Sie sind hier:

Can Dündar im ZDF-Interview - "Erdogan ist jetzt allein, einsam in der Welt"

Datum:

Die Bundesregierung solle mehr Mut haben und kritischer mit Präsident Erdogan umgehen, sagt der türkische Journalist Can Dündar im ZDF. Erdogan sei geschwächt wie nie.

Sehen Sie hier das Interview mit Can Dündar im ZDF heute journal.

Beitragslänge:
5 min
Datum:

ZDF: Sie waren eingeladen zu der Pressekonferenz heute und sind dann weggeblieben. Warum?

Can Dündar: Aus zwei Gründen: Erstens ich bin dafür, dass Journalisten berichten und nicht Objekt der Berichterstattung werden. Sonst hätte es einen Skandal ausgelöst, wenn ich da wäre. Zweitens: Erdogan hat damit gedroht, die Pressekonferenz abzusagen und er hätte sich vor den Fragen geflüchtet. Das wollte ich nicht. Wichtiger waren die Fragen - nicht wer sie stellt.“

ZDF: Sind Sie zufrieden mit dem Verlauf dieses Besuches?

Dündar: Ehrlich gesagt hätte ich mutigere Signale erwartet. Ich habe bei Erdogan nicht festgestellt, dass er Reformen versprochen hätte. Das hat ja Deutschland von ihm erwartet. Sogar seine Haltung zu mir hat deutlich gemacht, wie er die Pressefreiheit sieht. Er kann immer noch behaupten in der Türkei gäbe es freie Gerichte. Und: Die Türkei entwickelt sich aber zu einem Polizeistaat, zu einem autoritären Regime. Solange es keine Abkehr davon gibt, ist es sehr schwer mit der Polizei zusammen zu arbeiten.

Can Dündar, Ehemaliger Chefredakteur "Cumhuriyet"
Der ehemalige Chefredakteur der türkischen Zeitung "Cumhuriyet", Can Dündar (56) wurde in der Türkei unter anderem wegen Geheimnisverrats zu einer Haftstrafe verurteilt. Seit knapp zwei Jahren lebt er im Exil in Deutschland. In der Türkei aber gilt er als "Vaterlandsverräter" - und wurde verurteilt zu mehr als fünf Jahren Gefängnis. Ein weiterer Prozess gegen ihn und andere «Cumhuriyet»-Mitarbeiter wegen Terrorvorwürfen läuft noch.
Quelle: dpa

ZDF: Erwarten Sie nicht ein bisschen viel von Deutschland, wenn Sie eine Kursänderung in der Türkei fordern? In der deutschen Presse wird sehr gewürdigt, wie deutlich Angela Merkel Erdogan zurechtgewiesen hat.

Dündar: Ja, das stimmt auf jeden Fall. Das hat sie gemacht, aber wir haben kein konkretes Erlebnis gesehen. Wir möchten alle die Rechtsstaatlichkeit, nicht nur für die Kollegen in den Gefängnissen – auch für die deutschen Investoren, die in der Türkei investieren möchten. Auch für die Deutschen, die in der Türkei Urlaub machen möchten, denn wo keine Rechtstaatlichkeit herrscht, ist Nichts unter Garantie. Weder ihr Leben noch ihr Geld. Nicht für die Türkei, sondern für das Wohl der ganzen Welt brauchen wir die Rechtsstaatlichkeit und für die Türkei ist es besonders wichtig.

ZDF: Glauben Sie tatsächlich, dass Deutschland, das Europa einen so großen Einfluss auf die Türkei ausüben kann, dass sich die Richtung der Erdogan-Regierung ändert?

Dündar: Auf jeden Fall glaube ich daran, denn Erdogan ist jetzt allein, einsam in der Welt. Wegen seiner Politik. Und wirtschaftlich steckt er in großen Schwierigkeiten und da braucht er Europas und vor allem Deutschlands Unterstützung, denn Deutschland ist der größte Handelspartner. Das weiß er. Deswegen ist er hier. Und deswegen braucht er jetzt diese guten Gespräche mit Europa und vor allem mit Deutschland. Das ist lebenswichtig für ihn und das ist sehr wichtig für die Zukunft der Türkei. Ich hoffe, die Bundesregierung wird sich tatsächlich in dieser Richtung verhalten und nicht nur die Wirtschaftsbeziehungen sondern auch die Menschenrechte und Freiheiten mehr ansprechen.

ZDF: Wie könnte die Bundesregierung die Türkei im Moment noch stärker unter Druck setzen als sie das ohnehin schon tut?

Dündar: Schauen Sie, Erdogan sagt immer: eine Flagge, eine Nation, ein Staat. Das ist sein Slogan. Und er hat hinzugefügt: eine einzige Partei in der Türkei und ein einziger Herrscher. Man müsste ihm klar machen, was das in der deutschen Geschichte alles verursacht hat, selbst das wäre ein wichtiger Schritt. Und: Man muss sehen, dass die Türkei nicht Erdogan ist. Ein großer Teil der Türkei leistet Widerstand gegen diese Repressionen. Natürlich wird Deutschland mit der Türkei verhandeln als zwei Republiken, aber Erdogan vertritt nicht allein die Türkei. Es gibt eine andere Türkei, die für Demokratie kämpft. Und Deutschland muss mit dieser anderen Türkei solidarisch sein.

ZDF: Präsident Erdogan hat heute erneut ihre Auslieferung an die Türkei gefordert. Wie groß ist ihr Vertrauen in die Bundesregierung, dass Sie niemals ausgeliefert werden?

Dündar: Erdogan fordert so etwas, dann vergisst er das aber wieder. Zu Deniz Yücel hat er gesagt, so lange ich in diesem Amt sitze, wird er nie nach Deutschland zurückkehren. Und dann hat er das sofort vergessen. Und auch die Rechtsstaatlichkeit, die Unabhängigkeit der Gerichte, vergessen und Deniz Yücel wieder zurückgeschickt. Deswegen sagt er solche Sachen. Ich nehme das nicht so ernst. Die Bundesregierung weiß sehr wohl viel besser als Erdogan, wer Terrorist ist und wer Journalist.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.