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Medizinstudium - Numerus Clausus beschäftigt Karlsruhe

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Mehr als sechs Jahre Wartezeit: Wer Medizin studieren will, kommt um den Numerus Clausus nicht herum - und braucht viel Geduld. Heute beschäftigt sich das Bundesverfassungsgericht mit der Frage, ob das Zulassungsverfahren mit dem Recht auf freie Berufs- und Ausbildungswahl vereinbar ist.

Kippt der Numerus Clausus? Wer kein Abitur von 1,0 hat, hängt vor dem Medizinstudium oft jahrelang in der Warteschleife. Verstößt dieses Vergabeverfahren gegen das Grundrecht auf freie Berufswahl? Damit beschäftigt sich heute das Bundesverfassungsgericht.

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Für Friederike Trautmann aus Bremerhaven war klar, dass sie mit Wartesemestern hat rechnen müssen, als sie vor sechs Jahren ihr Abiturzeugnis in den Händen hielt. Aber nicht, dass es so lange dauern würde. "Nach Bekanntgabe meiner Abiturnote von 2,3 wusste ich, dass ich nicht sofort einen Studienplatz bekommen werde und habe mich für die Ausbildung zur Rettungsassistentin entschieden", sagt die 25-Jährige. Solch einen Weg wählen viele, um die Wartezeit zu überbrücken. Doch nun, zwölf Wartesemester später, ist für Friderike Trautmann immer noch kein Medizin-Studienplatz in Sicht. Sie ist eine von mehreren Klägern, die versuchen, auf diesem Weg ihr Ziel zu erreichen. Für Trautmann ist klar: "Für mich gibt es keine Alternative."

Zwar nimmt die Zahl der zu vergebenden Studienplätze jedes Jahr leicht zu. Aber verglichen mit der Menge an Bewerbern, die jedes Jahr um die freien Plätze regelrecht kämpft, ist dieser Zuwachs viel zu gering. Es gibt einfach deutlich mehr Bewerber als Kapazitäten. Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen macht das aktuell geltende Studienplatzvergabesystem für die Misere verantwortlich. Es hat daher das Bundesverfassungsgericht angerufen, zu prüfen, ob der Numerus Clausus noch verfassungsgemäß ist.

Harter Kampf

Darum geht es: Wer ein Studium in Humanmedizin beginnen möchte, muss sich bei der Stiftung für Hochschulzulassung (SfH) melden. Dort gibt es ein bundesweit zentrales Vergabesystem, das entscheidet, wer im nächsten Jahr studieren darf - oder wer sich hinten anstellen und darauf hoffen muss, vielleicht erst im Folgejahr oder noch später an der Reihe zu sein.

Um einen Studienplatz zu ergattern, wird ein Abiturzeugnis mit einem Notendurchschnitt von 1,0 bis 1,2 verlangt, ansonsten haben Bewerber schlechte Karten. 20 Prozent der Plätze gehen direkt an die Bewerber mit den besten Abiturnoten. Weitere 20 Prozent gehen an diejenigen, die lange genug gewartet haben. Die restlichen 60 Prozent können die Universitäten nach eigenen Kriterien vergeben. Wer Humanmedizin studieren möchte muss sich also auf einen harten Kampf einstellen: Im Wintersemester 2017/18 bewarben sich mehr als 43.000 junge Leute auf knapp 9.200 Studienplätze.

Verstoß gegen das Grundgesetz?

Nun steht in Artikel 12 des Grundgesetzes allerdings: "Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen." Doch die freie Berufswahl könne nicht gewährleistet werden, wenn die Studienwahl derart durch den Numerus Clausus und die Kapazitätsengpässe eingeschränkt ist, bezweifeln die Gelsenkirchener Richter. Außerdem habe das Bundesverfassungsgericht bereits in den 1970er Jahren entschieden, dass die Wartezeit nicht länger als das Studium selbst dauern dürfe.

Doch in der Realität ist es anders: Die Regelstudienzeit beträgt zwölf Semester, die Wartezeit aber liegt mittlerweile bei fünfzehn. Die Anzahl der Wartesemester hat sich seit 1999 damit fast vervierfacht - seinerzeit waren es nur vier.

Abitur nicht vergleichbar

Konkret beanstanden die Kläger Folgendes: Im Auswahlverfahren der Universitäten gibt es derzeit keine Landesquoten. Für die vorlegenden Richter stellt dies eine Ungleichbehandlung dar und verstößt damit gegen den allgemeinen Gleichheitssatz im Grundgesetz. Es werde nicht berücksichtigt, in welchem Bundesland das Abitur erlangt wird. Das sei aber notwendig, weil die Abiturabschlüsse in den verschiedenen Bundesländern nicht vergleichbar seien. Je nachdem in welchem Bundesland man sein Abitur erlangt habe, bestünden damit schon von vornherein schlechtere oder bessere Ausgangsbedingungen.

Außerdem sind die nach Wartezeit zu vergebenden Plätze an die seit dem Abitur vergangene Zeit geknüpft. Dies könnte dazu führen, dass Personen, die sich durchgehend bewerben, von solchen "überholt" werden, die sich zwar erst später angemeldet haben, aber deren Abschluss bereits Jahre zurück liegt. Schließlich habe auch die Abiturnote an sich zu viel Gewicht. Die Note ist sowohl bei dem zentralen Vergabeverfahren als auch bei den nach den Auswahlverfahren der Universitäten zu vergebenden Plätzen maßgebliches Kriterium, so die Richter aus Gelsenkirchen. Denn die meisten Universitäten würden sich oft ein aufwendiges persönliches Auswahlverfahren ersparen, indem sie ca. 80 Prozent der Plätze dann doch allein über den Numerus Clausus vergäben.

Ärztekammer: Brauchen weitere Kriterien

"Wir brauchen nicht nur hoch lernfähige (…), sondern auch gute Ärzte die sich durch soziale Kompetenzen auszeichnen. Deshalb sollten neben der Abiturnote weitere Kriterien für das Auswahlverfahren herangezogen werden", meint Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer. Dazu zählen für ihn unter anderem "psychosoziale Kompetenzen, soziales Engagement und einschlägige Berufserfahrung".

Ziel des Verfahrens dürfte also primär eine Reformation des gesamten Vergabesystems sein. Ärztepräsident Montgomery plädiert beispielsweise für Assessment-Center, in denen die Studierenden individueller ausgewählt werden.

Sollte das Bundesverfassungsgericht die Richtlinien zur Studienplatzvergabe umkrempeln, dürfte die Entscheidung Signalwirkung für die ebenfalls bundesweit zulassungsbeschränkten Studiengänge Pharmazie, Zahnmedizin und Tiermedizin haben. Das Urteil soll in einigen Monaten folgen.

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