"Das macht was mit einem"

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Traumatisierte Soldaten - "Das macht was mit einem"

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Immer mehr Soldaten und Soldatinnen, die in Auslandseinsätzen gedient haben, leiden an psychischen Erkrankungen. Die Bundeswehr hilft - nur leider zu oft zu spät.

Ein Soldat der Bundeswehr bei  Kundus. Archivbild
Ein Soldat der Bundeswehr bei Kundus. Archivbild
Quelle: Michael Hanschke/dpa

Zum Interview kommt Robert Sedlatzek-Müller eine halbe Stunde zu früh. Das Pflichtbewusstsein, die Zuverlässigkeit stecken tief in ihm drin. Der 42-jährige Rostocker war Elitekämpfer, Fallschirmjäger und Sprengstoffexperte im Auslandseinsatz - im Kosovo und dreimal in Afghanistan. Dort, am Hindukusch, passierte es. Als seine Kameraden eine Rakete entschärfen wollen, explodiert diese plötzlich. Fünf von ihnen sind sofort tot. Robert Sedlatzek-Müller überlebt knapp, doch auch für ihn ist seitdem nichts mehr, wie es vorher war. Diagnose: PTBS, posttraumatisches Belastungssyndrom. 

Traumatisierte Soldaten: Lange fehlte in der Bundeswehr das Bewusstsein für dieses Thema, sagt Afghanistan-Veteran Robert Sedlatzek-Müller.

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"Diese ständige Angst, diese ständige Bedrohungslage, die ständige Anspannung, das Erleben, wie Kameraden verletzt werden oder sterben - das macht was mit einem", sagt Sedlatzek-Müller nachdenklich. Er hat in den letzten Jahren Höllenqualen gelitten, weil er sich lange nicht eingestehen wollte, dass irgendwas mit ihm nicht stimmt. Weil er viele Jahre keine Therapie bekam. Depressionen, Suchterkrankungen, Aggressionen - irgendwann ging gar nichts mehr. Die Bilder von Tod, Schmerz und Verzweiflung lassen ihn nicht mehr los.

Psychisch krank: Die Zahlen steigen

Viele Soldaten und Soldatinnen erkranken nach ihren Auslandseinsätzen psychisch. Die Zahlen steigen. Seit 2011 wurde bei insgesamt 2.311 Soldaten PTBS diagnostiziert - erfasst werden allerdings nur aktive Soldaten. Die, die bereits aus dem Dienst ausgeschieden sind, bei denen psychische Probleme erst nach mehreren Jahren auftreten, fallen aus der Statistik raus. Die Dunkelziffer ist hoch, weil sich viele nicht in Behandlung trauen aufgrund von Stigmatisierungsängsten.

Ein Soldat ist und bleibt eben ein starker Mann, so der noch immer weitverbreitete Glaube. "Das sind Ängste, von Leuten nicht mehr ernst genommen zu werden, vor Karrierenachteilen", sagt Peter Zimmermann, Leiter des Psychotraumazentrums am Bundeswehrkrankenhaus in Berlin. "Obwohl diese Ängste gar nicht mehr gerechtfertigt sind, weil viele Vorgesetzte tatsächlich inzwischen viel Kenntnis haben und sich auch bemühen. Das allerdings nimmt den Soldaten nicht immer ihre Ängste", sagt er.

Krieg, Tod, Verletzungen: Viele Soldaten leiden unter Angststörung oder haben auch tagsüber Albträume, sagt Peter Zimmermann, Leiter Psychotraumazentrum im Bundeswehrkrankenhaus Berlin.

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April 2010: Soldaten sterben, die Bundewehr denkt um

Die Bundeswehr stellt sich dem Problem erst seit ein paar Jahren. Seit deutsche Soldaten im Einsatz fallen und seit klar ist, die Bundeswehr ist auch im Krieg. Als Bundeswehrsoldaten im April 2010 im afghanischen Kundus in schwere Gefechte mit Taliban verwickelt wurden, setzte ein Umdenken ein. Drei Soldaten starben. Deutschland im Kampfeinsatz - mit allen Folgen. Im Bundesverteidigungsministerium wurde wenige Monate nach dem sogenannten Karfreitagsgefecht eine neue Stelle geschaffen: die des PTBS-Beauftragten.

Der Generalarzt ist seitdem Ansprechpartner für Soldaten mit ihren unsichtbaren Einsatzwunden und deren Angehörige. Bernd Mattiesen ist der Dritte auf diesem Dienstposten und sagt: "Die Psyche der Soldaten spielt natürlich eine sehr große Rolle, die im Rahmen der Rückkehreruntersuchung explizit abgefragt wird. Vorgesetzte sind angehalten, dass keiner durch die Maschen fällt."

Noch fehlt der Bundeswehr eine Gesamtstrategie

Anträge auf Entschädigungen dauern viel zu lange, weil vieles über Externe läuft. Wir haben oft den Eindruck, die Bundeswehr traut ihren eigenen Ärzten nicht, unterstellt Gefälligkeitsgutachten. Und das macht es den Betroffenen nach wie vor schwer.
Soldat Robert Sedlatzek-Müller über zu lange Wartezeiten

Die Bundeswehr hat seit 2011 viel auf den Weg gebracht. Neben der Stelle des PTBS-Beauftragten im Verteidigungsministerium wurden Netzwerke geknüpft, an denen sich Ärzte, Geistliche, Sozialdienste und Psychologen aller Standorte beteiligen, über 100 Lotsen für Einsatzgeschädigte sind an den Standorten erster Ansprechpartner, es gibt Stiftungen und Ferienfahrten für psychisch kranke Soldaten und ihre Angehörigen.

Und doch hakt es. Noch fehlt eine Gesamtstrategie - auch wenn an der gerade gearbeitet wird. Die Bürokratie innerhalb dieses riesigen Apparates Bundeswehr ist auch in diesem sensiblen und für die Betroffenen sehr schmerzlichen Bereich ein noch immer zu großes Monster. Robert Sedlatzek-Müller beklagt zu lange Wartezeiten: "Anträge auf Entschädigungen dauern viel zu lange, weil vieles über Externe läuft. Wir haben oft den Eindruck, die Bundeswehr traut ihren eigenen Ärzten nicht, unterstellt Gefälligkeitsgutachten. Und das macht es den Betroffenen nach wie vor schwer."

Tageskliniken gibt es erst seit zwei Jahren

Erst seit 2017 richtet die Bundeswehr psychiatrische Tageskliniken ein. Bislang sind an den Bundeswehrkrankenhäusern in Berlin, Hamburg, Koblenz und Ulm nur 30 Prozent der geplanten Betten verfügbar. "Mitte der 2020er Jahre" soll der Aufbau abgeschlossen sein. Bis dahin müssen sich all diejenigen, die nicht in den bundeswehreigenen Psychotraumazentren untergebracht werden können, einreihen in die langen Wartelisten ziviler Psychiater - die oft genug mit den Spezifika eines Kriegstraumas überfordert sind.

Robert Sedlatzek-Müller hat jahrelange Therapien hinter sich, die Bundeswehr hat ihn inzwischen als Berufssoldat übernommen. Für die Trauma-Bewältigung hat er seinen ganz eigenen Weg gefunden: Er redet viel über seine Krankheit, er hat ein Buch geschrieben - "Soldatenglück" -, er ist immer ansprechbar für Kameraden in ähnlicher Situation. "Ich komme heute einigermaßen klar", sagt er. Ohne Lächeln.

Auch über dieses Thema berichtet die ZDF-Sendung "Berlin direkt" heute Abend um 19:10 Uhr.

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