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Schleswig-Holstein - Cannabis-Bunker im Auenland?

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In Bad Bramstedt soll ein riesiger Lagerraum für fünf Tonnen medizinisches Cannabis entstehen. Ein Tresorraum und die schlechte Verkehrsanbindung sollen vor Diebstahl schützen.

Archiv: Ein Mitarbeiter der Medropharm GmbH zeigt am 18.10.2017 in Kradolf-Schönenberg (Schweiz) die Knospen von Cannabis Sativa-Pflanzen, die in einer Indoor-Anlage für den medizinischen Gebrauch angebaut werden
Quelle: dpa

Bad Bramstedt liegt im ländlichen Schleswig-Holstein annähernd gleich weit weg von Kiel, Hamburg oder Lübeck - also eigentlich in der Mitte von nichts. Die Landschaft drum herum ist das Auenland, das auch eher Assoziationen mit fellfüßigen Hobbits eröffnet als mit einem Hochsicherheitstrakt für Cannabis.

Tatsächlich aber soll im Norden der Kurstadt in einer leerstehenden Halle Deutschlands erstes Lager für medizinische Hanfprodukte entstehen. Hans-Jürgen Küttbach (FDP), Bürgermeister des 14.000 Seelen Ortes, hat damit kein Problem: "Für uns ist das erfreulich, aber erstmal ein ganz normales Ansiedlungsvorhaben, kein großes Ding," sagt er gegenüber dem ZDF.

Tresorraum für fünf Tonnen Cannabis

Dabei will das kanadische Unternehmen Nuuvera tatsächlich ein ganz, ganz großes Ding in das Industriegebiet von Bad Bramstedt stellen. Das Unternehmen hat für ihr geplantes Cannabis-Lager bereits ein Grundstück erworben, bestätigt Deutschland-Chef Hendrik Knopp. "Da so was aber mit sehr hohen Sicherheitsauflagen verknüpft ist, versehen wir dieses Lager mit einem großen Tresorraum, in dem die Cannabis-Produkte unter optimalen Bedingungen lagern werden," antwortet Knoop aus Ontario/Kanada auf entsprechende Fragen des ZDF.

Die Rede ist von einem fünf Meter hohen und 1.000 Tonnen schweren Sicherheitskoloss, der bis zum Sommer gebaut werden soll. Fünf Tonnen Cannabis sollen in seinem Inneren sicher untergebracht werden. Und genau hier kommt der Lage von Bad Bramstedt eine besondere Rolle zu: Im Ort gibt es eine größere Polizeistation aber keine schnell zu erreichende Autobahnauffahrt, über die potentielle Diebe mit ihrer Beute stiften gehen könnten. Also die Sicherheit ist ein Argument für Bad Bramstedt aber wohl auch die Nähe zu anderen Unternehmen, die sich dort mit Erzeugung pflanzlicher Arzneimittel beschäftigen.

Nachfrage nach medizinischem Cannabis steigt

Denn Nuuvera will das Cannabis nicht als Genussmittel lagern - vielleicht in der Hoffnung auf Freigabe der Droge durch den Gesetzgeber - sondern als medizinisches Produkt. "Durch die ständig steigende Patientennachfrage nach medizinischem Cannabis muss immer mehr Cannabis nach Deutschland importiert werden. Mit diesem Lager schaffen wir die erforderliche Logistik, um diese Produkte nach Deutschland bringen zu können und dann flexibel auf die Nachfrage reagieren zu können," sagt Hendrik Knopp von Nuuvera.

Seit knapp einem Jahr können Ärzte aller Fachrichtungen medizinisches Cannabis in Form von Cannabisblüten und -extrakten schwerkranken Patienten verordnen. So sieht es das Betäubungsmittelgesetz seit 10. März 2017 vor - und seitdem stiegt der Bedarf an medizinischem Cannabis deutschlandweit explosionsartig an: Verfügten beim Inkrafttreten des Gesetzes im letzten Frühjahr nur 1.061 Patienten über eine Ausnahmegenehmigung zur legalen Anwendung von Cannabis-Produkten, werden es in diesem Jahr wohl schon 5.000 sein. Und dass, obwohl sich durch das neue Gesetz für die infrage kommenden Patienten noch nicht alles zum Besseren gewendet hat, wie Christian Zimmermann, Präsident des Allgemeinen Patienten-Verbandes e.V. erklärt: "Die Situation hat sich erheblich verbessert, allerdings ist der ärztliche Vorbehalt entscheidend, ob ein Patient das Cannabis-Medikament auch bekommt. Diese medizinische Indikation ist allerdings eine Gratwanderung."

"Cannabis hilft nur ein bisschen"

Vor allem für Schmerzpatienten, aber auch bei ADHS, Depressionen und verschiedenen anderen Krankheiten wird Cannabis verordnet. Eine Wunderwaffe ist es nach Meinung des Leiters der Schmerzklinik Prof. Hartmut Göbel aber eher nicht: "Cannabis hilft nicht besonders, es hilft nur ein bisschen. Man muss es einfach ausprobieren, sollte sich aber keine falschen Hoffnungen machen, da Cannabis nur gegen verschiedene Dimensionen des Schmerzes helfen kann."

Mitreden dürfen auch die Krankenkassen: Etwa 60 Prozent der Anträge auf Verschreibung cannabishaltiger Medizin werden von den Kassen genehmigt, wobei die Zustimmungsrate regional sehr unterschiedlich ist - nach Recherchen des Redaktionsnetzwerks Deutschland in Hamburg höher als beispielsweise in Thüringen.

Importe aus den Niederlanden und Kanada

Die Ausgabe der Präparate erfolgt über die Apotheken - die Tendenz ist deutlich steigend: Gingen 2013 bundesweit insgesamt etwa 25 Kilo Cannabis über die Tresen der Apotheken, waren es 2016 bereits mehr als 150 Kilo.

Aktuell dürfte es noch mehr sein, wie Jenny Burand von der Kieler Lornsen-Apotheke beobachtet: "Die Nachfrage ist seit dem Spätsommer 2017 geradezu explodiert." Da der legale Anbau von Cannabis in Deutschland nicht recht in Schwung kommt, müssen die Pharmazeuten das Cannabis aus Holland oder Kanada importieren, was die steigende Nachfrage der Patienten kaum noch decken kann: "Im Moment verzeichnen wir einen Lieferengpass von einem Vierteljahr," sagt Apothekerin Jenny Burand. "Wir haben Ende Dezember eine Bestellung auf den Weg gebracht und erwarten die Lieferung im März. Der Import aus dem Ausland ist mit viel Bürokratie verbunden, das Cannabis hängt oft ewig im Zoll fest," beschreibt Jenny Burand ihre Erfahrungen in Kiel.

Cannabis-Lager soll Lieferengpässe verhindern

Genau hier setzt das kanadische Unternehmen Nuuvera mit seinem geplanten Lager in Bad Bramstedt an: Man will den Nachschub an Cannabis-Substanzen stabilisieren. Bürgermeister Küttbach geht von etwa zehn neuen Arbeitsplätzen für Bad Bramstedt aus - Voraussetzung ist allerdings, dass die zuständigen Landesbehörden sich überzeugt zeigen vom ordnungsgemäßen Zustand des Cannabis-Bunkers im schleswig-holsteinischen Auenland, in der Mitte von Nichts.

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