Sie sind hier:

Gewerkschaften in Deutschland - Die Jahre der Krise sind vorbei - fast

Datum:

Nach Jahren der Krise spüren Gewerkschaften in Deutschland wieder Aufwind. Sorgen bereitet dagegen das "Desinteresse an einer Sozialpartnerschaft" auf Seiten vieler Arbeitgeber.

Ver.di: Öffentlicher Dienst (Symbolbild)
Ver.di: Öffentlicher Dienst (Symbolbild)
Quelle: dpa

Die Umbrüche in der Arbeitswelt verunsichern viele Menschen, mobilisieren aber auch. Das spüren nicht zuletzt die Gewerkschaften: "Nach Jahren der galoppierenden Schwindsucht haben sie seit etwa 2005 wieder Boden gut gemacht und den freien Fall gestoppt", sagt Gewerkschaftsforscher Wolfgang Schroeder von der Universität Kassel. Inzwischen könnten sich die Arbeitnehmervertreter über einen "starken Vertrauenszuwachs" freuen.

Aktuell starke Mitgliederzuwächse bei ver.di und der IG Metall

Die IG Metall und ver.di berichten sogar von kräftigen Mitgliederzuwächsen. "Wir bekommen viel Zuspruch im Moment", sagt ver.di-Chef Frank Bsirske. Allein im März und April habe es 30.000 Eintritte bei ver.di gegeben. Das liege daran, "dass die Menschen in Zeiten der Digitalisierung mit ständiger Erreichbarkeit, schwindender Tarifbindung und steigendem Druck konfrontiert sind und nach Beständigkeit suchen, Rat und Schutz brauchen", so Bsirske.

Auf diese Bedürfnisse gehe ver.di ein und das werde "honoriert". In noch stärkerer Position sieht sich die IG Metall, die mit Blick auf die Beschäftigten in den Betrieben über "den höchsten Mitgliederstand seit zehn Jahren" berichtet: "Allein während und nach der letzten Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie sind mehr als 60.000 Beschäftigte in die IG Metall eingetreten." 

Großes Problem: "Immer mehr weiße Flecken auf der Tariflandkarte"

Die Durchsetzungskraft der IG Metall haben die Arbeitgeber zu spüren bekommen. Zuletzt erreichte die Gewerkschaft, dass die Beschäftigten ab 2019 die Wahl haben werden zwischen mehr Geld oder mehr Freizeit.

Gewerkschaftsforscher Schroeder führt die jüngsten Erfolge auch darauf zurück, "dass durch den Fachkräftemangel die Gewerkschaften des exportorientierten Sektors und des öffentlichen Sektors eine günstige Verhandlungsposition erreicht haben". Allerdings hätte ver.di im fragmentierten Dienstleistungssektor wegen der "besonders harten Widerstände der Arbeitgeber" größere Probleme als die IG Metall.

Als das gewerkschaftsübergreifend größte Problem sieht Schroeder "das Desinteresse an einer Sozialpartnerschaft auf Arbeitgeberseite" an. Dies führe zu immer mehr weißen Flecken auf der Tariflandkarte. "In dem Maße, wie Arbeitgeber aus ihren Verbänden austreten, nicht eintreten, oder Tarifverträge ablehnen, wird das Prinzip der selbstregulierten Sozialpartnerschaft immer brüchiger", sagt Schroeder.

Schlagkraft der Gewerkschaften gefährdet

Der Wissenschaftler konstatiert zudem, dass bei vielen Arbeitnehmern die Einsicht "nicht ausgeprägt" sei, dass sie durch ihren Gewerkschaftsbeitritt die Bedingungen für ein solidarisches Ausgestalten der Arbeitsbedingungen verbessern könnten. Schroeder schlussfolgert daraus: "Angesichts der Herausforderungen, die sich mit den digitalen Umbrüchen ergeben, wird sich dies zu einem immer größeren Problem auswachsen." Heute sind nur etwas mehr als 18 Prozent der Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert. Der Knackpunkt: Ohne Schlagkraft lassen sich Ziele nicht durchsetzen.

"Eine Gewerkschaft ist nur dann erfolgreich, wenn sie viele Mitglieder hat", sagt Claus Weselsky. Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GdL) ist - anders als viele seiner Kollegen - in einer komfortablen Situation. "Wir sind erfolgreich, weil wir drei Viertel der rund 40.000 Lokomotivführer und Zugbegleiter in Deutschland organisieren - und weil unsere Kollegen bereit sind, für ihre Ziele zu kämpfen", so Weselsky.

IG Metall erwartet künftig härtere Interessenkonflikte

Anders als bei den Lokführern haben Gewerkschaftler der Bauwirtschaft einen schweren Stand. Dort sind laut Gewerkschaftsforscher Schroeder "die stärksten Mitgliederrückgänge zu verzeichnen". Immerhin, so berichtet ein Sprecher der IG Bauen-Agrar-Umwelt, steige mit Andauern des Baubooms das Selbstbewusstsein der Beschäftigten und die seien bereit, ihre Forderungen "nach einer angemessenen Beteiligung" durchzusetzen. "Da ist eine ganz klare Trendwende sichtbar."

Allerdings sei es eine "Herkulesaufgabe", den hohen Standard der Arbeitsrechte in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung aufrecht zu erhalten. Ähnlich sieht es die IG Metall, die ihren Auftrag so formuliert: "Wir müssen Visionen guter Arbeit und guten Lebens in einer digitalen und nachhaltigen Gesellschaft entwickeln - wohlwissend, dass sich der Interessenkonflikt eher verschärft als auflöst." Die Gewerkschaft arbeite deshalb an Konzepten, die den Menschen die Perspektive gebe, "dass der Wandel so gestaltet wird, dass keiner unter die Räder kommt".

Wie sehen sich die Gewerkschaften positioniert?

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.