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Cannes - Wenders' Werbefilm für den Papst

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Papst Franziskus hat sich mehrfach mit Wim Wenders getroffen. Herausgekommen ist ein höchst ungewöhnlicher Film. 

Filmszene aus "Papst Franziskus - ein Mann seines Wortes"
Quelle: dpa

Eigentlich hätte der Papst am Sonntag in Cannes über den roten Teppich gehen müssen. Schließlich ist er der Hauptdarsteller eines Filmes, der am Sonntag Premiere hatte. "Aber das ging leider nicht, denn sonntags arbeitet der Papst ja", meinte Festivalchef Thierry Frémaux vor der Vorstellung des jüngsten Films des deutschen Filmemachers Wim Wenders "Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes".

Eindringlicher Effekt

So einen Film hat es noch nie gegeben. Es ist das erste Mal, dass ein Papst einen Filmemacher so nah an sich herangelassen hat. Vier lange Interviews innerhalb von zwei Jahren hat Wenders mit dem Papst geführt. Zudem hatte er Zugang zum kompletten Filmmaterial des Vatikans.

Da sitzt der Papst auf einem Lehnstuhl, mal in einer Bibliothek, mal im Garten des Vatikans und schaut dem Zuschauer direkt in die Augen. Ein eindringlicher Effekt. "Ich wollte, dass er mit jedem Menschen, der den Film sieht, in Kontakt kommt. Dieses Privileg, ihm viermal gegenüber sitzen zu dürfen, jeweils für zwei Stunden, das wollte ich mit allen Menschen teilen. Deswegen schaut er jetzt alle an", erklärte Wenders, der dafür einen umfunktionierten Teleprompter benutzt hat. 

Frischer Wind

Auch wer nichts mit der Kirche anfangen kann, hat inzwischen mitbekommen, dass Papst Franziskus nach Meinung vieler ein Guter ist. Einer, der sagt, was Sache ist. Der dahin geht, wo andere nicht hingehen. Der frischen Wind in den Vatikan bringt und sich selbst nicht so wichtig nimmt. Dies alles zwei Stunden lang in berührenden Bildern mit einem emotionalen Soundtrack an sich vorbeiziehen zu lassen, kann auch hartgesottene Atheisten zum verstohlenen Augenwischen bringen.

Da wäscht der Papst den tätowierten Fuß eines Häftlings, streichelt ein krankes Kind in einem zentralafrikanischen Krankenhaus, hält die Hand eines bewusstlosen Patienten, lässt sich auf einem Rettungsschiff vor Lampedusa auf einem Laptop Videos überbordender Flüchtlingsboote zeigen. Oder fährt in einem Kleinwagen durch Washington, den ein entsetzter amerikanischer Reporter als "eine Art Mr. Bean-Auto" bezeichnet. 

Schlichte Botschaften

Seine Botschaften sind schlicht und klar. "Wir dürfen uns nicht von der Zahl der Flüchtlinge erschrecken lassen, sondern sie als Personen sehen, in ihre Gesichter schauen und ihre Geschichten hören", mahnte Papst Franziskus die Abgeordneten des US-Kongresses. 

An Eltern appellierte er, sich nicht von der Schnelllebigkeit mitreißen zu lassen: "Spielt mit Euren Kindern. Verliert Zeit mit Ihnen!" Und immer wieder geht es um die Umwelt, die Wegwerfgesellschaft, den Klimawandel, unter dem die Ärmsten am meisten leiden. 

Eigentlich ist der Papst selbst sein bester Werbeträger und hätte keinen Wim Wenders nötig. Und schon gar nicht historisierende Bilder mit einer Handkurbelkamera, um den heiligen Franz von Assisi vorzustellen, dessen Namen Jorge Mario Bergoglio sich als Papst ausgewählt hat. 

"Ich hatte Carte Blanche"

Aber dem früheren Medienchef des Vatikans, Dario Edoardo Viganò, der die PR-Strategie des Papstes gegen viele Widerstände komplett umgekrempelt hatte, gefiel Wenders’ Stil. Er wandte sich 2013 an den Filmemacher und trug ihm das Projekt vor. Um die Finanzierung sollte sich Wenders kümmern, inhaltlich werde ihm niemand rein reden. "Ich hatte Carte Blanche", betonte Wenders. 

Wenders hatte in seiner Jugend Priester werden wollen, sich dann von der Kirche entfernt, später zum Glauben zurückgefunden und ist doppelter Ehrendoktor der Theologie. Sein Film ist auch ein missionarisches Werk - nicht für den Katholizismus, aber für Franziskus als Mensch. 

"Papst Franziskus ist ein Mann von einer einfachen Sprache, der aber viele Menschen damit erreicht. Er kann auch komplexe Dinge sagen, die den Menschen ans Herz gehen, die uns alle zeigen, dass wir nicht zufrieden sind mit dem moralischen Zustand der Welt und der Politiker, die uns beherrschen", sagt Wenders im ZDF-Interview. 

Ein Mal Beherrschung verloren

Wim Wenders in Cannes
Wim Wenders in Cannes
Quelle: dpa

Ein einziges Mal verliert Franziskus im Film ein wenig die Beherrschung - als er auf die zahlreichen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche angesprochen wird. "Tolerancia zero", keine Toleranz für Täter dürfe es geben, mahnte der Papst und betonte, dass der Vatikan die strafrechtliche Verfolgung der Täter unterstütze. 

Wenders zeichnet das Bild eines Charismatikers, der sich - fast wie der Dalai Lama - mit freundlicher Lebenshilfe an die ganze Welt wendet - und nimmt dabei bewusst in Kauf, dass seine eigentliche Rolle als Oberhaupt der katholischen Kirche völlig in den Hintergrund tritt. Das mag manche Katholiken stören, den anderen aber um so besser gefallen. 

Am Ende des Films erzählt der Papst, dass er jeden Tag mit den Worten des Thomas von Morus um Humor bete. "Gott gebe mir eine gute Verdauung, und auch etwas zu verdauen ". Und dann blickt er lächelnd dem Zuschauer durch Wim Wenders' Teleprompter hindurch noch einmal tief in die Augen. 

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