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Bundesverfassungsgericht - Medizinstudium: Kippt der Numerus Clausus?

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Wer Medizin studieren will, braucht neben guten Noten vor allem Geduld. Heute entscheidet das Bundesverfassungsgericht, ob das Zulassungsverfahren per Numerus Clausus zulässig ist.

Das Bundesverfassungsgericht entscheidet, ob die Studienplatzvergabe im Fach Medizin mit dem Grundgesetz vereinbar ist.

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Kippt der Numerus Clausus? Wer kein Abitur von 1,0 hat, hängt in Medizin oft jahrelang in der Warteschleife. Auch Mattis Steffens kämpft seit Jahren um einen Studienplatz. Sein Abitur hat er 2012 gemacht. Mit einem Schnitt von 3,2. Dann folgte eine Ausbildung zum medizinisch technischen Assistenten. Immer wieder stellte er neue Bewerbungen, doch bis heute gab es nur Ablehnungen. Und auch für dieses Wintersemester sieht er schwarz. Steffens hofft, dass er sich aktuell noch einklagen kann: "Ich klage, weil ich einfach nicht mehr warten will auf den Platz. Ich muss jetzt noch mindestens zwei Jahre warten, bis ich einen Medizinstudienplatz bekommen könnte. Und ich habe schon so viel vorzuweisen, so viel gemacht", sagt der 23-Jährige. Kein Einzelfall, viele überbrücken die Wartezeit auch als Rettungssanitäter oder in ähnlichen medizinnahen Berufen. 

Auch wenn die Zahl der zu vergebenden Studienplätze jedes Jahr leicht zunimmt: Verglichen mit der Menge an Bewerbern, die jedes Jahr um die freien Plätze kämpft, wird der Mangel immer größer. In der Verhandlung des Ersten Senats im Oktober hatte das Bundesverfassungsgericht die Zahl von fast 62.000 Bewerbern auf 11.000 Ausbildungsplätze genannt. Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen macht in einem aktuellen Klageverfahren das geltende Vergabesystem für die Misere verantwortlich. Es hat deswegen das Bundesverfassungsgericht angerufen. Karlsruhe soll prüfen, ob der Numerus Clausus verfassungsgemäß ist.

Harter Kampf

Darum geht es: Wer ein Studium in Humanmedizin beginnen möchte, muss sich bei der Stiftung für Hochschulzulassung (SfH) melden. Die entscheidet, wer im nächsten Jahr studieren darf oder wer weiter warten muss. Um einen Studienplatz zu ergattern, wird ein Abiturzeugnis mit einem Notendurchschnitt von 1,0 bis 1,2 verlangt, ansonsten haben Bewerber schlechte Karten. 20 Prozent der Plätze gehen direkt an die Bewerber mit den besten Abiturnoten. Weitere 20 Prozent gehen an Kandidaten, die lange genug gewartet haben. Die restlichen 60 Prozent können die Universitäten nach eigenen Kriterien vergeben.

Verstoß gegen das Grundgesetz?

Nun heißt es in Artikel 12 Grundgesetz: "Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen." Doch die freie Berufswahl könne nicht gewährleistet werden, wenn die Studienwahl derart durch den Numerus Clausus und die Kapazitätsengpässe eingeschränkt ist, bezweifeln die Gelsenkirchener Richter. Außerdem hätte das Bundesverfassungsgericht bereits in den 1970er Jahren entschieden, dass die Wartezeit nicht länger als das Studium selbst dauern dürfe. Doch die Realität ist anders: Während die Regelstudienzeit zwölf Semester beträgt, liegt die Wartezeit mittlerweile bei bis zu 15. Die Anzahl der Wartesemester hat sich seit 1999 fast vervierfacht - seinerzeit waren es nur vier.

Abitur nicht vergleichbar

Die konkrete Kritik: Im Auswahlverfahren der Universitäten gibt es derzeit keine Landesquoten. Es werde also nicht berücksichtigt, in welchem Bundesland das Abitur erlangt wird, obwohl die Abiturabschlüsse in den verschiedenen Bundesländern nicht vergleichbar seien. Außerdem sind die Warteplätze an die seit dem Abitur vergangene Zeit geknüpft. So könnten Personen, die sich durchgehend bewerben, von solchen "überholt" werden, die sich zwar erst später angemeldet haben, aber deren Abschluss bereits Jahre zurück liegt. Schließlich habe die reine Abiturnote zu viel Gewicht. Sie ist sowohl bei der zentralen Vergabe als auch bei den Auswahlverfahren der Universitäten maßgebliches Kriterium. Denn die meisten Hochschulen würden sich oft ein personifiziertes Auswahlverfahren ersparen und etwa 80 Prozent der Plätze dann doch allein über den Numerus Clausus vergeben.

Wer in Deutschland Medizin studieren will, braucht im Abi eigentlich eine 1,0. Wer die nicht hat, dem bleibt nur eins: warten. Und zwar sehr, sehr lange. Aktuell braucht man im Schnitt 14 bis 15 Wartesemester für Medizin.

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Ärztekammer: Brauchen weitere Kriterien

"Wir brauchen nicht nur hoch lernfähige (…), sondern auch gute Ärzte, die sich durch soziale Kompetenzen auszeichnen. Deshalb sollten neben der Abiturnote weitere Kriterien für das Auswahlverfahren herangezogen werden", meint Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer. Dazu zählt er "psychosoziale Kompetenzen, soziales Engagement und einschlägige Berufserfahrung". In der mündlichen Verhandlung Anfang Oktober ließen sich die Richter deshalb auch verschiedene Modelle einzelner Unis erläutern, so vom Hamburger Uniklinikum Eppendorf. Dort gibt es bereits schon länger Erfahrungen mit sogenannten Multiple Mini Interviews, die sie jeweils mit hunderten Bewerbern führen. Dabei wurde deutlich: Jede Individualisierung kostet die Hochschulen auch großen Aufwand.

Sollte das Verfassungsgericht die Richtlinien zur Studienplatzvergabe umkrempeln, hätte das Signalwirkung auch für die Studiengänge Pharmazie, Zahnmedizin und Tiermedizin. Die Richter hakten bei der Verhandlung im Oktober sowohl bei den langen Wartezeiten nach als auch beim Gewicht der Abiturnoten. Zwar genießen die Hochschulen bei der Vergabe der Studienplätze Autonomie. Doch das Grundrecht auf freie Wahl des Ausbildungsplatzes und die Chancengerechtigkeit dürfen dabei nicht auf der Strecke bleiben. Vielleicht fordert das Gericht den Gesetzgeber auf, das schon bald stärker herauszuarbeiten. Den Mangel an Studienplätzen können die Richter zwar nicht beseitigen. Vier Tage vor Heiligabend aber wird sich zeigen, ob es ein Weihnachtsgeschenk aus Karlsruhe gibt - und wenn ja, für wen?

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