minsk zu errichten: Auch in Maly Trostenez, einem Dorf zwölf Kilometer von Minsk entfernt. Zunächst entsteht hier ein Zwangsarbeiterlager, das die deutschen Besatzer mit Essen versorgen soll, doch es folgen im Wald Blagowschina Gruben für Massenerschießungen, eine weitere Anlage im Wald Schaschkowka wird zum Ort für die massenhafte Verbrennung von Leichen.

Ab 1942 fahren die Deportationszüge aus Deutschland direkt nach Maly Trostenez. Im Wald warten die Erschießungskommandos, die ihre grausamen Taten begleitet von lauter Schlagermusik begehen. Später setzen sie Vergasungswagen ein, die sie als Wohnwagen tarnen. Als der Zweite Weltkrieg absehbar verloren ist und die Rote Armee vorrückt, müssen Zwangsarbeiter die verscharrten Leichen von Trostenez wieder ausgraben und verbrennen.

Größter Vernichtungsort in Weißrussland

Wie viele Menschen hier ermordet wurden, ist in der Forschung umstritten. Weißrussische Wissenschaftler sprechen von 200.000 Menschen, deutsche Historiker von 40.000 bis 60.000 Menschen - Juden aus Weißrussland, der Tschechoslowakei, Österreich und Deutschland, sowjetische Kriegsgefangene, Widerstandskämpfer und Zivilisten.

Die deportierten westeuropäischen Juden konnten anhand alter Dokumente identifiziert werden, über die Opfer aus der Sowjetunion und aus Osteuropa weiß man wenig. Selbst wenn man die Namen derer kennt, die nach Trostenez gebracht wurden, weiß man doch nicht, wo und wie diese Menschen sterben mussten. Unabhängig aber welcher Sicht man sich anschließt: Maly Trostenez war der größte Vernichtungsort in Weißrussland während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Manche nennen es auch "das Ausschwitz von Weißrussland".

Und doch musste ein ganz neues Jahrhundert anbrechen, bis auf beiden Seiten die Initiative, der Wille und das Geld vorhanden war, um Trostenez zu einem Ort des Gedenkens werden zu lassen. Nach dem Krieg wurde das Gebiet unter anderem als Militärübungsplatz und Müllkippe benutzt.

Erinnerungsarbeit hört nie auf

Frank-Walter Steinmeier hat heute an der Eröffnung der Gedenkstätte teilgenommen. Er wollte damit auch ein Zeichen setzen, dass Erinnerungsarbeit nie aufhört, hieß es aus dem Präsidialamt. Es ist die erste Reise eines deutschen Bundespräsidenten nach Weißrussland überhaupt. Schon das macht sie besonders. Steinmeier wurde vom weißrussischen Präsidenten, Alexander Lukaschenko, vorher begrüßt. Der Bundespräsident wollte mit ihm über die Ukraine-Krise, aber auch über die Situation politischer Stiftungen und die innenpolitische Lage in Weißrussland sprechen.

Aber niemand in Berlin gibt sich der Illusion hin, dass der Besuch Steinmeiers etwas am Kurs Lukaschenkos ändern wird, einem Mann, der wegen seiner Repressionen häufig als "letzter Diktator Europas" tituliert wird. Diplomatie ist schwere Arbeit, das weiß der Bundespräsident aus seinem früheren Amt als Außenminister.

Erinnerung ist auch schwere Arbeit. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen Politiker wie der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland mit perfiden Vergleichen, Hitler und die Nazis seien "ein Vogelschiss" in der deutschen Geschichte, provozieren. Steinmeiers Reise nach Maly Trostenez war lange geplant. Er will sie nutzen, damit dieser Tatort des nationalsozialistischen Massenmordes nicht länger vergessen bleibt.

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