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Debatte im Bundestag - Bluttest auf Trisomie: Fluch oder Segen?

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Soll der Trisomie-Bluttest für Schwangere künftig von den Krankenkassen bezahlt werden? Darum geht es bei der Frage, die im Bundestag diskutiert wird. Und um noch viel mehr.

Bluttest bei einer schwangeren Frau
Bluttest bei einer schwangeren Frau
Quelle: picture alliance / BSIP

Inklusion oder Selektion? Geht es um Trisomie-Bluttests an Embryonen liegen die Meinungen oft unversöhnlich auseinander. Dabei geht es um mehr als eine Frage. Sie alle berühren die Grundsätze des Zusammenlebens einer Gesellschaft: Wie gesund muss ein Kind sein? Soll die Gewissheit von Eltern, ob ihr Kind ein Down-Syndrom haben wird, von der Größe ihres Geldbeutels abhängen? Darf man Müttern eine schonende Untersuchung verweigern? Steigt die Zahl von Abtreibungen? Darf man in die Entscheidung der Eltern, ob sie ein behindertes Kind haben wollen oder können, eingreifen? Und: Sind Bluttests auf Trisomie erst der Anfang? Wo beginnt eine Checkliste und wo hört sie auf?

Sehr viele große Fragen. Die Abgeordneten des Bundestages nehmen sich am Donnerstag zwei Stunden Zeit, um eine Diskussion darüber zu beginnen. Dabei muss der Bundestag als der Gesetzgeber aktuell darüber gar nicht entscheiden. Jedenfalls jetzt nicht.

Was ist die Ausgangslage?

Seit 2012 ist es möglich, dass durch einen Bluttest bei einer Schwangeren mit hoher Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden kann, ob ihr Kind Trisomie 21 haben wird. Bei dem sogenannten Down-Syndrom handelt es sich um eine Chromosomenveränderung, die nicht vererbbar ist und geschätzt bei etwa 24 von 10.000 Kindern vorkommt. Durch den Bluttest sind zudem Trisomie 13 (Pätau-Syndrom) und 18 (Edwards-Syndrom) feststellbar. Dieser Test wird derzeit nicht von den gesetzlichen Krankenkassen und nur von einigen privaten Krankenkassen übernommen. Er kostet etwa 200 bis 300 Euro.

Im Bundestag geht esum nicht-invasive Gentests. Auch den, der das sogenannte Down-Syndrom schon früh in einer Schwangerschaft entdecken kann. Ein höchst umstrittenes Thema, denn solche positiven Tests sind oft Grundlage für Abtreibungen.

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Was die Kassen bezahlen, ist eine Plazenta- oder Fruchtwasseruntersuchung, die aber risikoreich ist und zur Fehlgeburt führen kann. Sie wird allerdings nur bei Risikoschwangerschaften durchgeführt, meistens ab der 16. Schwangerschaftswoche. Der Bluttest ist schon ab der neunten Woche möglich. Seitdem es den Bluttest gibt, sinkt die Zahl der Fruchtwasseruntersuchungen. 2012 waren es noch 32.000, derzeit sind es laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung 13.000 im Jahr.

Worum geht es jetzt?

Soll der erlaubte, risikoärmere Bluttest künftig von den Krankenkassen bezahlt werden? Das ist die Frage, worum es jetzt geht. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen hat in einem ersten Schritt die Bluttests für Trisomie 21 geprüft und kommt zu dem Schluss: Sie sind zu 99 Prozent so gut wie die Fruchtwasseruntersuchungen. Würden man diesen stattdessen einsetzen, "ließe sich vermutlich ein Teil der Fehlgeburten vermeiden", die Zahl ließe sich sogar "deutlich verringern". Die Tests, heißt es, übersehen "tatsächlich sehr selten" eine Trisomie 21 und weisen "noch seltener" eine aus, die sich später nicht bewahrheitet.

Diese Einschätzung des Instituts liegt nun beim Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA), der letztlich darüber entscheidet, welche medizinische Leistung von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird. In dem Bundeszuschuss sind die Spitzenverbände der Kassen selbst, der Ärzte und die Deutsche Krankenhausgesellschaft vertreten. Im März dieses Jahres schrieb Josef Hecken, Vorsitzender des GBA, einen Brief, dass die Entscheidung im Falle der Bluttests für sein Gremium allein eigentlich zu groß sei. Denn damit seien „fundamentale ethische Grundfragen unserer Werteordnung berührt“ seien. Von daher sei eine parlamentarische Diskussion "zwingend notwendig". Zumal in absehbarer Zeit es weitere Testverfahren geben könnten, wodurch Eltern noch vor der Geburt ihres Kindes wissen können, ob es etwa an Mukoviszidose oder an der Glasknochenkrankheit leidet.

Im März nun hat der GBA bei diversen Fachgesellschaften, der Bundesärztekammer und dem Ethikrat zum Beispiel, Gutachten angefordert, die bis August vorliegen sollen. Allerdings geht der GBA nicht davon aus, dass künftig alle Schwangeren den Bluttest finanziert bekommen sollen. Er soll lediglich bei Risikoschwangerschaften die Plazenta- oder Fruchtwasseruntersuchung ersetzen. "Es geht ausdrücklich um die Anwendung des Tests bei Schwangerschaften mit besonderen Risiken", so GBA-Chef Hecken. "Es geht nicht etwa um Reihenuntersuchungen aller Schwangeren." Die Bluttests sollen erst ab der zwölften Woche Schwangerschaftswoche finanziert werden. Wer vorher - und damit bis zum straffreien Abbruch - Gewissheit haben will, müsste den Test weiterhin selbst finanzieren. Egal zu welcher Entscheidung der GBA kommt: Bis Herbst 2020 wird sich an der derzeitigen Praxis nichts ändern. Es sei denn der Gesetzgeber würde eingreifen.

Wer ist dafür, wer ist dagegen?

So einfach lässt sich das, wie meistens bei ethischen Fragen, nicht sagen. Die Debatte im Bundestag kam durch eine Initiative von zehn Abgeordneten von allen Parteien, bis auf die AfD, zustande. Denn auch wenn die Kernentscheidung die Kassen und Ärzte fällen, müsste der Gesetzgeber eventuell das Präventions- oder das Gentechnikgesetz ändern und prinzipiell die Grenzen vorgeburtlicher Diagnostik definieren. Die Abgeordneten gehen nämlich davon aus, dass sich künftig immer mehr Eltern für den Bluttest entscheiden, sollte er in irgendeiner Form Kassenleistung werden. Und damit würden diejenigen "immer stärker unter Rechtfertigungsdruck geraten, die sich gegen einen Test und für die Geburt eines Kindes mit Down-Syndrom entscheiden", heißt es in ihrer Stellungnahme. In Dänemark könne man beobachten, dass nur noch halb so viele Kinder mit Trisomie 21 geboren würden, seitdem der Test eingeführt wurde.

Pro: Kassenleistung, aber mit Beratung

Auch deswegen mahnen sie die Debatte in der gesamten Gesellschaft an. CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hat ihrer Partei schon zugesichert, dass Bluttests bei Embryonen nicht nur im Bundestag diskutiert werden soll. Alle Parteien betonen allerdings, dass diese ethische Frage jeder für sich entscheiden müsse und es keine einheitliche Linie geben könne. "Es wäre falsch, eine Richtung vorzugeben", sagt CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak. Er selbst ist wie Gesundheitsminister Jens Spahn ist dafür, dass der Test Kassenleistung wird, weil er schon erlaubt ist. "Aber aus meiner tiefen Überzeugung ist jedes Leben gleich viel wert", sagt Ziemiak. Daher sei es wichtig, die Eltern in der Schwangerschaft zu beraten und zu begleiten. Eine bessere Betreuung fordern vor allem Unions-Abgeordnete. Auch wenn nicht alle für eine Finanzierung durch die Kassen sind. Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, etwa hält das Signal "für falsch", dass man schon "im Vorfeld über die Wertigkeit von Leben urteilt".

Auch Ethikratschef Peter Dabrock ist für den Test als Kassenleistung: Es müsse akzeptiert werden, dass Eltern Klarheit über die Gesundheit ihres Kindes haben wollten. Die Evangelische Kirche Deutschlands sieht das ebenfalls so und fordert zusätzlich, das "Angebot einer umfassenden ethischen und psychosozialen Beratung als Bestandteil der gemeinschaftlich finanzierten Mutterschaftsvorsorge". Damit solle dem Eindruck entgegengetreten werden, die "Geburt von Kindern mit bestimmten Merkmalen", in der Regel Trisomien, "zu verhindern", heißt es in einer Veröffentlichung zur Debatte.

Contra: "Ich lebe gerne"

Auch in der SPD gibt es unterschiedliche Meinungen. Ulla Schmidt, SPD-Abgeordnete und Vorsitzende der Behindertenrechtsorganisation Lebenshilfe, fordert: Vom Bundestag müsse ein Signal ausgehen, dass Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft willkommen sind und sie und ihre Angehörigen die nötigen Hilfen bekommen. Ihr Fraktionskollege Karl Lauterbach und die gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion, Sabine Dittmer, sehen bei den Bluttest aber auch eine Gerechtigkeitsfrage: Frauen sollten "unabhängig von ihrer finanziellen Situation die Möglichkeit erhalten, die risikoärmere Blutuntersuchung durchführen zu lassen", sagt Dittmer.

Die katholische Kirche ist gegen die Kassenleistung: Leider zeige die Praxis, dass etwa 90 Prozent aller Kinder abgetrieben würden, sagt der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki der "Kirchenzeitung". Dagegen stehe, dass die Fördermöglichkeiten für diese Kinder so gut wie nie zuvor seien und aus ihnen "liebenswerte und zum Teil auch verblüffend kreative Menschen" würden. Es sei "ein Armutszeugnis für unsere ganze Gesellschaft", wenn behinderte Menschen abgetrieben werden und keinerlei Unterstützung erhalten. Woelki meint Menschen wie den Schauspieler Sebastian Urbanski, der mit Down-Syndrom geboren wurde: "Ich lebe gerne", sagt er. "Ich bin glücklich, weil ich mich als Teil der Gesellschaft fühle und einfach dazu gehöre."

So unterschiedlich die Meinungen sind: Eins geht wohl gar nicht. Die FDP- Bundestagsfraktion hatte getwittert: "Trisomie- 21-Test muss Kassenleistung werden" – und dazu ein Foto eines Kindes mit Downsyndrom. Ein Kind, das nach Meinung der Kritiker des Tests also vielleicht gar nicht geboren worden wäre, wenn die Tests Kassenleistung wäre. Die FDP löschte den Post und entschuldigte sich: Ein Kind mit Trisomie 21 sei "nichts Negatives".

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