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Narrenschelle für Özdemir - "Die besten Gags über mich selbst"

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Die schwäbisch-alemannische Fastnacht verleiht Cem Özdemir die Goldene Narrenschelle. Ein Gespräch über Integration in der Fastnacht, Humor und natürlich die aktuelle Politik.

Cem Özdemir erhält Goldene Narrenschelle 2018
Cem Özdemir erhält Goldene Narrenschelle 2018
Quelle: dpa

Der ehemalige Bundesvorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, erhält von den Schwäbisch-Alemannischen Narrenzünfte (VSAN) die “Goldene Narrenschelle”. Verrückt? Nein, findet Özdemir – keineswegs. Auch nicht, dass der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach die Laudatio hält. Und erst recht nicht, dass er die Narrenschelle für seinen Einsatz bei den gescheiterten Jamaika-Gesprächen erhalten hat. Özdemir erzählt amüsiert von der Narretei, die sich selbst manchmal bierernst nimmt und schaut natürlich auch auf die aktuelle Politik.

heute.de: Wie ist es die Narrenschelle zu bekommen?

Cem Özdemir: Es ist mir eine große Ehre. Ich war bereits Botschafter des Bieres, aktuell bin ich Botschafter des Deutschen Brotes und jetzt kommt noch die Narrenschelle dazu. Dreimal deutsches Kulturgut durch und durch. Ich fühle mich sehr geehrt. Schließlich kommt bei mir noch dazu, dass ich aus dem protestantischen Teil Baden-Württembergs stamme. Strafverschärfend mit starkem pietistischem Einschlag. Und – als ob das allein noch nicht reichen würde – aus einer muslimischen Familie.

heute.de: Hatten Sie nicht mal erklärt, dass Ihr Vater direkt zum Deutschen mutiert ist und Sie zu Hause auch vom ersten Weihnachtsfest an einen Baum hatten?

Özdemir: Den Weihnachtsbaum hatten wir immer, dank meiner sehr weltoffenen Eltern. Und ich habe mich auch immer an Fasnacht verkleidet. Umso irritierter war ich, als ich dann auf christliche Kinder im Kindergarten stieß, die sich nicht verkleiden durften, weil ihre Eltern sagten, das sei heidnisches Brauchtum, das würden nur Katholiken und andere Heiden tun. Sie können sich vorstellen, dass ich da als kleiner Steppke überfordert war. Meine muslimischen Eltern haben mir gesagt, man soll sich doch verkleiden - auch als Integrationsbeitrag. Und dann triffst du christliche Kinder, deren Eltern sagen, man verkleidet sich nicht, das sei heidnisches Brauchtum. Zugleich habe ich aber auch eines gelernt, dass es die Christen, die Muslime, die Badener, die Schwaben so gar nicht gibt, sondern dass wir alles individuelle Einzelkunstwerke sind. Der Herrgott, falls es einen gibt, hat sich da bestimmt etwas dabei gedacht.

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heute.de: Christoph Sonntag bezeichnet Sie in seinem Programm sehr gerne als „schwäbisches Betroffenheits-Spätzle“ – wie stehen Sie dazu?

Özdemir: Das ist klasse! Also wenn man von Christoph Sonntag erwähnt wird, dann hat man es doch eigentlich schon geschafft. (lacht) Da kann man sich eigentlich fast zur Ruhe setzen.

heute.de: Ein schönes Stichwort. Viele wundern sich, dass Sie nicht mehr für den Bundesvorsitz der Grünen kandidiert haben.

Özdemir: Nach zehn Jahren ist dann auch mal genug, dann dürfen auch andere einmal den Karren ziehen. Ich habe das länger als jeder andere Mann vor mir gemacht. Mal eine Weile weniger Parteigremiensitzungen, dafür mehr draußen unter den Leuten sein, das ist ein Gewinn.

heute.de: Freuen Sie sich auf Ihre neuen Aufgaben?

Özdemir: Ja. Ich vertrete Deutschlands schönsten Wahlkreis in Berlin, Stuttgart. Wir haben aktuell nicht unbedingt den erfolgreichsten Fußball-Club, daran arbeiten wir noch. Aber immerhin die schönste Stadt. Als Vorsitzender des Ausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur habe ich eine neue spannende Aufgabe und habe damit sowohl Stuttgart 21 und BER auf der Agenda. Insofern habe ich quasi mit den größten gescheiterten Verkehrsprojekten der Republik zu tun, die uns die CDU/CSU zusammen mit der SPD hinterlassen hat. Man kann gar nicht besser vorbereitet sein auf die große Koalition.

heute.de: Sie nehmen es sportlich.

Özdemir: Immer! Man muss es sportlich nehmen. Das ist auch mein Motto für die Narrenschelle. Die besten Gags fallen mir immer zu mir selbst ein, dann erst zu den anderen. Ich kenne meine Schwachstellen am besten. Insofern sollte das eh das fasnachtliche Motto sein, dass man nicht nur über die anderen herzieht, sondern sich selbst nicht allzu ernst nimmt.

heute.de: Sie können sehr gut über sich selbst lachen?

Özdemir: Sehr gut sogar. Ohne das würde ich es gar nicht mit mir aushalten. Das war immer mein Rezept, um es zehn Jahre an der Spitze der Partei, gegen den scharfen Wind der politischen Konkurrenz und manchem Berichterstatter auszuhalten.

heute.de: Mit Verkehr und digitalem Ausbau haben Sie eine ordentliche Aufgabe vor sich.

Özdemir: Da habe ich mein Päckchen zu tragen. Aber wie sagen meine Mitarbeiter immer: Augen auf bei der Berufswahl. Hättsch´ was gscheites glernt.

heute.de: Den Digital-Ausbau im ländlichen Raum haben Sie sich hoffentlich groß auf die Fahnen geschrieben.

Özdemir: Ich will, dass der Fortschritt auch vor Deutschland nicht Halt macht. Ich setze mich dafür ein, dass die CSU endlich aufhört, das Ministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur als eine Art Strafkolonie zu betrachten und endlich anfängt auch qualifizierte Leute für dieses Amt zu nehmen. Es ist eines der wichtigsten Ministerien in unserem Land überhaupt. Umso unverständlicher, dass die CSU lieber Kupferkabel verlegt, als Glasfaser. Wir sind in Europa die vorletzten beim Glasfaser-Ausbau Das müssen wir dringend ändern.

heute.de: Nicht gerade zukunftsweisend.

Özdemir: Ich habe den ganzen Wahlkampf damit verbracht, auch in Bayern, zu erklären, dass die Glasfaser bereits erfunden ist. Man muss also im 21. Jahrhundert nicht mehr Kupferkabel verlegen, wie es die Schwarzen die letzten Jahre gemacht haben. Das geht moderner in Deutschland.

heute.de: Und im Verkehr?

Özdemir: Ähnliches gilt fürs Auto. Das Auto von morgen fährt zunehmend automatisiert, vernetzt und emissionsfrei. Und dieser Mobilität möchte ich auch in Deutschland zum Durchbruch verhelfen. Damit es auch künftig noch heißt: Made in Germany oder natürlich Made im Ländle (lacht). Und nicht nur noch Made in Japan oder China.

heute.de: China ist ja ganz weit voran, was Elektro-Mobilität angeht.

Özdemir: So ist es. Dabei haben wir genauso gute Erfinder, wir haben genauso gute Ingenieure, Facharbeiter und Hochschulen. Was uns fehlt, sind Personen  an der Spitze der Politik, die daraus auch eine Gewinn-Geschichte machen, den Mut haben voran zu gehen statt unnötig an Altem festzuhalten. Da das Ministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur nun weiterhin in CSU-Hand bleiben soll, befürchte ich, dass wir jetzt noch einmal vier verlorene Jahre bekommen. Dieselbe Mutlosigkeit zeigt sich auch beim notwendigen Kohle-Ausstieg oder bei der Weigerung, endlich eine blaue Plakette einzuführen, um die Luft in den Städten wirksam zu verbessern. 

heute.de: Wie lange dauert es bis wir Emissionsfrei sind?

Özdemir: Wenn es nach dem neuen GroKo-Koalitionsvertrag geht, werden Sie und ich das wohl nicht mehr erleben. Aber ich bin zuversichtlich, dass der Fortschritt schneller sein kann. Denn die Industrie wacht ja auf durch den Druck der Realitäten, auch weil sie es selbst in der Vergangenheit verschlafen hat und es eine unheilige Kumpanei zwischen Industrie und Politik gab. Zu Lasten der Jobs, zu Lasten der Innovationskraft und zu Lasten der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Und die neuen Töne, die man jetzt so langsam hört, gehen in die richtige Richtung. Porsche will beispielsweise  mehr Geld in emissionsfreie Mobilität investieren, aber auch von VW, die nach dem jüngsten Skandal mit den Affen-Versuchen hoffentlich erkannt haben, dass es so nicht weitergeht, reden jetzt beispielsweise über ein Abschmelzen der Dieselsubventionen und gar über die Einführung der blauen Plakette. Das sind Töne, wie wir sie in den vergangenen Jahren nur auf grünen Parteitagen gehört haben. Es sieht danach aus, dass auch der ein oder andere Autoboss erkannt hat, dass die Grünen die eigentlichen Partner sind, wenn man das Auto in eine emissionsfreie Zukunft führen will und die Mobilität von Morgen gewährleisten möchte. Das stimmt mich hoffnungsfroh.

heute.de: Der SPD-Mitglieder-Entscheid steht zwar noch aus, aber die Posten in der Großen Koalition sind bereits verteilt. Was halten Sie davon?

Özdemir: Zuerst einmal habe ich Respekt vor der schwierigen parteiinternen Debatte bei den Sozialdemokraten. Ich denke, ich kann mich da ganz gut hineinfühlen. Beim Blick auf die Verteilung der Ressorts käme wohl eher die CDU in Schwierigkeiten, wenn sie die von den eigenen Leuten an der Basis absegnen lassen müsste. Dieses neue Kabinett steht für ein verzagtes Weiter-So. Auch im Wechsel von Gabriel zu Schulz im Außenamt sehe ich nicht automatisch einen Neuanfang. Zumal das Kapitel Außenpolitik eines der schwächsten des Koalitionsvertrags ist. Menschenrechte findet man da nur unter „ferner liefen“, und die Türkei-Passage signalisiert: Kuschelkurs statt harter Kante. Da sehe ich schon die nächste Teezeremonie für den einen oder anderen Regierungspolitiker aus Ankara vor mir. Einziger Unterschied: Diesmal zu Gast in Würselen statt in Goslar.

Das Interview führte Florence-Anne Kälble

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