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Filmfest Cannes - Koma-Kino vom Altmeister?

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Der älteste Filmemacher mit modernster Technik: Altmeister Jean-Luc Godard ist mit 87 Jahren in Cannes noch einmal im Wettbewerb. Seine Pressekonferenz gab er - per Facetime.

Mit 87 Jahren zeigt Regie-Legende Jean-Luc Godard einen der ungewöhlichsten Filme in Cannes. Den Journalisten präsentiert er sich zeitgemäß – via Facetime auf einem Handy.

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Als Jean-Luc Godard mit Zigarre im Mund auf dem Bildschirm erscheint, geht ein Raunen durch den Raum. Der Bildschirm ist jedoch keine der riesigen Projektionsflächen im Festivalpalast von Cannes, sondern ein schlichtes Mobiltelefon. Der Altmeister, der mit 87 Jahren noch einmal einen Film im Wettbewerb um die Goldene Palme hat, stellt sich den Journalistenfragen aus seiner Schweizer Heimat per Videokonferenz.

Es ist ein absurdes Bild: Da stehen Journalisten aus aller Welt Schlange vor einem altmodischen Mikrofon, und Godards Produzent Fabrice Aragno hält einem nach dem anderen das Telefon vor die Nase, auf dem Godard zu sehen ist. Meist bildschirmfüllend, manchmal aber auch nur die obere Hälfte des Kopfes mit zerzauselten weißen Haaren.

Kritiker: Unverständliche Collage

Zerzauselt war auch über weite Strecken der Inhalt seiner Antworten – ebenso wie sein Film, den viele Kritiker als eine eher unverständliche Collage aus Archivmaterial und davon losgelöster Tonspur beschrieben. "Wichtig ist nicht, zu zeigen, was passiert, sondern was nicht passiert", erklärte er mit brüchiger Stimme seine Art, Filme zu machen. In seinem Film kommen alte Filmausschnitte aus den 50er und 60ern ebenso vor wie Propagandavideos der Terrorgruppe Islamischer Staat.

Manche Kritiker sehen darin einen Kommentar zur Lage der arabischen Welt, die ohne Einmischung von außen besser dran wäre. "Ich denke, die arabischen Länder sollten in Ruhe gelassen werden, damit sie sich selbst um ihre Angelegenheiten kümmern können", sagte er während der Pressekonferenz. Andere werfen ihm vor, Kino für niemanden zu machen. "Godard bekommt die Goldene Palme der Unverschämtheit", schrieb ein Zuschauer auf Twitter.

Monatelanges Koma-Sehen?

Für seinen jüngsten Film habe er mehr Filme gesehen als Festivalchef Thierry Frémaux, sagte Godard – wobei Frémaux und sein Team in diesem Jahr allein etwa 1-900 eingereichte Filme gesehen haben. Das klingt so, als sei sein Werk das Ergebnis monatelangen Koma-Sehens. Und im Übrigen sei der Schnitt des Filmes ohnehin wichtiger als der Dreh, meint Godard.

Die Kameraleute wird’s freuen. Und die Schauspieler kommen auch nicht besser weg. Auf die Frage, ob man die denn noch brauche, schwieg der Mitbegründer der Nouvelle Vague lange. Dann meinte er kleinlaut, dass er ja nicht so viele Menschen verärgern wolle. Ob er noch weitere Filme plane? "Klar, wenn ich kann", sagte er mit plötzlich energischer Stimme. "Aber das hängt auch von meinen Beinen, Händen und Augen ab."

Verdatterte Miene

Festivalchef Frémaux kam gegen Ende der Pressekonferenz in den Raum und machte eine verdatterte Mine, als er den wirren Ausführungen des Altmeisters lauschte – der je nach Fragesteller auch russische und japanische Floskeln einflocht. Frémaux hatte lange vergeblich versucht, Godard einzuladen und ihn entsprechend umworben. In den vergangenen drei Jahren hatte das Festivalplakat gleich zwei Mal Szenen aus seinen Filmen gezeigt. Und 2014 hatte Godard gemeinsam mit dem jungen Kanadier Xavier Dolan den Preis der Jury gewonnen.

Im vergangenen Jahr war Godard immerhin indirekt dabei: Oscar-Gewinner Michel Hazanavicius hatte ihm noch zu Lebzeiten ein Biopic gewidmet, das den Filmemacher mit der markanten Hornbrille ausgesprochen unsympathisch darstellte. Und dieses Jahr ist es exakt ein halbes Jahrhundert her, dass Godard im Mai 1968 gemeinsam mit Francois Truffaut und Roman Polanski den Abbruch des Festivals erreichte: "Ich rede von Solidarität mit den Studenten und Arbeitern, und ihr erzählt mir was von Kamerafahrten und Großaufnahmen. Ihr seid doch Idioten!"

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