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Von wegen Brexit - Warum die englischen Klubs Europa dominieren

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Liverpool und Tottenham stehen im Champions-League-Finale, Arsenal und Chelsea im Endspiel der Europa League. Englische Vereine dominieren Europas Wettbewerbe. Eine Spurensuche.

Fußball Premier League
Für viele die beste Liga der Welt: Die Premier-League.
Quelle: action images via reuters

Am Ende waren es mal wieder die Fans des FC Liverpool, die die ganze Sache mit ihrem feinen Humor am besten auf den Punkt brachten. "Brexit is for Mancs. We are staying in Europe" stand in weißen Lettern auf einem Banner, dessen Foto noch vor dem furiosen 4:0-Sieg der Reds gegen Barcelona im Netz kursierte. Ein kleiner Seitenhieb auf die ungeliebten Rivalen aus Manchester, die in der Königsklasse im Viertelfinale die Segel hatten streichen müssen. 90 Minuten und vier Tore in einem der spektakulärsten Spiele der Saison später war aus dem Banner Wirklichkeit geworden.

Es ist schon ein Treppenwitz der Fußballgeschichte, dass sich just zu der Zeit, in der Großbritannien krampfhaft versucht, die Europäische Union zu verlassen, die englischen Fußballvereine endgültig zu den dominierenden Klubs der europäischen Wettbewerbe aufschwingen und diese quasi gar nicht mehr verlassen können. Ein Fußballwunder in Liverpool, ein Londoner Märchen in Amsterdam - fertig war das britische Finale im wichtigsten Klubfußball-Wettbewerb der Welt. Einen Tag später zogen Arsenal und Chelsea nach.

Bundesliga als Ausbildungsliga für England

Ajax Amsterdam, deren Jahrhundertmannschaft so unglücklich gegen Tottenham ausschied, wäre der erste Champions-League-Finalist seit dem FC Porto 2004 gewesen, der nicht aus einer der vier großen Ligen England, Deutschland, Spanien oder Italien stammt. Die Kluft zwischen den kleinen und großen Ligen, sie ist riesig geworden. Allerdings tut sich aktuell auch eine Kluft zwischen den Top-Vier-Ligen auf, genauer: Zwischen der englischen Premier League und den restlichen drei.

Kevin De Bruyne
Über 50 ehemalige Bundesligaprofis spielen inzwischen in der Premier League. Einer davon: Kevin de Bruyne.
Quelle: action images via reuters

Die Zahlen dazu sind eindeutig: Während die englischen Klubs insgesamt 2,3 Milliarden Euro pro Jahr bekommen, gehen "nur" 1,16 Milliarden Euro an die Vereine der deutschen Bundesliga, 1,1 Milliarden Euro an die Klubs der spanischen Primera Division und 945 Millionen Euro an jene der italienische Serie A. Kein Wunder also, dass es die besten Spieler der Welt zumeist auf die Insel zieht. Über 50 ehemalige Bundesligaprofis spielen inzwischen in der Premier League, darunter nicht wenige Top-Spieler wie Kevin de Bruyne oder Leroy Sané, deren Wechsel erst drei beziehungsweise dreieinhalb Jahre her sind, die man sich aber kaum noch im deutschen Oberhaus vorstellen könnte. Denn wer, außer möglicherweise den Bayern, wäre in der Lage, sie zu bezahlen? In England können dies gleich eine Handvoll Klubs. Für diese ist die Bundesliga eine Ausbildungsliga geworden.

Expertise auf sämtlichen sportlichen Ebenen

Dass die Premier League mehr Geld einstreicht als der Rest, ist nichts neues. Es bringt aber auf Sicht einige bemerkenswerte Umstände mit sich. Etwa jenen, dass mit Tottenham ein Verein im Champions-League-Finale steht, der in der Liga in den letzten Jahren Dritter, Zweiter, Dritter, Fünfter und Sechster wurde. Schaffte dies ein deutscher Klub mit ähnlicher Bilanz, beispielsweise der FC Schalke 04, wäre dies nicht weniger als ein Fußballwunder. Aber durch die finanzielle Ungleichheit ist es eben so: Wer in England Fünfter wird, wäre in den von einzelnen Klubs dominierten Ligen Deutschlands, Italiens, Spaniens erster Titelkandidat neben Bayern, Juventus und Real Madrid und Barcelona.

Auch in den letzten zwanzig Jahren hatten die englischen Klubs einen finanziellen Vorsprung. Dieser ist aber mit der Zeit noch größer geworden, außerdem setzen die Klubs ihre Abermillionen mittlerweile nicht mehr nur dafür ein, die besten Spieler anzulocken. Sondern Expertise auf sämtlichen sportlichen Ebenen. Von 20 Trainern in der Premier League sind nur noch fünf Engländer, diese sind allesamt angestellt bei Abstiegskandidaten. Die besten Trainer der Welt findet man an der Tabellenspitze. Zum Vergleich: In Deutschland sind elf von 18 Trainern deutsch, unter den sieben Legionären sind zwei Schweizer, zwei Holländer, ein Österreicher, ein in Berlin geborener Kroate und ein seit 1997 in Berlin lebender Ungar.

Liverpool hat einen Einwurftrainer

Jürgen Klopp (li.) und Pep Guardiola
Ein brisantes Duell: Jürgen Klopp gegen Pep Guardiola.
Quelle: reuters

Hilfreich dabei ist freilich auch der strukturelle Vorteil der Sprache. So können die Klubs die besten Experten mit viel Geld auf die Insel locken, die Experten müssen nicht erst die Sprache des Landes lernen, in dem sie arbeiten und leben werden. Dementsprechend multikulturell setzen sich die Klubführungen, Trainerstäbe und Administrationen zusammen. Unter Pep Guardiola arbeiten bei Manchester City unter anderem fünf Spanier im Trainerstab, auch der sportliche Leiter Trixi Bergiristain ist Spanier, der Chefscout ein Italiener. Als Jürgen Klopp zum FC Liverpool ging, nahm er seine vertrauten Peter Krawietz und Zeljko Buvac mit, außerdem hat Klopp einen deutschen Fitnesstrainer, einen deutschen Physiotherapeuten sowie einen Co- und einen Torwarttrainer aus Holland. Zusätzlich zu den englischen Fachkräften, die Klopps gigantischen Staff komplettieren. Ähnlich sieht es bei den meisten englischen Klubs aus.

Und die Expertise in den Klubs wächst beständig weiter und erschließt neue Felder. Zuletzt machte der FC Liverpool Schlagzeilen, als Klopp einen Einwurftrainer engagierte. Thomas Ronnemark heißt der Mann, ist Däne, ehemaliger Athlet und Rekordhalter für den weitesten Einwurf aller Zeiten (51,33 Meter). Er soll Klopps Spielern "schnelle" und "kluge" Einwürfe beibringen, um so Konter einzuleiten. Ronnemarks Anstellung sorgte für viel Kopfschütteln, aber was es bringen kann, bei einer Standardsituation schneller zu reagieren als der Gegner, sah man zuletzt im Champions-League-Halbfinale, als Trent Alexander-Arnold eine Ecke blitzschnell ausführte und Divock Origi zum entscheidenden 4:0 traf. Auch Einwurftrainer Ronnemark wird sich in wenigen Wochen vielleicht Champions-League-Sieger nennen dürfen, und wer weiß, vielleicht ist es einer seiner eintrainierten Einwürfe, der das Finale entscheidet.

Der englische Fußball ist ein europäisches Projekt

So kurios das in Zeiten des Brexit klingen mag, aber der englische Fußball ist aktuell ein europäisches Projekt - und genau deswegen so gut. Nach dem Halbfinale meinte die englische Premierminsterin Theresa May, das Comeback des FC Liverpool als Metapher für ihr mögliches Comeback in den Brexit-Verhandlungen nutzen zu können. Prompt widersprach Englands Fußballlegende Gary Lineker auf Twitter: "Genau, eine multikulturelle Truppe mit einem deutschen Trainer, die darum kämpft, in Europa zu bleiben. Eine perfekte Analogie." Die Experten der Liga kommen mittlerweile aus der ganzen Welt, der Humor aber ist glücklicherweise britisch geblieben.

Weltweit bekannt, weltweit geliebt - die Premier-League:

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