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71. Filmfestival - Cannes im Jahr eins nach Weinstein

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Viele politische Filme, viele Debatten über die Frauenfrage: Heute beginnt in Cannes das glamouröseste Filmfestival der Welt.

Und er ist doch wieder dabei: Harvey Weinstein. Der Filmproduzent, der jahrelang auf dem Filmfestival von Cannes Geschäfte gemacht und sich mutmaßlich an zahlreichen Frauen vergangen hat, hat es wieder an die Croisette geschafft. Nicht persönlich, aber als Hauptfigur eines Dokumentarfilms über ihn, der gerade produziert wird und auf dem Filmmarkt in Cannes wahrscheinlich seine Käufer finden wird.

Debatten, Flyer und eine Hotline

"Wir wussten von nichts", beteuerte Festivalchef Thierry Frémaux kurz vor der Eröffnung des Festes erneut. Auch wenn viele Medien behaupten, dass es ein offenes Geheimnis war, was sich in Weinsteins Luxus-Suite im Hotel du Cap-Eden-Roc abspielte. Mehrere der etwa hundert Frauen, die ihm sexuelle Belästigung oder gar Vergewaltigung vorwerfen, werden in diesem Jahr über den Roten Teppich laufen, unter ihnen auch Jurypräsidentin Cate Blanchett. Sie hatte die Initiative "Time's up" (Die Zeit ist abgelaufen) mitbegründet.

Frémaux bemüht sich zu zeigen, dass das Festival die Zeichen der Zeit erkannt hat. Erstmals wurde eine Hotline eingerichtet, bei der sich Zeugen und Opfer sexueller Belästigungen melden können. Das Festival verteilt einen Flyer, der korrektes Verhalten anmahnt und auf drohende Strafen hinweist. Am Samstag laufen gleich 100 Schauspielerinnen und Filmemacherinnen gemeinsam über den Roten Teppich, und Debatten über die Stellung der Frau in der Filmindustrie gibt es nahezu täglich.

Politische Filme und Filmemacher ohne Reiseerlaubnis

Aber neben all dem geht es ja in erster Linie um Filme, und da bietet das Programm dieses Jahr eine Menge interessanter Beiträge. Aus Deutschland mit dabei ist Wim Wenders, der sich als Filmemacher dem Papst genähert hat wie nie jemand zuvor. Seine Franziskus-Doku läuft außer Konkurrenz und soll sehr berührend sein, für Kirchgänger ebenso wie für Atheisten. Und im renommierten Nebenprogramm Un Certain regard läuft "In my Room", ein Mittvierziger-Drama von Ulrich Köhler. Der kennt Cannes gut, er hat in den vergangenen Jahren seine Partnerin Maren Ade begleitet, die mit Toni Erdmann als Palmenfavoritin galt und vergangenes Jahr in der Jury war.

Cannes ist dieses Jahr sehr politisch - rein zufällig, betont Frémaux. "Wir verfolgen bei der Auswahl der Filme keine Strategie. Es ist eher so, dass sich die Filme uns aufdrängen." Zwei Filmemacher sind eingeladen, die aus ihren Heimatländern nicht ausreisen dürfen: der Russe Serebrennikov und der Iraner Jafar Panahi, der mit seinem trotz Berufsverbots gedrehten Film "Taxi Teheran" 2015 in Berlin den Goldenen Bären gewonnen hatte. Das Festival hatte das Außenministerium um Amtshilfe gebeten, um die beiden nach Cannes zu holen - aber vergeblich.

68er im Jubiläumsjahr auch in Cannes

Zudem zeigt das Festival dieses Jahr mehrere arabische Filme: einen ägyptischen Erstlingsfilm über eine Fahrt auf einem Eselskarren durch das heutige Ägypten ("Yomeddine"“ von A.B. Shawky) und einen Film über einen zwölfjährigen Jungen, der seine Eltern verklagt, von der libanesischen Filmemacherin Nadine Labaki ("Capharnaüm"). Und einen Film über die arabische Welt gibt es auch, ausgerechnet vom Altmeister Jean-Luc Godard, der schon vor 50 Jahren dabei war, als das Festival in Folge der 68er-Unruhen abgebrochen wurde.

Er ist auch nicht der einzige Alt-68er: Daniel Cohn-Bendit und sein alter Kumpel Romain Goupil stellen außer Konkurrenz "La Traversée" vor, ein Roadmovie durch Frankreich, indem sie mit Krankenschwestern, Fischern und Schafzüchtern diskutieren. Und mit Emmanuel Macron in einem Frankfurter Café - das erste Mal, dass ein amtierender Präsident sich in einem Kinofilm selbst spielt.

Selfie-Verbot schärfer denn je

Nach sieben Jahren Ächtung ist der dänische Filmemacher Lars von Trier erstmals wieder in Cannes, mit einem Film über einen intelligenten Serienmörder. "Er hat gescherzt über etwas, über das man nicht scherzt, und er wurde bestraft", erklärte Frémaux mit Blick auf dessen ironisch gemeinte Hitler-Bemerkung 2011. "Jetzt ist es an der Zeit, dass er als Künstler wiederkommt."

Und das Selfie-Verbot? Gilt weiterhin und schärfer denn je. Wer auf dem Roten Teppich pausiert und das Handy zückt, riskiert, von den Ordnern von der Gala ausgeschlossen zu werden. Diese Selfie-Manie sei grotesk, meint Frémaux. "Außerdem kommt man nicht in erster Linie nach Cannes, um sich selbst zu sehen, sondern um zu sehen." Und das können die Festivalbesucher ab heute zwölf spannende Tage lang.

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