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Beeindruckender Erstlingsfilm - Les Misérables: Polizeigewalt in Pariser Vorstadt

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Filmemacher Ladj Ly hat eine Pariser Vorstadt von innen gefilmt. Und sich dabei an Victor Hugo erinnert gefühlt.

Szene aus "Les misérables"
Szene aus "Les misérables".
Quelle: Salaud Morisset

Polizist in einer Pariser Vorstadt zu sein, ist kein einfacher Job. Vor allem, wenn man von außen kommt und weder den Slang noch die Gepflogenheiten dort kennt. Stéphane ist neu dabei, und gleich der erste Einsatz - die Suche nach dem Dieb eines jungen Zirkuslöwen - mündet in einer Katastrophe. 

Die Geschichte spielt im Pariser Vorort Montfermeil, der seinen besonderen Platz in der französischen Geschichte hat. Hier spielt der Roman "Die Elenden" von Victor Hugo. Und hier in der Nähe starben 2005 zwei Jungen auf der Flucht vor der Polizei. Ihr Tod löste damals die schlimmsten Vorstadtunruhen aus, die Frankreich je erlebt hat. Knapp 3.000 Menschen wurden festgenommen, mehr als 8.000 Autos gingen in Flammen auf. 

Victor Hugos Darstellung aktueller denn je

"Gavroche würde heute Gavarache heißen", meint einer der beiden Polizisten, die mit Stéphane auf Streife fahren, und imitiert einen arabischen Akzent. Victor Hugo habe damals über das Elend der Unterschicht in Montfermeil geschrieben - und seitdem habe sich dort eigentlich nicht viel geändert. Davon abgesehen, dass die Einwohner mittlerweile überwiegend ausländische Wurzeln haben.

Der Filmemacher Ladj Ly ist in Montfermeil aufgewachsen, seine Familie stammt aus Mali. Er hatte 2008 eher zufällig einen brutalen Polizeieinsatz gefilmt. Aufgrund seiner Bilder wurden die Polizisten später verurteilt. Und nun ist aus dieser Geschichte ein Kinofilm entstanden, der als Erstlingswerk in Cannes Premiere hat und einer von 21 Anwärtern für die Goldene Palme ist. 

Johlende Kinder, Dealer und langbärtige Islamisten

Es ist ein faszinierender Einblick in den Mikrokosmos einer Pariser Vorstadt. Da sind die Kinder, die auf Deckeln von Mülltonnen johlend Abhänge hinunterrutschen. Afrikanische Mamas, die sich in ihrem privaten Sparverein Bündel von Geldscheinen zuschieben. Langbärtige Islamisten, die Kinder mit Bonbons in die Moscheen locken. Dealer aller Art. Die ständig kaputten Aufzüge in den Hochhäusern und die Alternativen in Form von Einkaufswagen, die an Seilen in die oberen Etagen gezogen werden. 

les misarables
Der Regisseur und die Darsteller des Films "Les Miserables"

"Wesh? Ca va les keufs? - Tach, die Bullen." In Montfermeil kennen Kriminelle und Polizisten sich bestens und können miteinander. Zumindest so lange niemand die Nerven verliert. Doch genau das passiert, als die Polizisten den minderjährigen Löwendieb festnehmen wollen, sich dabei einer Horde Steine werfender Kinder ausgesetzt sehen den Jungen schließlich mit einem Gummigeschoss schwer verletzen.

Das alles hat ein anderer Junge von einem Dach aus mit einer Drohne gefilmt. Die Polizisten versuchen alles, um an die Speicherkarte zu kommen und die Tat zu vertuschen. Doch die Rache der Opfer bleibt nicht aus - wobei die Rollen der Opfer und Täter keineswegs klar verteilt sind.

Die Vorstadt als Lebensraum, nicht als bloße Kulisse

Ladj Ly hat den Film vor allem mit Menschen aus Montfermeil gedreht. Er zählt zu den wenigen Filmemachern, die die Banlieue nicht als bloße Kulisse nutzen, sondern sie von innen kennen und ihren Einwohnern eine Stimme geben. 

Der Film ist eine gelungene Mischung aus chaotischem Vorstadtleben, derbem Polizistenhumor und erschreckender Gewalt, die plötzlich aufflammt. "Merkt Euch, Freunde! Es gibt weder Unkraut noch schlechte Menschen. Es gibt bloß schlechte Gärtner" schrieb Victor Hugo in seinem Buch "Die Elenden". Ladj Ly lässt seinen Film mit einer aufwühlenden Szene und genau diesem Zitat enden.

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