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Cannes 2018 - Alt-68er auf einem Roadtrip durch Frankreich

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"On the Road in France": Daniel Cohn-Bendit spielt endlich die Hauptrolle. Sein Freund Goupil zeigt ihn im Gespräch mit Arbeitern, Musliminnen und Rechtsextremen in Frankreich.

Daniel Cohn-Bendit und Romain Goupil am 16.05.2018 in Cannes (Frankreich)
Daniel Cohn-Bendit und Romain Goupil am 16.05.2018 in Cannes (Frankreich)
Quelle: reuters

Dass Emmanuel Macron gefilmt wird, ist nichts Besonderes. Dass der amtierende Präsident Frankreichs sich in einem Film selber spielt, der dann in Cannes Premiere hat, schon eher. Die Szene findet in einem Café in Frankfurt statt. Zwei Alt-68er, Daniel Cohn-Bendit und Romain Goupil, streiten darüber, ob sie ein Interview mit dem Präsidenten in ihren Film einbauen sollen. 

"Wenn ich Dich im Elysée filme, im Zentrum der Macht, dann stehst Du der Macht nahe", warnt Goupil, der Filmemacher, die Ellbogen auf den Tisch gestützt und die Kamera auf Cohn-Bendit gerichtet. "Unsinn, der Präsident ist Präsident wie der Bäcker Bäcker ist", hält Daniel Cohn-Bendit ihm entgegen. 

Emmanuel Macron als dritter Mann

Und dann zieht eine zweite Kamera das Bild auf, ein dritter Mann erscheint im Bild, der mit den beiden am Tisch sitzt: Der Präsident der Republik. "Ihr könnt ihn doch in einem Café in Frankfurt treffen", schlägt Macron mit amüsiertem Gesichtsausdruck vor. "Eine Kultszene", sagte Cohn-Bendit später begeistert im ZDF-Interview. Kritiker werfen dem grünen Ex-EU-Abgeordneten immer wieder seine Nähe zu Macron vor. 

Vor 50 Jahren war das Filmfestival in Cannes aus Solidarität mit den streikenden Studenten und Arbeitern abgebrochen worden. Cohn-Bendit und Goupil zählten damals zu den lautesten Aktivisten in Paris. Aber auf diese Zeit wollen sie zum Jubiläum der Mai-Revolte nicht mehr zurückblicken. "Wir wollten dem Jubiläum entfliehen. Wir wollten vielmehr über das Frankreich von heute reden", erklärte Cohn-Bendit. 

Und so fuhren sie kreuz und quer durchs Land, trafen Fischer, Polizisten, Krankenschwestern, Muslime, Rechtsextreme, Stahlarbeiter, Unternehmer. 15.000 Kilometer, 50 Begegnungen, vier Stunden Film - zumindest in seiner ersten Version. Bei der Premiere waren dann knapp zweieinhalb Stunden zu sehen, und auch die hätten sich ohne inhaltliche Verluste noch gut kürzen lassen. 

Die Dreharbeiten begannen kurz vor der Wahl Macrons. "Wir hatten unsere Vorurteile. Dany meinte, das Land sei besorgt, ängstlich. Ich meinte, es sei auf dem Abstieg, der Front National lag bei  30 Prozent. Also wollten wir nachsehen", sagte Goupil. 

Ein berührendes Mosaik über die französische Gesellschaft

Das Ergebnis ist ein Mosaik aus Gesprächsfetzen, die manchmal berührende Einblicke in die französische Gesellschaft geben. Da ist die junge Muslimin, die ihren Schleier ablegt, um arbeiten zu können. "Für mich ist es ein Opfer, man muss eben Kompromisse machen." Oder der Arbeiter, der beim Besuch seiner mittlerweile zerstörten Fabrik an die gute alte Zeit zurückdenkt. Oder der Priester, dem die Tränen kommen, weil er den vielen Flüchtlingen nicht helfen kann.

Goupil zeigt immer wieder auch das making-off, die Fahrten im Auto, die Suche nach der besten Perspektive, das Gelächter über verpatzte Szenen - und am Ende eine von einer Rockband begleitete Vorführung einer ersten Version des Filmes, bei der Cohn-Bendit im Publikum hell angestrahlt ist.  

Cohn-Bendit: "Der rote Faden bin ich"

Das kann man ironisch verstehen, aber eben auch als Nabelschau, wie viele andere Stellen des Films. Auf die Frage, ob es einen roten Faden gebe, meint der rote Dany: "Nein. Oder eigentlich doch: Der rote Faden bin ich." Im Abspann des Films heißt es: "realisiert von Romain Goupil, erträumt von Daniel Cohn-Bendit".

Auf dem roten Teppich in Cannes trug der Alt-68er zwar den vorgeschriebenen Smoking mit Fliege - aber dazu hatte er sich einen verwaschenen blauen Schal um den Hals gelegt. Ein letzter Rest von Rebellentum. 

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